Bilderbuch Ruppichteroth

Der jüdische Friedhof in Ruppichteroth

Die erhaltenen Grabsteine

Über die Geschichte und die Belegung des jüdischen Friedhofs an der Herchener Straße in Ruppichteroth war bisher wenig bekannt. Karl Schröder erwähnte mehrfach, dass die erste dort beerdigte Person die allseits bekannte und beliebte Sarah (Sahrchen) Isaak  aus Velken war (gest. 15.5.1930), die als Hebamme vielen Ruppichterothern geholfen hat, das Licht des Lebens zu erblicken.

Seit 1980 ist der Friedhof am 9. November das Ziel des jährlichen Schweigemarsches anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938.

Ansonsten erhalten wir an  verschiedenen Stellen im Internet folgende knappe und zum Teil falsche Informationen:  „Der Friedhof in der Herchener Straße wurde um 1928 angelegt und bis 1935 belegt, nur zwei Grabsteine sind erhalten (Reuter 2007). „Vor Einrichtung ihres eigenen Friedhofs nutzten die Juden in Ruppichteroth den Friedhof in Nümbrecht. Pracht vermutet, dass sich hier etwa 11 Grabstätten befinden, wenngleich nur 2 Steine vorhanden sind.“ (uni-heidelberg.de, 2011)" Quelle: https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-12935-20110704-2) :.

bilderbuch-ruppichteroth.de hat die Geschichte des Friedhofes anhand zahlreicher Dokumente und mit Hilfe eines Experten, Herrn Walter Schiffer,M.A., M.Th., recherchiert. Im Folgenden finden Sie die Ergebnisse dieser Recherchen:
 

Die Entwicklung des jüdischen Friedhofs in Ruppichteroth im Überblick:
  • 1924: erster Antrag der jüdischen Synagogengemeinde Nümbrecht, zu der die Ruppichterother Juden gehörten, auf Errichtung eines jüdischen Friedhofes in Ruppichteroth  
  • 1924: nur wenige Monate nach dem Antrag wird dieser vom Bürgermeister „zu den Akten gelegt“
  • 1927: erneuter Antrag auf „Errichtung eines jüdischen Friedhofes in Ruppichteroth“
  • 1928: Genehmigung der „Neuanalage eines israelitischen Friedhofes zu Ruppichteroth“ durch den Landrat
  • 1930: Sarah Isaak aus Velken (gest. am 15.5.1930) wird als erste Person auf dem jüdischen Friedhof in Ruppichteroth bestattet.
  • Zwischen 1930 und 1940 werden insgesamt 11 Personen hier bestattet.
  • 1949: durch einen Erlass des Kultusministers von Nordrhein-Westfalen wird die Gemeinde Ruppichteroth verpflichtet, die Instandsetzung und die Pflege vorzunehmen
  • 1955: der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein erklärt im Schreiben vom 2.6.1955, dass der jüdische Friedhof in Ruppichteroth ab sofort „als geschlossen anzusehen“ ist.
  • 1955: mit Schreiben vom 9.11.1955 teilt der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein mit, dass „die Jewish Trust Corporation for Germany als Eigentümer dieses Friedhofes eingetragen ist“.

Insgesamt sind 11 Grabstellen erhalten, davon eine als Doppelgrab. Ein Grab des Doppelgrabes wurde nicht belegt (Erklärung s.unten). Erhalten sind 2 Grabsteine mit Inschriften zu 3 Personen.
 

Die Geschichte des Friedhofs von 1924 bis heute

Das erste Dokument zur Errichtung eines jüdischen Friedhofs in Ruppichteroth stammt vom 13.08.1924. Es ist ein Schreiben des Bürgermeisters von Ruppichteroth an  Gustav Gärtner, in welchem der Bürgermeister (Manner)  auf ein Schreiben/einen Antrag von Gustav Gärtner den Beschluss des Vorstandes der zuständigen Synagogengemeinde sowie weitere Unterlagen betreffend die Anlage eines jüdischen Friedhofs in Ruppichteroth, zu der die Filialgemeinde Ruppichteroth gehört, anfordert.
Schon am 21.09.1924 macht der Bürgermeister in dieser Angelegenheit einen Vermerk: „Vorläufig z. d. A.“ (=vorläufig zu den Akten):

Erst ca. zweieinhalb Jahre später, am 12. Februar 1927, beschließt die Gemeindeversammlung der israelitischen Synagogengemeinde Nümbrecht in Waldbröl unter Punkt 2 der Tagesordnung erneut die Errichtung eines Friedhofes in Ruppichteroth:

Daraufhin  stellt Moses Hess aus Ruppichteroth am 14.06.1927 als Vorsitzender „jüdischen Synagogengemeinde Nümbrecht, zu welcher die in Ruppichteroth ansässigen jüdischen Familien gehören“ einen erneuten Antrag „bei Ruppichteroth einen jüdischen Begräbnisplatz anzulegen“. Moses Hess begründet dies mit dem Plan der Ruppichterother Juden „sich demnächst selbständig zu machen“ und vor allem mit der Tatsache, dass man es den „Leuten nicht länger zumuten (kann), ihre Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Nümbrecht zu beerdigen, da Nümbrecht von Ruppichteroth für einen Leichenzug immerhin eine Wegstrecke von ca. 2 Stunden betragen wird“.

