Auf Basis der Recherchen von Erich Schreiber in seinem Buch „Wie es einmal war - Erinnerungen an die alte Zeit" sowie anderer Quellen möchten wir auf www.bilderbuch-ruppichteroth.de einen historischen Überblick über die Entwicklung der Ruppichterother Kirmes geben. Manche der ausgewerteten Quellen stammen aus den benachbarten Gemeinden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Verhältnisse in Ruppichteroth sehr ähnlich waren.
Erich Schreiber:
Das Marktwesen in unserem Raum kann auf eine über 600-jährige Überlieferung zurückblicken. Es gibt urkundliche Belege (Marienhagen, Bergneustadt u.a.). Da mit den Märkten stets auch die Kirmes verbunden war, bildeten sie den Höhepunkt des kirchlichen und wirtschaftlichen Lebens. Ursprünglich war die Kirmes das Fest, das zur Erinnerung der Kirchweihe, der kirchlichen Weihe des neuen Gotteshauses und zu Ehren seines Schutzheiligen (Patrons) gefeiert wurde. Das Wort Kirmes ist aus Kirchmesse entstanden und bedeutete ursprünglich Messe zur Feier der Kirchweihe. Nach alten Urkunden wird die Pfarrei Ruppichteroth erstmals 1131 genannt. Es ist anzunehmen, daß die Kirmes im 11. spätestens im 12. Jahrhundert entstanden ist. An den beiden Markttagen war bereits im Mittelalter auf den Kirchdörfern ein buntes Leben und Treiben. Die Bergwerke und Hauswebereien boten guten Verdienst an, so daß die Krämer und Händler auf den Märkten viele Abnehmer für ihre Waren fanden.
Eine alte Bäuerin aus Ruppichteroth berichtete anschaulich von ihren Kirmeserlebnissen in den achtziger Jahren:
»Die beiden Kirmessen im Juni und Oktober waren hier die einzigen Volksfeste und für uns Kinder ein großes Ereignis. Wochenlang haben wir dafür gearbeitet und gespart. Das meiste Kirmesgeld mußten wir uns bei der Kartoffelernte verdienen. Die »Scharrer« bekamen damals den Tag 80 Pfennig, wir »Obleeser« nur 25 Pfennig. Das waren sauer verdiente Groschen, aber wir waren stolz darauf, wenn es zuletzt tüchtig im Säckchen klimperte. Wir haben auch viel Faulbaumrinde geschält. Ein Mann von der Benrother Pulverfabrik holte sie auf einem Wagen ab. Vom Kirmesgeld haben wir der Mutter noch einen »Johrkoochen« mitgebracht. Das war ein Honigkuchen mit Zucker darauf und halben Mandeln an den Seiten. Am meisten freuten wir uns auf die »Recktschoel« (Reitschule). Das waren früher die Karussell. Wir holten die Karussellwagen schon von weitem ab. Die Jungen halfen gerne beim Aufbau und bekamen dafür einige Freifahrten. Eine Schiffsschaukel oder andere Fahrzeuge gab es damals noch nicht. Das Karussell wurde von Pferden gezogen und die Orgel mit der Hand gedreht. Die alte Marx Rika sang dabei so laut, daß es durchs ganze Dorf schallte. Wir Jungen und Mädchen waren glücklich und stolz, wenn wir au f hölzernen Pferden saßen. Die Fahrt auf einem großen Pferd kostete 5 Pfennig, auf einem kleinen 3 Pfen¬nig, das Stehen an einer Stange 2 Pfennig. Auf der Marktstraße oben im Dorf war am Kirmessonntag und -montag ein großes Gedränge. Es kamen nämlich Kinder und Erwachsene von weither, sogar aus dem ganzen Mucher und Nümbrechter Land. An beiden Seiten standen die Buden und Verkaufsstände bis weit hinunter ins Dorf. Da war ein Bäcker aus Waldbröl mit einem Berg von großen und kleinen Wecken mit Zucker darauf. Er rief immer dasselbe: »Jongen on Mädchen, ko ft! ko ft! Für en Chroschen deckesatt, für fönnef Penneng hallef satt!