Person des Monats: Schäng / Johann Schneller (23.6.1911 - 9.2.1990)

Kein anderer Artikel im bilderbuch-ruppichteroth.de hat bisher eine solche Resonanz gehabt wie der Artikel über den Musiker Schäng Schneller. Insbesondere nach der Veröffentlichung eines Berichtes im Kölner Stadt-Anzeiger meldeten sich eine große Zahl von Personen beim Autor, die sich zum Teil nur für die Geschichte und die damit verbundenen Erinnerungen an die Kindheit bedankten, zum Teil aber auch herzerfrischende Geschichten über ihre Erinnerungen an Schäng mitteilten, die ich an dieser Stelle veröffentlicht habe werde.
Schicken Sie mir Ihre Informationen, Kommentare und Bilder zu Schäng, die ich dann auf dieser Seite veröffentlichen werde.  


Die Familie von Schäng   -  Nachtrag/Reaktionen auf den Artikel         


 
Schäng  ca. 1965 bei einem Ständchen im Geschäft von Erwin Heinrichs (Ruppichteroth). Schäng ist bis 1970 mit dem Akkordeon in unserer Region unterwegs gewesen.
Bild: Heiner Egenolf. Vielen Dank für die Überlassung.

Am Di., d. 10.1.2012 berichtete der Kölner Stadtanzeiger über den Schäng-Artikel von bilderbuch-ruppichteroth. de.  Hier finden Sie die online-Version.
 

Schäng - sein Leben in Stichworten:                                   

  • geb. am 23.6.1911 in Eitor
  • aufgewachsen und wohnhaft in Eitorf- Ortsteil Hombach (bis 1970)
  • Beruf: Straßenmusikant
  • Instrument:  Akkordeon
  • Aktivitätsbereich: Eitorf, Hennef, Lohmar, Siegburg, Neunkirchen, Much,   
    Windeck, Leuscheid  und Nebenorte                
  • Dauer der Berufsausübung: ca. 1925 – 1970
  • 1970 – 1990:  Wohnheim St. Monika in St. Augustin und  Haus Hohenhonnef („Stiftung  für Menschen mit Behinderung“)  bei Bad Honnef
  • Gestorben am 9.2.1990  in Bonn
  • Letzte Ruhestätte: Friedhof Eitorf (Grab wurde 2010 eingeebnet)  

... und im Detail:   

Es gibt nur wenige Menschen außerhalb des familiären und beruflichen Umkreises, bei  denen  man alleine bei Nennen des Vornamens weiß, wer gemeint ist.  Und die Erinnerung an eine solche Person, für die dies zumindest in  Eitorf, Hennef, Lohmar, Siegburg, Neunkirchen,  Much,  Windeck, Leuscheid  und Nebenorten gilt, möchte ich hier beleben.
Aus diesem Grunde habe ich in den letzten Wochen mit zahlreichen Personen gesprochen, denen gleich bei   Nennung dieses einen Namens Geschichten einfielen  und  Erinnerungen wach wurden, obwohl  diese Person  schon lange (seit 1990)  tot ist und  außer dem  beigefügten  Text von Prof. Fischer von 1986 (s.u.)  keinerlei schriftliche    Informationen über ihn  oder sein Leben zu finden waren.  Lediglich ein Bild im Heimatmuseum  in Altenwindeck erinnert noch an ihn und trägt die Bildunterschrift: „Jean Schneller“,  bei der Bevölkerung aber meist nur bekannt als

d’r Schäng.                                  

Je nach Region nannte man ihn auch „d’r schnelle Schäng“ (Eitorf) oder „Schängela" (Ruppichteroth).  Ich habe  Schäng in den 60er Jahren als Kind in Ruppichteroth erlebt und habe sein Wirken  noch in guter  Erinnerung:   bei meinen Großeltern (auf deren landwirtschaftlichem Betrieb in Ahe er auch gelegentlich übernachtete) und  bei meinem damaligen Nachbarn, dem Metzger Berghaus, spielte er mit Akkordeon und Gesang auf, oft auch   mehr als das übliche eine Lied, denn er wusste, dass  er hier immer das  das von ihm erwartete Honorar erhalten würde: bei meinen Großeltern ein Essen und die Unterkunft  für eine Nacht und bei Metzger Berghaus ein Wurstpaket.

Seinen Nachnamen – Schneller – hatte ich bis zu meinen jetzigen  Recherchen noch nie gehört, immer nur:  Schäng.

