Bilderbuch Ruppichteroth

Werden und Wachsen 1 - Zum Geleit (Autor unbekannt)

In diesem Jahre dürfen unsere beiden Chef-Senioren, die Herren Walter und Otto Willach, die 50. Wiederkehr jenes Tages feiern, an dem ihr Vater - Herr Hugo Willach sen. - sie als Lehrlinge in das von ihm begründete Unternehmen aufnahm.
In dankbarer Würdigung ihrer 50jährigen erfolgreichen Tätigkeit und zugleich als bescheidene Ehrengabe zu ihrem goldenen Betriebsjubiläum sei ihnen diese kleine Schrift zugedacht. Sie soll den Mitarbeitern und Freunden unseres Hauses in zwanglos plaudernder Form   vom Werden und Wachsen unserer Betriebe berichten. Möge sie ihnen Freude bereiten wie unseren beiden Jubilaren, denen sie in Liebe und Verehrung gewidmet ist.

Ruppichteroth, 1. Mai 1961
Huwil- Werke
Hugo Willach & Söhne
Ruppichteroth, Bez. Köln

 

Ein alter Kirchspielort

Das waldige abwechslungsreiche Bergland zwischen der rechtsrheinischen Sieg und der ihr von Nordosten zufliessenden Agger ist vielfältig durchschnitten von    
lieblichen Tälern.
Zu den anmutigsten und reizvollsten dieser Täler gehört das verträumte Tal des Brölbaches. Es erstreckt sich mit zahllosen Windungen und Schleifen und Windungen vom oberbergischen Städtchen Waldbröl bis hinab zur Mündung der Bröl in die Sieg nahe dem Kneippkurort Hennef.
Ungefähr im oberen Drittel der romantischen Strasse, die von Waldbröl aus fast zwanglos dem Verlauf dieses Tales folgt, liegt im Becken der Ruppichterother-Schönenberger Kalkmulde und zu Füssen des langgestreckten Höhenrückens des Nutscheid der alte Kirchspielort
Ruoprehtrothe oder Ruppretrode, das heutige Ruppichteroth.
Die Vorgeschichte dieser alten Siedlung verliert sich weit im Dunkel. Immerhin ist ihr Name schon aus dem Jahre 1121 nachweisbar. Es ist also anzunehmen, dass ihre Geschichte bis in das vorige Jahrtausend zurückreicht. Für diese Annahme spricht nicht zuletzt auch die Tatsache, dass in Ruoprethsrothe bereits zu Beginn des 12, Jahrhunderts eine Kirche erbaut wurde, die nach einer aus dem Jahre 1131 stammenden Urkunde dem St. Kassius-Stift in Bonn zinspflichtig war.
Diese alte Kirche, die Ruppichteroth schon in frühen mittelalterlichen Tagen zu einem eng mit Köln und Bonn verbundenen Kirchspielort machte, besteht aus einem Langhaus in Form einer romanischen Pfeilerbasilika und einem schlichten romanischen Turm. Sie nennt eine Reihe sehenswerter Kunstwerke ihr eigen - einen romanischen Taufstein und ein romanisches Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert, eine aus der Zeit um 1480 stammende Holzskulptur des heiligen Michael und einige eindrucksvolle farbige Glasfenster aus dem Jahre 1500.
Jahrhunderte hindurch lebte der alte Kirchspielort inmitten der waldreichen Natur ein Leben der abseitigen Stille.

