Bilderbuch Ruppichteroth

Warum der Burgplatz Burgplatz heißt

Wie so viele andere Orte in Deutschland (z. B. Düsseldorf, Essen, Leipzig) hat auch Ruppichteroth einen Platz namens Burgplatz. Hintergrund des Namens ist fast immer die Tatsache, dass es ein Platz nahe bei/vor/hinter/neben/in der Burganlage war.
Schon vor vielen Jahren hat der verstorbene Alois Müller (Erfinder und Erbauer der Bergischen Heimatkrippe sowie Erbauer der Modelle des Schönenberger Rathauses, der Burg Herrnstein  sowie der Synagoge Ruppichteroth) überlegt, wie eine Burg in Ruppichteroth vielleicht ausgesehen haben könnte und seine Ideen in einer grafischen Darstellung zu Papier gebracht:

Eine Burg hat es hier tatsächlich nie gegeben

Recherchen in den verschiedenen Quellen zur Ruppichterother Ortsgeschichte zeigen: eine Burg (im Sinne der Duden-Definition: „befestigter Wohn- und Verteidigungsbau mittelalterlicher Feudalherren“)  hat es hier nie gegeben.

Woher kommt dann der Name?

Schon 1891 berichtet  Pastor Johann Peter Reidt in seinem 60 Seiten umfassenden Buch  „Aphoristische Notizen über das Kirchspiel Ruppichteroth“  über „ein eigenartiges Gebäude“, das schon „gegen Ende des 17ten Jahrhunderts und früher“  bestanden haben muss, „ganz in der Nähe der Pfarrkirche“.
4 Jahre später, in seinem oft zitierten Werk von 1895 („Miszellaneen in Ruppichteroth“, 250 Seiten) erwähnt  Pfarrer Reidt sogar explizit den Burgplatz: „Dort, wo heutzutage nicht weit von der katholischen Pfarrkirche und westlich von dieser der Gemeindebrunnen mit Pumpe sich befindet, heißt sowohl im Kataster als im Volksmunde ein kleines Terrain „Burgplatz“ .

Die „burg“ = Wohnhaus für den katholischen Pfarrer

Das an diesem Platz gelegene und von ihm so bezeichnete „eigenartige Gebäude“  war ein für den katholischen Pfarrer errichtetes Wohnhaus aus Stein  („ein zur pastors Wohnung von steinen errichtetes hauß“) , das wohl schon seit mindestens 1640 existierte, doch dazu später.
Zu Zeiten von Pfarrer Reidt (1890-1895) war dieses Haus schon lange kein Wohnhaus des Pfarrers mehr, deshalb musste er sich – genau wie wir – auf frühere Beschreibungen dieses Hauses verlassen. Diese stammen von Heinrich Beer (kath. Pfarrer in Ruppichteroth von 1698 – 1722). Über ihn schreibt Harry Hendriks (1977): „Heinrich Beer war ein begabter und fleißiger Schriftsteller. Was wir über die Pfarre Ruppichteroth vor 1700 wissen, verdanken wir seinen zahlreichen Notizen.“  
bilderbuch-ruppichteroth.de versucht z. Zt. die Originalwerke von Heinrich Beer einsehen zu können.  Bis dahin müssen wir uns mit den Zitaten von Pfarrer Reidt zufrieden geben, die dieser den Schreiben von Heinrich Beer entnommen hat:
Danach hatte dieses Wohnhaus des Pastors auch einen bzw. sogar zwei Namen „S. Severinusburg“ („auch „steinenburg“ genannnt“ (sic)). In den Zitaten Beers wird diese Severinusburg mehrfach erwähnt, allerdings meist mit der Kurzbezeichnung  und in dieser Schreibweise: „burg“.
 

Warum bezeichnete der Volksmund dieses Pastoratsgebäude als „burg“?

Hierüber kann man aus heutiger Sicht nur spekulieren. Die Tatsache, dass dieses Pastoratshaus von Beer immer als „burg“, also kleingeschrieben und zusätzlich mit Anführungszeichen versehen wurde, deutet darauf hin, dass sowohl er als auch die Menschen damals das Haus nicht wirklich als eine Burg (= Befestigungsanlage) gesehen haben, sondern - vielleicht in einer Mischung aus Neid und Bewunderung - die Besonderheit dieses Hauses (s. oben „eigenartig“) betonen wollten: das Haus war nämlich - im Gegensatz zu den umliegenden Fachwerkäusern und den anderen Häusern in Ruppichteroth -  wie die Kirche aus Stein (wohl Bruchstein) gebaut, zumindest im unteren Bereich.  Solche Bruchsteinhäuser waren sehr selten und damals durchaus ein Zeichen von Wohlstand. Und um den Burgplatz herum gab es gleich 2 davon, wie aus dem nachfolgenden Bild zu erkennen ist: das Haus Stommel und das Haus Weiand (beide rechts im Bild).
Bei Pfarrer Reidt finden wir sogar eine präzise Beschreibung der Lage des Hauses: „acht oder neun schritt von der pfahrkirchhoffsmauern“ (sic). Letzteres trifft ausschließlich auf das heute noch erhaltene Haus Weiand zu.