Am 10.04.1927 teilt Moses Hess dem „Bürgermeisteramt Ruppichteroth“ mit, dass der Platz für den Friedhof an der Straße von Ennenbach nach Kesselscheid von einem Herrn Stommel aus Kesselscheid  gekauft sei.
Das Schreiben endet mit der Bitte um „einen angemessenen Zuschuß“.
Dieser Platz entspricht aber nicht der späteren Lage des jüdischen Friedhofes. Offensichtlich hat es in den wenigen Monaten zwischen April 1927 und Dezember 1927 eine Planänderung bezüglich der Lage des Friedhofes gegeben.
In einer vom „Preußischen Katasteramt Much“ handgezeichneten Katasterkarte vom 13.12.1927 ist die Parzelle 83 (= die heutige Lage an der Herchener Straße) als geplante Fläche für den Friedhof eingetragen. Erworben wurde diese Parzelle vom Ackerer Karl Helpensteller.
Die Fläche des Friedhofs ist ca. 2000 m², die Fläche des Gräberfeldes beträgt ca. 125 m².

Genehmigung durch den Landrat am 13.12.1928

Am 13.12.1928 genehmigt der Landrat „die Neuanlage eines israelitischen Friedhofes zu Ruppichteroth“ an der Straße nach Dattenfeld („Gemarkung Velken … Flur 7, Parzelle 83“).

Begräbnisordnung

Die eingereichte „Begräbnisordnung“ wurde lt. Mitteilung des Bürgermeisters vom 4.6.1929 durch den Regierungspräsidenten in Köln genehmigt:

Ein erneuter Antrag des Vorsitzenden Moses Hess um Bezuschussung der Anlage des Friedhofes wurde mit Beschluss des Gemeinderates vom 27.9.1928 „aus prinzipiellen Gründen … einstimmig abgelehnt“.
Ein weiterer Antrag auf Unterstützung vom 30.12.1929 wurde am 28.3.1930 ebenso „aus grundsätzlichen Erwähnungen abgelehnt“.

Für die Zeit zwischen März 1930 und Juni 1945 liegen keine weiteren Unterlagen vor.

Der jüdische Friedhof nach 1945

Am 2.7.1945, also gut 2 Monate nach Ende des Krieges, verfügte der Amtsbürgermeister, dass der jüdische Friedhof wieder herzustellen sei „sowie die Kosten die durch die Arbeit an den Wegen entstehen sollen von denjenigen wohlhabenden Personen die Mitglieder der N.S.D.A.P waren anteilmässig getragen und eingezogen werden“ (sic).
Am 14.6.1945 benannte der Amtsbürgermeister 7 Personen aus der Gemeinde Ruppichteroth, die Arbeiten am jüdischen Friedhof durchzuführen und „so vorwärts zu treiben, dass dieselben in kürzester Frist fertig gestellt sind“.  
Solche Benennungen von Personen - meist auf Drängen der Besatzungsmächte - sind auch aus anderen Gemeinden bekannt. Benannt wurden dabei meist Personen, die früher Mitglieder der NSDAP waren oder durch ihr Handeln und Verhalten gezeigt hatten, dass sie ihr nahestanden.
In den folgenden Jahren gibt es noch verschiedene Schriftwechsel zwischen der Amtsverwaltung in Ruppichteroth und dem Vorsitzenden der Synagogen-Gemeinde Siegkreis, Erich Bendix, der seinen Wohnsitz und sein Büro im ehemaligen Haus Hess in der Wilhelmstraße 17 hatte (gleichzeitig Sitz der Synagogengemeinde des Siegkreises).  Herr Bendix mahnt mehrfach noch zu erledigende Arbeiten an, die nach seinen Aussagen zwar vom Gemeinderat beschlossen, aber nicht zügig umgesetzt wurden.