 

Bildkommentare, Bilder in groß, weitere Bilder und Quellenangaben s. u. (am Textende)   

Sein Leben:

Schäng wurde am 23.6.1911 als Johann Schneller in Eitorf-Hombach geboren.  Er ging in Eitorf zur Schule (soweit dies denn während des Krieges möglich war) und begann unmittelbar nach der Schule  damit, seinen    Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen. „Normale Arbeit  war nie sein Ding. Damit wollte er nichts zu tun       haben“, erzählte mir ein heute noch lebender früherer Bekannter von Schäng.
Schäng lebte auch nach dem Tod der Eltern in Eitorf-Hombach, bei seiner Schwester.  Im gleichen Hause lebte auch noch sein Bruder.
Den größten Teil seines Lebens verbrachte er jedoch „unterwegs“:  am frühen Montagmorgen verließ er das Haus in Eitorf-Hombach und kam erst am Freitag oder Samstag wieder zurück von seiner  „Tournee“, wie man heute sagen würde. Er besuchte zu Fuß die umliegenden Orte , von Eitorf bis Uckerath, von Hennef, Lohmar, Neunkirchen, Much und  Windeck bis nach Leuscheid.  Das Wochenende verbrachte er in Hombach, ging regelmäßig in die Kirche, wo er einer der begeistertsten Sänger im Gottesdienst war. Die Prozessionen der Gemeinde begleitete er  musikalisch auf dem Akkordeon.
Seine „Tourneen“ führten ihn jeweils im Abstand  von fast genau 4 Wochen in die oben genannten Orte und kleineren Nachbarorte. An jedem Tag hatte er zahlreiche Ziele („Stationen“), die er sich im Laufe seines Lebens erspielt und ersungen hatte.  Dort war er gern gesehener Gast beim Frühstück, beim Mittagessen, zum nachmittäglichen Kaffee, zum Abendessen  oder zum  Übernachten.
Fast auf den Tag genau nach 4 Wochen war Schäng wieder da, manche Familien erwarteten ihn schon und hatten das Essen für ihn zu- oder die Übernachtung für ihn vorbereitet: manchmal in einem Zimmer im Hause, oft aber auch in der Scheune, womit Schäng wohl auch zufrieden war, denn er kam ja regelmäßig wieder und nahm auch diese Angebote immer wieder an.

Aber er war durchaus wählerisch bei der Auswahl der Vortragsorte: hatte sich mal jemand über ihn lustig gemacht oder ihn – nach seinem Empfinden – auf andere Art beleidigt, dann wurde er/sie bzw. sein/ihr Haus beim nächsten Besuch einfach nicht mehr berücksichtigt. Und um manche Häuser  machte er von vorneherein schon eine großen Bogen:  Lehrer und  Schulhäuser waren ihm wohl grundsätzlich suspekt, wie mir ein Bewohner eines solchen Hauses erzählte.

Seine Dienstleistung und seine Gegenleistung für diese  Angebote war ein „Ständchen“ (Akkordeon und Gesang)  für die Gastgeber. Und  in der restlichen Zeit des Tages besuchte er Geschäfte, Privathaushalte, Betriebe und Kneipen, um die Menschen dort mit seiner Musik zu erfreuen, und eben um  sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn er erwartete natürlich einen Lohn – weniger einen Obolus - für seine Leistung.

Die Auswahl seiner Stücke passte Schäng den Auftrittsorten und -zeiten an.  Eines seiner Lieblingslieder war wohl „Maria zu lieben“ (s. auch Bild unten), wie sich viele seiner heute noch lebenden Zuhörer erinnern.  Zu Namenstagen spielte er das Lied des Namenspatrons (Josefslied: „Heiliger Josef, hochverehrter Schutzpatron"), er spielte Lieder zur Jahreszeit passend („Der Mai ist gekommen“),  Karnevalslieder (Wer soll das bezahlen) bis hin zu den aktuellen Schlagern  (Junge komm bald wieder) .

Schäng war ein Musiker, der stets großes Engagement  zeigte, weshalb ihm seine Zuhörer auch seine durchaus hörbaren  „musikalischen Verstimmungen“  gerne verziehen.  Nicht immer passten Akkordeon  und Gesang zusammen,  nicht immer kannte er den kompletten Text oder alle Noten und man vernahm nur eine der beiden Stimmen oder ein unverständliches Gemurmel, aber man hatte immer den Eindruck, dass er sich bemühte und  auch dass er Spaß an seiner Musik hatte. Niemand konnte mir sagen, wo Schäng das Akkordeonspiel gelernt hatte. Manche fragten sich, ob er es denn überhaupt gelernt hatte …

Schäng  hingegen sah sich durchaus als Berufsmusiker (und tatsächlich verdiente er ja mit der Musik seinen Lebensunterhalt), auch wenn er diesen Ausdruck wohl nie benutzte. Wenn er zum Ständchen zum Ruppichterother  Musiklehrer Erich Schreiber  (immerhin  jemand,  der an der Musikhochschule Köln studiert hatte) kam, begrüßte er ihn mit „Guten Morgen, Kollege“. Selbst den später weltberühmten Akkordeonisten Will Glahe  hat  Schäng in Ruppichteroth-Kammerich besucht , ihn mit „Herr Kollege“ begrüßt und ihm ein Ständchen gespielt.  Herr Schreiber hat mir berichtet, dass es ein Bild mit Will Glahe UND Schäng gegeben hat. Vielleicht erinnert sich einer der Leser dieser Zeilen und kann dieses Bild zur Verfügung stellen oder weiß, wer dieses Bild besitzt.