Die wirtschaftliche Situation in Ruppichteroth im 19. Jahrhundert

Man ackerte oder schlug Holz, man zog zur Heumahd oder zur Jagd. Das Dasein war noch einfach zu jener Zeit. Aber weil Acker-, Vieh- und Forstwirtschaft dennoch nicht ausreichten, dieses Dasein in vollem Umfang zu erhalten, ging man vom 15. Jahrhundert an verstärkt dazu über, die an Ort und Stelle vorhandenen Erze und Kalksteine nutzbar zu machen.
Allmählich stellten der Erzabbau in den Eisengruben sowie die ihm verbundenen Eisenschmelzen eine Einnahmequelle für den alten Kirchspielort dar, die noch bis ins 18. Jahrhundert hinein recht beachtenswert war. Nicht minder ertragreich erwies sich die im Gefolge des Kalkabbaus entstehende Kalkbrennerei. Sie versorgte mit ihren Kalköfen vor allem das Siegtal und den zum Siegtal abfallenden Westerwald mit Mauer- und Düngekalk.
Es fügten sich Jahrzehnt zu Jahrzehnt und Jahrhundert zu Jahrhundert. Der Erzabbau und die Kalkbrennerei stiegen von ihren frühen Anfängen zur Blütezeit und verloren allmählich wieder ihre wirtschaftliche Bedeutung für die Bewohner des alten Kirchspielortes. Es kamen bittere Notzeiten über sie, die manche von ihnen bestimmten, die geliebte Heimat zu verlassen und jenseits des grossen Wassers in der Neuen Zeit bessere Lebensgrundlagen zu suchen.
Während sich dieses alles hier begab, hatten sich fern vom Bröltal Schicksalsfäden geknüpft, die in ihrem Verlauf bis in das abseitige Tal der Bröl reichten und schliesslich aus dem alten Kirclispielort zu Füßen des Nutscheid einen in aller Welt bekannten Industrieort machen sollten.
Welcher Segen mit dem Einzug der Industrie für die rheinische Bevölkerung verbunden war, ergibt sich beispielhaft aus den Jugenderinnerungen  einer nunmehr 85jährigen. Der Bruder dieser Frau arbeitete nach dem Kriege von 1870/71 in einem Texttilbetrieb in Eitorf an der Sieg. Und um zu allmorgendlichen Arbeitsbeginn um 6 Uhr rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz zu sein, musste er sich bereits um 4 Uhr früh zu dem etwa 14 km entfernten Eitorf auf den Marsch machen. Das bedeutete für die ihn betreuende Schwester, dass sie bereits um 3 Uhr in der Nacht aufstehen und das Frühstück richten musste. Bei der damaligen Arbeitszeit hatte der um 4 Uhr früh aufgebrochene Bruder erst abends um 18 Uhr Feierabend. Nun lag wiederum ein zweistündiger Fussmarsch vor ihm, so dass er glücklich um 20 Uhr daheim war.Das ging so zwölf Jahre hindurch, Tag für Tag, bei jedem Wetter. Ein wahrhaft schweres Leben, das endlich ein wenig leichter wurde, als dieser Mann eine Stellung in dem nur 6 km entfernten Homburger Bröltal in einer Papierfabrik fand
Dieses Beispiel stellte keineswegs ein Kuriosum oder eine Seltenheit dar. Das Bröltal bot nach Rückgang der Kalkbrennerei und des Erzabbaus ausser seinen dürftigen Äckern und der Waldwirtschaft kaum nennenswerte Erwerbsmöglichkeiten. Und die ersten industriellen Betriebe vor der Jahrhundertwende lagen weit ab von der obendrein verkehrsmässig unzulänglich erschlossenen Landschaft an der Bröl. Wer also gezwungen war, die wirtschaftlichen Grundlagen für sich und seine  Familie ausserhalb der begrenzten Erwerbsmöglichkeiten seiner Brölheimat zu suchen, der musste zeit- und kraftraubende lange Anmarschwege in Kauf nehmen, wenn er überhaupt Arbeit fand. Erst die Schaffung einer an der Bröl beheimateten eigenen Industrie konnte diesen misslichen Zuständen ein segensreiches Ende machen.

 

Die Familie Willach aus Villach in Kärnten/Österreich

Alte und, neue Heimat 

Von Villach (Kärnten/Österreich) nach Dierdorf (Westerwald)  

Wie so manche Bauernsippe im rheinischen Bröltal, so hatte im Österreichischen Jahrhunderte hindurch die Bauernsippe der Willachs nahe der namensgebenden Stadt Villach in Kärnten ihren täglichen Dienst an der Erde getan.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts verließ ein Zweig dieser Sippe seine bisherige Heimat und wanderte aus.  Auf den Höhen des rheinischen Westerwaldes fand er dann in dem  Ort Dierdorf nahe Neuwied seine neue Heimat.

