Zur Geburt

Aus den Memoiren von Hans Ottersbach, Schönenberg

Mein Vater, Wilhelm Heinrich Ottersbach, wurde als 8. Kind des Schuhmachers Anton Ottersbach und seiner Frau Elisabeth, geb. Schmitt, am 29.08.1876 in Ahe geboren.
Seine Brüder waren Johann, Heinrich, Josef und Peter; seine Schwestern Luise, Katharina und Elisabeth.

Zu damaliger Zeit war unsere Heimat eine sehr arme Gegend. Man betrieb meistens nur kleine Landwirtschaften: ein paar Kühe und Ochsen, dazu Ziegen, Hühner. Wilhelm besuchte die katholische Volksschule in Ruppichteroth. Die Schulwege waren meist sehr weit, alles musste zu Fuß erledigt werden. Manche Tage mussten die Kinder auch noch nachmittags zur Schule. Nebenbei ging es dann noch auf das Feld oder die Kühe wurden gehütet.

Mein Vater erzählte oft, dass er nach der Schulzeit zwei Ochsen treiben musste, sei es zum pflügen oder eggen, abends wurden die Schulaufgaben gemacht.

Mit ca. 20 Jahren ging mein Vater nach Remscheid, wo sein älterer Bruder Heinrich als leitender Angestellter bei der Bergischen-Stahl-Industrie beschäftigt war. Er arbeitete dort als Schmelzer im Stahlwerk – also wieder nur schwere Arbeit. In Remscheid lernte er seine erste Frau kennen. 1902 heiratete er Helene Form aus Rennerod im Westerwald.

Am 28.07.1903 wurde Sohn Willi, am 07.08.1904 Sohn Artur und am 27.9.1905 Tochter Helene geboren. Dann gab es noch eine Tochter Katharina * 1907, die im Kindesalter verstarb. Zwischenzeitlich war die Familie nach Siegburg gezogen. Dort arbeitete mein Vater als Schmelzer bei der Königlichen Geschossfabrik.

1915 zog er mit dem 7.Garde-Fußartillerie-Regiment von der Festung Ehrenbreitstein nach Frankreich in den Ersten Weltkrieg. Sein Gardemaß war 1.97 mtr. Vor Verdun (Verdöng)  und in der Champagne war er bis Kriegsende 1918 im Einsatz.

Seine Familie war mittlerweile von Siegburg nach Ahe verzogen. Man hatte in Vaters Geburtsort Ahe ein kleines Anwesen erworben. Bei seiner Heimkehr nach Kriegsende waren die Kinder allein. Seine Frau war 8 Wochen vorher gestorben. Aber das Leben musste weitergehen. Vater fuhr täglich mit dem Fahrrad nach Siegburg zur Arbeit in die Geschossfabrik bis der Betrieb stillgelegt wurde. Jetzt bekam er Arbeit in der Unkelmühle bei Eitorf. Dieser Betrieb wurde zur Stromerzeugung aufgebaut.

Im Jahre 1920 lernte mein Vater meine Mutter kennen. Meine Mutter war in Köln bei der Metzgerei Pelzer als Köchin und Haushälterin beschäftigt. Sie war am 15.03.1883 als Tochter des Maurermeisters Peter Kaspar und seiner Ehefrau Katharina, geb. Spanier, in Saarbrücken geboren. Dort hat sie auch die Schule besucht, und das Kochen und die Pflege des Haushalts erlernt. Nach Ihrer Ausbildung war sie zuerst in Saarbrücken und danach in Köln beschäftigt. Ende 1921 wurde geheiratet. Es kam das Jahr 1922. Die Inflation war in vollem Gange. Man rechnete nur noch in Billionen: war heute 1 Mark noch 1 Million, waren es morgen 1 Milliarde. 1 Goldmark war bis 1923 auf 1 Billion Papiermark geklettert. Am 18.September 1922 war der Weizenpreis 2.950 , Bohnen 2.800, Erbsen 5.100 Mark je 50 Kilo.

Am Montag, den 18. September 1922, schrieb die „NEUE PREUSSISCHE  ZEITUNG“, 74.Jahrgang, Abendausgabe Nr.414 über „Englands Rüstung gegen Angora“, „Die Minderheitenfrage in der Nordmark“, „Ungarns katastrophale Finanzlage“, „Generalratswahlen im Elsass“ und einige Familiennachrichten , so u.a.:

„ Ihre Vermählung beehren sich anzuzeigen: Wolf-Dittrich Ritter Hänel von Cronenthal und Anni Hänel von Cronenthal geb. von Zakrewski.“  „Ihre Vermählung zeigen an: Bernard von Claer Königlich Preußischer  Hauptmann a.D. und Maria Theresia von Claer geb. von Alt-Stuttenheim.“ „Die glückliche Geburt einer Tochter beehren sich anzuzeigen: Josef Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim und Gerta Freifrau Spiegel von und zu Peckelsheim geb. Freiin von Ameluxen.“ „Die Geburt eines Sohnes zeigen hocherfreut an: Heinrich von Neumann von Hanseberg und Elisabeth von Neumann geb. von Printz.“

Nur einen hatte man vergessen: in Ahe bei Schönenberg wurde heute am 18. September 1922 ein kräftiger Junge von 10 Pfund geboren. Und das war ICH: Hänschen Ottersbach, Sohn von Wilhelm und Maria Ottersbach. Unter den Händen von Hebamme Frau Wolter aus Harth und Dr. Herzfeld aus Ruppichteroth ging eine schwere Geburt von statten: um 16.30 Uhr erblickte ich das Licht der Welt.

Das war eine teure Geburt. Dr. Herzfeld präsentierte meinem Vater die Rechnung mit den Worten: „ Herr Ottersbach, ich bekomme 3.000,- Mark.“  Ich denke, dass war ich meinen Eltern auch wert: es war ja mitten in der Inflation und mich interessierte es noch nicht.

Ich muss wohl kein Kostverächter gewesen sein, denn nach einiger Zeit hatte meine Mutter keine Milch. Da muss ich viel geschrien haben. Mein Vater hatte wohl viel Verständnis für meinen Hunger. Er ging zu „Tante Lenchen“  und Oehm Peter Müller und holte Zwieback. Dieser wurde in „Hippen-Milch“ (Ziegenmilch) eingeweicht und dann wurde richtig gemampft, bis ich ein richtig runder Püngel wurde. Vater hatte immer gesagt: „D’r Jong muss doch satt weren.“ Tante Lenchen hatte einen Kolonialwarenladen, da gab es alles, vom Schnürsenkel bis zur Wurst.

Meine Mutter hat mich immer gut gepflegt, sodass mein Wachstum voran ging. Sonntags, bei schönem Wetter, wurden immer weite Spaziergänge gemacht. Meist ging es in den Wald oder zum Oehm Josef und Tante Sefchen auf die Harth. Vater ging mit mir auf den Schulter bis nach Gutmannseichen zum Oehm Franz Johann und Tante Lisschen. Wenn es dann abends nach Hause ging, über Altenherfen, Kesselscheid, Caluna, sang mein Vater alte Lieder wie „Es scheint der Mond so hell“ oder „Es ging ein Jäger wohl jagen“.

Bei schönem Wetter saß ich in meinem Hochstühlchen vor unserem Haus. Da kamen Nachbarskinder die ca. 1-2 Jahre älter waren zum Spielen: et  „Hohn’s Ziska“, „Schmotz Änni“ und d´r Heuser’s Willi. Ziska kam schon mal mit Gänseblümchen und sagte: „Hänschen Blümelein bringen.“

In dieser Zeit waren in den Häusern noch keine Zentralheizungen.

In der Küche hatte man den guten alten Ofen. Er wurde mit Holz gefeuert und hatte mehrere Funktionen. Zum Kochen waren 2 Platten vorhanden: eine Platte war aus einem Stück zum Warmhalten des Essens, die 2. Platte war zum Kochen und hatte mehrere Ringe. Musste schneller gekocht werden, wurden ein paar Ringe abgenommen, sodass die Flamme besser unter den Kochtopf konnte. Dann war noch ein Backofen eingebaut und ein Wasserbehälter; beides wurde mit Umlufthitze beheizt. Neben dem Ofen stand die Holzkiste, immer befüllt mit Eichen-, Buchen- und Birkenholz. Zum Anzünden wurde gebündeltes Reisig (Schänzcher) genommen. Außerdem war die Holzkiste im Winter ein beliebter Platz zum Aufwärmen.

In der Zeit bis 1926 saßen wir abends noch unter Petroleumlampen und Kerzen. Kein Radio, kein Fernseher - nur ein Grammophon  und Hausmusik. Abends kamen schon mal die jungen Leute zu meinen Brüdern zum Karten spielen und erzählen: der Vetter Wilhelm Löbach (Lustig), Hohns Johann, Mertens Gustav (de Chreschtengen) & Emma, Hohns Maria und Erna Otto & Martha. Da gab es immer viel zu lachen.

Bruder Willi arbeitete bei den Huwil-Werken in Ruppichteroth, Artur war - wie so viele junge Leute – arbeitslos, Schwester Helene hatte im Krankenhaus Neunkirchen Kochen und Hauswirtschaft erlernt und hatte eine Stellung bei Geschäftsleuten in Siegburg.