Es machte Schäng Spaß, vor und für Menschen zu spielen. Bei größeren Festen (z. B. Kirmes) war er dabei und wich dann durchaus auch schon mal von seinem sonstigen Tourneeplan ab. Bis ins hohe Alter nahm Schäng auch an den Wallfahrten der verschiedenen Gemeinden, u.a. nach Marienthal teil.

Margarethe Schneider aus Ruppichteroth-Öleroth beschreibt dies in ihren „Erinnerungen an Marienthal“  so :
„…......

Dr Schängela,
usen Quetschenböggelmann,
överall wie en bonktijen Honk bekannt,
jeng och döckes mott uß,
momm Stock en der Hand, dänn welen mer ooch net verjähßen,
hä spielte su schüün, föörr pää Jroschen on Ähßen.

Dä Schängela, dä wohr net van jestern,
hä spielte ooch bei den Pastüren on Schwestern,
föör die frommen Lööck: „Maria ze lieben“;
öm dann  noh dänn Leuen wegger ze schieben.

„Ei, ei, ei Maria – Maria aus Bahia“
Krehten die dann ze hühren,
hä wooßt de Lööck zem spendeeren ze verführen,
öm et jedem Räächt ze maachen
on sech stel en et Füüstjen ze lachen.
…..“
(Quelle:  Jahresheft 2007/2008 Bürgerverein Ruppichteroth, S. 85)

Bei seinen musikalischen Wanderungen traf er viele Freunde und ihm wohlgesonnene Personen. Aber nur sehr wenigen vertraute er so sehr, dass er ihnen das eingenommene Geld übergab mit der Bitte, dieses zu zählen.  Auf diese Weise erhielt er schon während der Woche einen Überblick über den Erfolg seines Schaffens und am Wochenende ging er zu einem Vertrauten in Hombach und ließ ihn  die Gesamtsumme zählen, die er anschließend in einen Sack packte, der für ihn den wirtschaftlichen Erfolg seines Lebens
darstellte und dessen  Existenz und  Aufbewahrung Ursache  häufiger Differenzen an Wochenenden war. Personen, die ihn näher kannten,  beschrieben  den Straßenmusiker Schäng  als einen „zufriedenen“,  „lieben und netten Kerl“.

Mit Akkordeon, Hut, Mantel, Stock und Tasche ist Schäng bis 1970 durch unsere Gemeinden gezogen, was ihm jedoch zunehmend schwerer fiel.  Nur gegen seinen Willen hat er von diesen Touren abgelassen.  Er verbrachte die letzten beiden Jahrzehnte in Heimen: zuerst im  Wohnheim St. Monika in St. Augustin und dann im  Haus  Hohenhonnef („Stiftung  für Menschen mit Behinderung“) bei Bad Honnef.

Es zog ihn jedoch immer wieder in seine Heimat und zu seinen früheren Stationen zurück, manchmal in Begleitung seiner  Betreuer oder von Verwandten, manchmal floh er aber auch einfach und wurde erst nach Tagen  irgendwo in der Nähe seiner früheren Stationen gefunden und zum Heim  zurückgebracht.

Sein  Akkordeon befindet sich heute im Archiv der Gemeinde Eitorf.

Schäng / Johann Schneller  ist  am 9.2.1990 im Alter von 79 Jahren in Bonn gestorben. Er wurde auf dem Friedhof in Eitorf beigesetzt. Sein Grab wurde 2010 eingeebnet.

Ich danke den Personen, die die Bilder mit Schäng zur Verfügung gestellt haben (s. dort)  und Herrn Prof. Fischer  für die Genehmigung zum Abdruck seines Textes von 1986.

Für weitere Informationen und die Herstellung immer wieder neuer Kontakte danke ich (in der Reihenfolge der Kontaktierung):
Frau Gertrud Schneller  (Eitorf-Hombach)
Frau Margret Joachim und Herrn  Prof. Helmut Fischer (beide Heimatverein Stadt  Blankenberg)
Frau Gisela Rupprath (Archiv der Stadt Hennef)
Frau Fleischhauer (Archiv der Gemeinde Eitorf)
Herrn Harald Happ (Gemeindeverwaltung Ruppichteroth)  und einigen anderen Personen, die hier nicht genannt werden möchten.