Die Schließung des Friedhofs

Da Herr Bendix als einziger noch lebender jüdischer Bewohner in Ruppichteroth „keinen Wert darauf legt, einst auf dem jüdischen Friedhof in Ruppichteroth beigesetzt zu werden“, teilt der der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein im Schreiben vom 2.6.1955 an die „Amtsverwaltung Ruppichteroth“ mit, dass der jüdische Friedhof in Ruppichteroth ab sofort „als geschlossen anzusehen“ ist:

Die in diesem Schreiben an die Gemeinde Ruppichteroth übertragene Pflicht zur „Unterhaltung und Pflege dieses Friedhofes“ wird seit 1956 von der Gemeinde erfüllt. 
Grundlage dieser Verpflichtung ist ein Erlass des Kultusministers des Landes Nordrhein-Westfalen vom 20. Juni 1949:

 

Heutiger Eigentümer des Friedhofs:

Mit Schreiben vom 9.11.1955 teilt der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein mit, dass „die Jewish Trust Corporation for Germany als Eigentümer dieses Friedhofes eingetragen ist“.

Die Belegung des Friedhofes:

Leider existiert nach derzeitigem Kenntnisstand keine Liste der hier beerdigten Personen.

Was wir jedoch sicher wissen:

  • Es gibt insgesamt 11 erhaltene Grabstellen, davon eine als Doppelgrab.
  • Ein Grab des Doppelgrabes wurde nicht belegt.
  • Insgesamt sind von 1930 - 1940 11 Personen hier beerdigt worden.
  • Erhalten sind 2 Grabsteine mit Inschriften von 3 Personen.

Grundlagen der unten aufgeführten Namensliste sind:

  • Die Inschriften der beiden Grabsteine
  • Die Eintragungen im Sterberegister und den Meldekarten der Gemeinde Ruppichteroth

Auf dem Friedhof beerdigte Personen:

Namegestorben
Isaak, Sarah1930
Nathan, Jakob1935
Nathan, Ida1936
Gärtner, Simon1937
Regensburger, Moritz1938
Marx, Friedrich1938
Gärtner, Lina1940
Gärtner, Jakob1940

 

Die erhaltenen Grabsteine:

*Julius Nathan:
sein Name befindet sich auf dem erhaltenen großen Grabstein des Grabes, in welchem auf der linken Seite seine Frau Ida beerdigt wurde.

Julius Nathan lebte und arbeitete als Viehhändler an der Brölstraße (ehem. Haus Dr. Pach) in Ruppichteroth.
Aus Anlass des Todes seiner Frau Ida hatte er das Doppelgrab 1936 für seine Frau und für sich anlegen lassen.
Der Grabstein trägt auf der rechten Seite keine Inschrift.
Julius Nathan wurde im Alter von 66 Jahren auf der Fahrt ins KZ  „auf der Flucht erschossen".
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Leichnam oder eine Urne mit seinen Überresten aus Buchenwald für eine Beerdigung nach Ruppichteroth geschickt wurde. Noch lebende Zeitzeugen können sich nicht an eine Beerdigung von Julius Nathan erinnern. Wir gehen daher davon aus, dass die für ihn vorgesehene und von ihm geplante Grabstelle auf der rechten Seite des Friedhofes leer ist.
Nähere Informationen zur Familie Nathan finden Sie HIER.

Ob es noch weitere Grabsteine auf dem Friedhof gibt, die uns einen Hinweis auf die dort beerdigten Personen geben könnten, ist möglich, aber derzeit unbekannt und wird wahrscheinlich auch aufgrund der Bestimmungen der jüdischen Totenruhe unbekannt bleiben.

bilderbuch-ruppichteroth.de hat schon vor längerer Zeit weitere Anfragen an eventuell hiermit befasste Stellen gerichtet. Sollten sich neue Informationen ergeben, werden wir dies an dieser Stelle mitteilen.

 

bilderbuch-ruppichteroth.de bedankt sich hiermit bei Herrn Walter Schiffer, M.A., M.Th., Borken für die wertvollen Hinweise zur Erschließung und Einordnung der vorhandenen Quellen.

Quellen:

Schreiben des Bürgermeisters von Ruppichteroth vom
13.8.1924, 14.6.1927, 2.10.1928, 15.1.1930, 14.6.1945, 2.7.1945

Schreiben des Vorsitzenden der jüdischen Synagogengemeinde Nümbrecht, Moses Hess, an Herrn Bürgermeister Manner vom
10.4.1927, 11.4.1927, 14.7.1927, 8.7.1928

Begräbnisordnung für den jüdischen Friedhof in Ruppichteroth
Katasterzeichnung des Friedhofs
Beschluss der Synagogengemeinde Nümbrecht vom 12.2.1927 zur Errichtung eines jüdischen Friedhofes in Ruppichteroth

Schreiben des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein an die Amtsverwaltung Ruppichteroth vom
2.6.1955, 9.11.1955

Oben genannte Quellen/Dokumente befinden sich im Archiv der Gemeinde Ruppichteroth.

Fotos: bilderbuch-ruppichteroth.de / Wolfgang Eilmes