Von Dierdorf (Westerwald) nach Ruppichteroth (Bröltal)

Einer der sich so in Dierdorf angesiedelten Willachs nahm als Oberförster Dienste beim Förster zu Wied, die übrigen aber blieben wie ihre Väter und Vorväter Bauern. Bauer war auch jener Johann-Friedrich Willach, den die in Kärnten geknüpften Schicksalsfäden um die Mitte des 18. Jahrhunderts in das Bröltal führten und hier zum Stammvater einer neuen Willach-Sippe werden liessen. Sie sollte mit den nachwachsenden Generationen im Bergland zwischen Sieg und Agger immer tiefer Wurzeln schlagen und schliesslich einen höchst bedeutsamen Einfluss auf die wirtschaftliche Gestaltung ihrer neuen Heimat nehmen.    
Es war die Liebe zu einem Mädchen, die Johann-Friedrich Willach den Weg von Dierdorf aus dem Westerwald ins Bröltal nehmen ließ. Er machte diesen Weg nicht umsonst; denn durch einen noch im Familienbesitz befindlichen Ehestandsvertrag ist dokumentarisch belegt, dass er im Jahre 1754 nach Ruppichteroth einheiratete und so im Bröltal sesshaft wurde.
Es war eine Sesshaftigkeit von Dauer und Bestand. Jedenfalls entstand aus dieser im Jahre 1784 geschlossenen Ehe des Johann-Friedrich Willach mit der ehrsamen Jungfer Anna Regina Stommel in der Folge der Generationen ein sich immer mehr verbreitender Familienverband. Er hat inzwischen eine solche Ausdehnung gefunden, dass der Ort Ruppichteroth heute bei rund 9oo Einwohnern allein etwa 60 Willachs zählt. Damit ist weniger als jeder fünfzehnte Bürger dieses alten Kirchspielortes Träger des aus dem Lande Kärnten stammenden Familiennamens.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts Zeit wechselten dann die ersten Willachs vom Bauernstand hinüber in den Kaufmannsstand und kamen damit in kluger Einsicht dem anhebenden Wandel des gesamten wirtschaftlich-gesellschaftlichen Gefüges entgegen.
Zu den derart früh die Zeichen der  aufsteigenden neuen Industriegesellschaft erkennenden Willachs gehörte auch der in unserer Chronik nicht unwichtige Bauernsohn und spätere Kaufmann Wilhelm Willach. Er errichtete nach den Befreiungskriegen im heimischen Ruppichteroth ein heute noch bestehendes, wenn auch unter anderem Namen weitergeführtes Kaufhaus (Anm: Kaufhaus Schumacher) und fügte ihm im Laufe der Zeit Niederlassungen in Felderhoferbrücke, Leuscheid, Altenkirchen und Neuwied hinzu.
Aber nicht nur sein Geschäft weitete sich allmählich gedeihlich aus - auch seine Familie nahm von Jahr an neuem Leben zu. Sie durfte schliesslich auf einen selbst für damalige Zeiten stattlichen Kindersegen von nicht weniger als insgesamt vierzehn Söhnen und Töchtern stolz sein. Zu diesen vierzehn Kindern gehörte als Siebentgeborener der am 22.- Juli 1863 das Licht der Weltt erblickende Sohn Hugo Willach. In ihm haben wir den Begründer des heute den Namen Huwil-Werke tragenden Industrieunternehmens vorzustellen, durch dessen Tore  Morgen für Morgen rund 1.000 schaffende Menschen an ihren Arbeitsplatz strömen, eine Zahl, die grösser ist als die Gesamteinwohnerzahl Ruppichteroths. Diese Gründung machte in Verlauf von nur wenigen Jahrzehnten aus dem weltverlorenen Kirchspielort von einst einen namhaften Industrieort von Weltruf.

weiter zu Werden und Wachsen 2