© Wolfgang Eilmes
 

Schäng als junger Mann mit seinem Hohner-Akkordeon. Den Spaß an seiner Musik kann man ihm im Gesicht ablesen.
Bild: Gertrud Schneller. Vielen Dank für die Überlassung.
 
 
Schäng und sein Lieblingslied „Maria zu lieben“.
Bild: H.W. Quadt. Archiv der Stadt Hennef (Frau Rupprath). Vielen Dank für die Überlassung.
 

Schäng bei der Ausübung seines Berufes im Sommer (Bild ca. 1960erJahre):  mit Mütze (später Hut) und Stock
singt und spielt er mitten  auf einer Straße für den Fotografen, für die Kinder, die dies etwas ungläubig betrachten  und vielleicht noch weitere Zuhörer.
Bild: Prof. H. Fischer. Vielen Dank für die Überlassung.
 

Dies ist das – bis zuletzt – von Schäng benutzte Akkordeon, das sich heute im Archiv der Gemeinde Eitorf befindet. Wie man auf den verschiedenen Bildern erkennen kann, hat Schäng  mindestens 3 Akkordeons (Knopfakkordeons) während seines Lebens benutzt.
Vielen Dank an Frau Fleischhauer für die Genehmigung zum Fotografieren und zur Veröffentlichung des Fotos.
 


Dieses Akkordeon (Tastenakkordeon) steht auch im Archiv der Gemeinde Eitorf. Ob Schäng es tatsächlich benutzt hat, ist nicht wirklich klar. Normalerweise - und auf allen Bildern - spielte er das Knopfakkordeon. Hat eventuell jemand ein Bild von Schäng mit dem Tastenakkordeon?
Anosnsten ist es eher unwahrscheinlich, dass er noch im hohen Alter eine vollkommen neue Spieltechnik erlernt hat
Vielen Dank an Frau Fleischhauer für die Genehmigung zum Fotografieren und zur Veröffentlichung des Fotos.
Bilder: Wolfgang Eilmes.
 

Aus: Kennt ihr sie noch ... die Hennefer (1986)

"Noch 1976 tippelte ein Straßenmusikant gelegentlich über Land. Es ist  ‘de Schäng ‘, wie ihn die Leute nennen. Johann Schneller aus Eitorf Hombach, nun nach mehr als dreißigjährigem Wanderleben im Altenheim  wohnhaft, wird ab und zu noch einmal vom Heimweh nach der Straße gepackt. Dann wandert er  in einzelne Orte des Rhein-Sieg-Kreises, in denen etwas los ist und viele Menschen zusammenströmen, anlässlich der Kirmes etwa. Oder er findet sich zum Kompassionsfest am vierten Freitag nach Ostern in Bödingen ein. Schäng begleitete fast drei Jahrzehnte hindurch mit erstaunlicher Regelmäßigkeit den Alltag in den Dörfern mit seiner Musik.  Von der Natur nicht gerade bevorzugt und ohnejegliche Schulbildung , entwickelte er einen starken Selbstbehauptungswillen.Etwa im Abstand von vier Wochen suchte er die einzelnen Siedlungen und sang an den Häusern vorbei. Geschickt passte er sein Liedchen dem jeweiligen Zuhörer an.
Einer bekannt frommen Frau oder dem Pfarrer bot er  ‘Maria zu lieben‘. Den Metzger lockte er mit dem Lied ‘Sag ens Blootwoosch‘.  Der Friseur wurde mit einer Arie aus dem ‘Barbier von Sevilla‘ günstig gestimmt.
Konnten die Finger auf der Ziehharmonika Teile der Melodie nicht zustande bringen, dann füllte er die Lücke mit Gesang oder Summen.  Die Groschen und Markstücke ließ er schnell in der Tasche verschwinden. Er hatte seine ‘Stationen‘, wo er etwas zu essen bekam oder übernachtete. Die Leute erwarteten ihn und  richteten ihren Tageslauf nach seiner Ankunft aus.
Schäng bestritt mit seiner Musik seinen Lebensunterhalt. Er fasste Vertrauen zu einzelnen Mitmenschen, denen er das Zählen der ersungenen Münzen und das Umwechseln der Geldscheine überließ. Er setzte sich aber auch heftig zur Wehr, wann ihn jemand auf die Schippe nehmen wollte.
‘He, Schäng, spell ens eene!‘  galt ihm als Aufforderung, seine persönliche Dienstleistung anzubieten. Dafür forderte er wiederum einen gerechten Lohn."
 
aus: Kennt ihr sie noch ....... die Hennefer (1986) von Friedrich Balensiefen und Helmut Fischer. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Herrn Fischer.