« Auch die Bude vom Dax in Grunewald war immer dicht belagert. Der verkaufte leckere Honigkuchen mit Kandis drauf, auch Herzen aus Lebkuchen mit schönen Liebessprüchen auf Papier. Aus Nümbrecht kam ein Bäcker mit gekochten Brezeln, die besser schmeckten als die gewöhnlichen. In einer Bude gab es Zuckerwaffeln. Die waren gerollt und schmeckten prima. In anderen Buden konnte man rosa Alpenbrot, Berliner Ballen und »Quetschentaten«, also Zwetschentorte, Plattenkuchen kaufen. Das alles waren für uns Kinder wahre Leckerbissen; denn wir kannten noch keine Teilchen und Torten. Wenn die Eltern für uns Mädchen eine schöne Puppe oder neue Spielsachen kauften, waren wir besonders glücklich. Die älteren Mädchen standen haufenweise bei den »Ußklöppern«. Auf den Tischen lagen bunte Kopftücher. Die schwenkte der Händler in der Luft herum, klopfte feste drauf und rief: »Hier feine Tücher für die Mädchen und Damen! So billig nie wieder. Nur zwei Mark. Ich sage noch billiger, nur eine Mark fünfzig. Ich verschenke sie halb und sage: Nur eine Mark!« Solche Kopftücher wurden damals an Stelle eines Hutes getragen. Als ich vierzehn Jahre alt war, kamen die ersten Frauenhüte auf. Ich bekam einen dunkelroten geschenkt, aber ich schämte mich, ihn aufzusetzen. In der Kirche zeigte man mit Fingern auf Frauen, die so neumodische Hüte aufhatten. Fertige Kleider, Hosen und Jacken wurden auf Kirmessen noch nicht verkauft, aber ein Händler hatte allerlei Haushaltsgeräte auf seinem Stand. In den Wirtschaften ging es hoch her. Die Burschen und Mannskerle aus dem Mucher Land waren große »Schlüpper on Klöpper«, Trinker und Schläger. Wenn sie viel getrunken hatten, schlugen und balgten sie sich manchmal, daß der hohe, runde Stubenofen umfiel. Dann sprangen die Frauen dazwischen und rissen ihre Männer aus dem Gewühl..
Am Sonntagabend war in zwei Wirtshaussälen Kirmesball für das »gewöhnliche Volk«. In den Sälen war es meist so voll, daß kein Platz zum richtigen Tanzen war. Das war ein lustiges Drehen, Hüpfen und Springen beim Walzer, Schottisch, Rheinländer, Galopp oder Mazurka und »Katrillje«, der Quadrille, auch Viertanz genannt. Am Montagabend kamen dann die »feinen Herrschaften« zum Tanz. Die Damen trugen große, weiße Balltücher, was vornehm aussah. Bei den Bällen ging es meist durch bis zum frühen Morgen.«


Hier ein Bericht aus der Waldbröler Zeitung vom 27.10.1926: Kirmes in Ruppichteroth
Unsere diesjährige Kirmes hatte sehr unter der Ungunst der Witterung zu leiden. Ein bekanntes Sprichwort sagt zwar: Kühl und naß, füllt dem Bauern das Regenfaß. Aber kühl und naß ist doch nicht die rechte Temperatur, in der eine gewisse Feststimmung aufkommen kann. Auf dem Markte war zwar am Sonntag zeitweise noch allerhand Verkehr. Abends in den Tanzsälen herrschte noch ziemlich Massenandrang, wie es in dem Inserat der Ww. Kremer vorgesehen war. (... hat also doch etwas prophetische Anlagen). Im Großen und Ganzen aber dürfte das Sonntagsgeschäft sehr wenig befriedigt haben. Da der Barometer am Sonntagnachmittag anfing, etwas in die Höhe zu gehen, so hegte man neue Hoffnungen für den Montag. Wirklich war das Wetter am Montagmorgen zwar kalt, aber doch trocken und so glaubte man für den Nachmittag, der ja den eigentlichen Kirmestrubel bringt, bessere Aussichten zu haben. Jedoch auch diese wurde buchstäblich wieder zu Wasser, da am Nachmittage erneut der kalte Regen einsetzte, so daß fast keine Menschen auf dem Markte zu sehen waren, wodurch das Marktgeschäft erledigt wurde. Abends in den Sälen herrschte indessen noch reges Leben, aber unsere böse Wirtschaftslage war veranlassend, daß nur verhältnismäßig wenig verzehrt wurde.. Auf keinen Fall hat das diesjährige Kirmesgeschäft auch nur in etwa befriedigt. Diese böse Erfahrung wird also mitbestimmend sein, die Bestrebungen, unsere Kirmes in den Sommer zu verlegen, neu anzufachen.