 

Die Nutzung der „burg“ als Pastoratsgebäude, Schule und Küsterwohnung

Pastor Reidt schreibt, dass noch der Amtsvorgänger von Pastor Beer , Pastor Karl Hemmer (1641 – 1681), zumindest zu Beginn seiner Amtszeit  in diesem Gebäude gewohnt hat, dass er aber früh in das 1640 südlich der Pfarrkirche erbaute neue Pfarrhaus umgezogen ist. Die „burg“ wurde dann „dem Klöckner und Schulmeister als Behausung und Schulgebäude angewiesen.“  Als Miete mussten diese dann an den Pastor jährlich 2 Rthl. (Anm.: Reichstaler)zahlen.
„1705:  Die Severinsburg erhält einen Anbau. Darin wird die Schule gehalten „ (Hendriks 1977, S.175).
Bis 1771 wurde in diesem Anbau an die Severinsburg dann der Schulunterricht abgehalten. „Danach zog man in ein gemietetes Privathaus um“ (Wurtscheid 1977, S. 104). Karl Schröder (1989, S. 127) nennt dazu  „eines der Häuser  des späteren Maires Bartholomäus Heismann, (Schröder S. 127). Heismann besaß u.a. das heutige Haus Harth( früher u.a. Krankenhaus von Dr. Herzfeld sowie Landschulheim der Stadt Köln).  
„Erst 1819 wurde ein neues Schulhaus gebaut“ (Wurtscheid 1977, S. 104).
Der erste Küster in Ruppichteroth, Gierek Kremer,  war auch derjenige, der nach dem  Umzug/Auszug von  Pastor Hemmer  als erster in der „burg“ wohnte und zwar während der Zeit von Pastor Hemmer (s.o.).  Auf Gierek Kremer  folgten Peter Stommel, Johannes Peter Happ und Rodericus Isenburg.  
Letzterer war seit etwa 1701 in Ruppichteroth im Nebenamt Lehrer und „erhielt um 1707 nun auch das Küsteramt, das in der Folgezeit (Anm.: bis 1847) mit dem Schulmeisteramt verbunden war.“ (Kaltenbach , 1977, S. 84)
Die weiteren Küster:
Johann/es Werner
Ludwig Werner (1762 -1847, „vermutlich“)
Philipp Werner (1847 – 1860)
        (= Großvater > Vater > Sohn)
Wilhelm Sauer (1861 – 1862)
Karl Sauer (1890 – 1907)
Philipp Weiand (1907 – 1954)
(ebd.)

Die Nennung der Namen erfolgt hier so ausführlich, weil sie in ihrer Kontinuität die Annahme bestärken, dass die frühere „burg“  nur das heutige Haus Weiand sein kann. Es ist durch Quellen belegt, dass sowohl  die drei ersten Küster als auch der letztgenannte (Philipp Weiand) mit ihren Familien  in dieser „burg´“/im Haus Weiand gewohnt haben.  Da wir wissen, dass die „burg“ als Wohnhaus für den Pfarrer errichtet worden ist  („ein zur pastors Wohnung von steinen errichtetes hauß“) und dann als Küsterwohnung und Schule diente,  ist es eine zumindest begründete Vermutung, dass dieses Haus – auch wenn dies nicht in jedem Falle explizit aufgeschrieben wurde und nachzulesen ist - für mehr als 300 Jahre, von ca. 1640 – 1954, mindestens einem Pastor, allen Küstern sowie verschiedenen  „Schulmeistern“ als Wohnhaus diente.
Frau Anni Weiand erklärte in einem Gespräch im Februar 2021, dass ihre Vorfahren immer vom Haus Weiand als dem „Küsterhaus“ gesprochen haben. Beim Umbau des Hauses hat man einen Balken gefunden mit der Inschrift 1722.

Zusammenfassung:

Es gab also nie eine Burg am Burgplatz. Vielmehr wurde das aus Bruchsteinen – zumindest im Kellerbereich – erbaute und heute noch erhaltene Haus Weiand als „burg“ bezeichnet.