in Vorbereitung
»Als weltliche Vergnügungsstätte sind hervorzuheben Markt und kleine Kirmes auf Sommer-Johannistag bzw. auf den vorhergehenden Sonntag, und die größere Kirmes, welche mit dem Severinus-Patrozinium zusammentrifft; daß bei Gelegenheit beider Kirmesfeste auch Tanzmusik und Ball stattfindet, ist natürlich. Der zuletzt erwähnte Herbstkirmesmarkt muß in früheren Jahrgängen von weit und breit her stark besucht worden sein; in der Gegenwart ist er so großartig nicht mehr. Im Jahre 1867 wurden zu Ruppichteroth probeweise auch einige Viehmärkte abgehalten, und zwar auf dem Wiedenhof hierselbst bei der 1893 niedergelegten alten Pfarrscheune, die nach Buch kam; man hatte diesen »Markt-Platz« schon auf die Dauer von mehreren Jahren angepachtet; das eine und andere Mal ward auch eine Menge von Vieh angetrieben, dann aber ließ die Betreibung des Viehes dermaßen nach, daß solche Viehmärkte nicht mehr gehalten wurden.«
Aus alten Urkunden geht hervor, daß die Kirmes und Wochenmärkte für jene Zeit als lebensnotwendige Einrichtungen angesehen wurden und wirtschaftlichen Sorgen abhelfen sollten. In homburgischen Strafakten des 16. Jahrhunderts werden Märkte in allen Kirchorten oft erwähnt. Wir sind noch im Zeitalter des Faustrechtes, wo Streitigkeiten und Schlägereien auch auf den Märkten an der Tagesordnung waren, wo jeder zur eigenen Sicherheit Hieb- und Stichwaffen mit sich führte und sich das Recht zur Verteidigung selbst nahm. Die Zech- und Rauflust endete nach den zahlreichen Vergehen zu urteilen, gar zu oft in blutigen Schlägereien mit Handbeil, Degen und »bloßer Waffe« (blanker Waffe). Die Märkte waren ein Stelldichein der Raufbolde, Beil- und Degenhelden.
»... haben sich zu Nümbrecht im Markte geschlagen, also daß Johenngen dem Schlosser von Harscheid die Hand verwundet und lange bettlägerich worden ...«
»zu Nümbrecht im Markte gehauen«; »mit einem Degen gestochen. 1567 clagt Jakob Soentgen uff dem Cleff, wie ihn Rorich zu Fischbach, Bergisch, (ein bergischer Untertan aus dem »Ausland«) uff Sonntag den 4. März Anno 1567 uff der Kirmes mit einem langen Degen eine Handt über die helfte abgehauen ...«.
»1560 hatte Engelbert uff dem Schmitzenberg zu Freckhausen den Peter Schomecher zu Nümbrecht in des Bestgens Haus mit einer Pannen ein groß Loch uff den Köpf geschlagen und uff der Nasen wundt ...«.
Die Landesherrschaft erhob von allen Märkten ein geringes Standgeld, dessen Einziehung Aufgabe der Schultheißen war. 22 Albus (Albus ein Weißpfennig = 4 Pfennig, Währung bis 1795). Die geringen Beträge lassen darauf schließen, daß die Wochenmärkte bis dahin noch recht unbedeutend waren. Im 18. Jahrhundert sind uns dann zahlreiche Nachrichten über heimische Märkte und Kirchmessen überliefert. 1729 beträgt das Standgeld 2 Reichsthaler.
Krämer und Weißbrotbäcker halten ihre Waren vor Kirchen und Märkten feil. In Nümbrechter scheinen die auswärtigen Händler viel Verdruß gemacht zu haben. Die Nümbrechter wenden sich 1740 in einer Eingabe an ihren Landesherrn von Homburg. Sie fordern den fremden Händlern den Zutritt zu untersagen, weil das Geräusch den Gottesdienst störe. Daraufhin wurde das Handeln und Lärmen an Sonntagen vor der Kirche verboten.
Wegen der geschäftlichen Nachteile wandten sich die Nümbrechter 1770 an den Grafen mit der Bitte um Aufhebung des Verbotes. Dieser forderte von Pfarrer Hengstberg ein Gutachten. Er bescheinigte,daß ihn der Verkauf von Gebäck nicht störe und viele Leute dadurch von der liederlichen Gesellschaft in den Wirtshäusern zurückgehalten würden. Das Verbot wurde aufgehoben.
Um 1880 werden Märkte und Kirmessen im Waldbröler, Homburger und Ruppichterother Raum häufig in den Kontenbüchern von Niederelben (1788-1830), Niederbreidenbach (1804-1875) und anderen erwähnt. Aus den Angaben erfahren wir im einzelnen die Markttage, Art und Preise der verkauften Waren und Herkunft der Besucher. Bauern, Handwerkern, Bergleute, Knechte und Mägde wanderten oft stundenweit zu den Kirchenorten, um sich mit Stoffen und Kleidungsstücken einzudecken und sich an den leckeren und seltenen Wecken, Brezeln und Honigkuchen gütlich zu tun. Auch die Kehle kommt nicht zu kurz und wird manchmal allzureichlich mit Bier und starkem Branntwein benetzt. Und wo gäbe es eine Kirmes, bei der nicht das Tanzbein geschwungen würde. Vor allem scheint das junge Volk und das Gesinde dieses Volksfest gerne und oft aufgesucht zu haben und es ist verständlich, daß die Burschen und Mädchen aus der Fron der harten Arbeit, aus der Dürftigkeit und Eintönigkeit des »Hoflebens« gerne entflohen und sich nach Geselligkeit, Abwechslung und Vergnügen sehnten.
Knechte und Mägde lassen sich vom Bauer mit Geld versorgen oder wünschen sich nützli¬che Kleidungsstücke, die natürlich alle angeschrieben werden und vom kärglichen Barlohn (2-5 Reichsthaler) und Kleidung jährlich abgeben.
Lassen wir die Anschreibebücher einmal sprechen:
»1795 den 25ten Merz, wie er nach Berghaußen nach der Kirmes gehen wollen, ich ihm zahld 12 Stüber (12 Stüber = 6 Pfennig).«
»1794 den 22ten Merz ich ihm zu Nümbrecht auf der Kirmes zald 18 Stüber«.
(Zum Vergleich: Eine Kuh kostete damals 15-20 Reichsthaler).
An den Markt- und Kirmestagen ließ man auch Übeltäter zur Bestrafung und Warnung vorführen, wie im Jahre 1771 jenen Thünes (Antonius), der Korngarben gestohlen hatte und mit einer Korngarbe im Arm öffentlich auf dem Markt im Stock ausgestellt wurde. Das war der Holzblock, Klotz, in dem man Übeltäter mit einem Halseisen befestigte oder ihnen die Füße im durchlöcherten Stock einschloß. (Wer das hier oder im Homburger Turm besorgte, hieß der Stocker; daher der Familienname Stöcker). Dann kam der Übeltäter zur Auslieferung an die königlich preußischen Werbern zu Kriegsdiensten.
Die mündliche Überlieferung weiß noch davon zu berichten, wie im 18. Jahrhundert Diebe und andere »Ondöchte« an den Pranger gestellt wurden. Vor den Kirchen stand ein »Schandpohl« mit Halseisen. Die Übeltäter wurden darin eingeschlossen und verspottet, dann über die Grenze gejagt.
Aus mündlicher Überlieferung weiß ich von meinem Vater, daß sie ihre wenigen Textilien einmal im Jahr auf der Eitorfer Kirmes kauften, und daß am Kirmesmontag gegen Abend, weil man dann die Waren herunter handeln konnte. Für diesen »Großeinkauf« wurde das ganze Jahr über gespart. Die Kirmes war nach Weihnachten das größte Ereignis des Jahres. Ich habe noch in den 30iger Jahren tagelang bei uns und anderen Bauern Kartoffeln aufge¬lesen, um ein paar Mark Kirmesgeld zu haben. Die Einladung dazu hörte sich etwa so an: »Äm Donnerschdach welle mer Epel usmachen do künns du us jot jet helpen. Krich’s och jet Kirmesgeld dofür.«
In der Kirche ging es bei Pastor Werner sehr feierlich zu.
Als kleines Kind (20er Jahre) war ich besonders beeindruckt von 4 bunten etwa 50 cm breiten Schleifen aus Seide, die im Kirchengewölbe befestigt waren und wie ein Baldachin herabhingen und dann an 4 Pfeilern in einer großen Schleife festgemacht waren.
„Kirmes war eben »das« Fest und ist es bis zum heutigen Tage geblieben."

Weitere Informatonen und Links zur Schaustellerfamilie Löbach folgen in den nächsten Tagen.