Gespräch mit Frau Anni Weiand im Februar 2021:

In diesem Gespräch erklärte die heutige Besitzerin und Bewohnerin des Hauses Weiand, Anni Weiand, dass ihre Vorfahren immer vom Haus Weiand als dem „Küsterhaus“ gesprochen haben, weil eben so viele Küster von St. Severin hier gewohnt haben. Auch der Sohn des letzten Küsters (Philipp Weiand), Bruno Weiand, sollte diese  Tradition nach dem Tod des Vaters weiterführen, entschied sich aber dann für den Beruf des Installateurs.
Weiter erzählt Anni Weiand: „Wir haben das Haus im Jahr 1955 umgebaut.  Hierbei fanden wir einen Balken mit der Inschrift: 1720.“
Teile des Hauses, insbesondere der Bruchsteinkeller, sind wie oben aufgezeigt wurde noch älter, nämlich vor 1640 erbaut worden.
Auch zum erwähnten Anbau an das Haus von 1771 (s.o.) konnte Anni Weiand noch interessante Dinge ergänzen:
„Als wir das Haus 1955 durch den Einbau eines Badezimmers  an der Burgplatzseite umgebaut haben, fanden wir dort zwischen Flur, Küche und Wohnraum  dicke Bruchsteinmauern vor. Sie waren wohl vor 1771 die Außenwände des Hauses gewesen, d.h. dass das Haus ursprünglich kleiner war und dann in Richtung Burgplatz erweitert wurde.
An einem Teil dieser Mauern fanden wir auf der dem Burgplatz zugewandten Seite eine mehrere cm dicke Teerschicht, die diese damalige Außenmauer  wohl zu einer Art Brandschutzmauer machte, d.h. dass es hier wohl eine Feuerstätte gegeben hat.“
Ein weiterer Hinweis darauf, dass das Haus ursprünglich kleiner war und nach Westen ausgebaut wurde, ergibt sich daraus, dass der westliche Bereich (also da, wo wohl die Feuerstelle war) nicht unterkellert war.

Der Schlitz in der Mauer

Abschließend wies Anni Weiand noch auf eine interessante bauliche Besonderheit des Bruchsteinsockels hin: „ Früher baute man keine Fenster in die Kellerwände ein, sondern lediglich schmale Belüftungsschlitze.“
Einer dieser Belüftungsschlitze ist bis heute erhalten:

Vielen Dank an Frau Anni Weiand für diese Informationen.

Zur Funktion des Burgplatzes berichtet Wolfgang Schorn:

Der Burgplatz war früher der Abstellplatz der landwirtschaftlichen Geräte der Familie Schorn, die ja im allseits bekannten „Haus Schorn“ ein Kaufhaus, eine Gastwirtschaft und Landwirtschaft betrieben. Im  Bild von 1918 (s.o.) sehen wir ja noch eines dieser Geräte (Leiterwagen) rechts auf dem Platz. Später, im Laufe  der zunehmenden Motorisierung im 20. Jhdt., diente der Burgplatz zusätzlich als Parkplatz für das Kaufhaus der Gebr. Schorn (1840 - 2002) und der Gastwirtschaft Willi Schorn (1840 - 1972).
Für Jahrzehnte war der Burgplatz der Mittelpunkt bei der jährlichen St. Severinus-Kirmes mit den „Autoselbstfahrern“ (heute Autoscooter) der Familien Kusenberg und Milz. Diverse Feste – teilweise mit dem Aufbau von Zelten - wurden in den Sommermonaten hier durchgeführt, bei den jährlichen Weihnachtsmärkten ist der Burgplatz Standort von Buden und einem Kinderkarussel.

Vielen Dank an Wolfgang Schorn für diese Informationen.

Heute bietet der Burgplatz 5 öffentliche Parkplätze sowie 4 private Parkplätze.

Bilder: Archiv Alois Müller, Wolfgang Eilmes

Quellen:
Reidt, Johann Peter, Aphoristische Notizen über das Kirchspiel  Ruppichteroth, 1891
Reidt, Johann Peter, Miszellaneen über   Ruppichteroth, 1895
Schröder, Karl, Zwischen Französischer Revolution und Preußens Gloria, 1989
Kaltenbach, Wilhelm, Die Küster an St. Severin,  in: Ruppichteroth im Spiegel der Zeit, Band 1, 1977
Wurtscheid, Norbert, Zur Geschichte der katholischen Schule in Ruppichteroth,in: Ruppichteroth im Spiegel der Zeit, Band 1, 1977
Hendriks, Harry (Hrsg.), Zeittafel über die Geschichte Ruppichteroths, in: Ruppichteroth im Spiegel der Zeit, Band 1, 1977