Bilderbuch Ruppichteroth

„Schicksal einer jüdischen Familie: Aus der Wilhelmstraße in Ruppichteroth über Ecuador nach New York, 1939 - 1940"

Von keiner jüdischen Familie aus Ruppichteroth haben wir inzwischen soviele Informationen wie von der Familie Hess, da Sohn Wolfgang/Walter Hess (geb. 1931) seine Erlebnisse - auch die in Ruppichteroth - ausführlich in seinem Buch „A Refugee's Journey, A Memoir" (310 Seiten) aufgeschrieben hat. Außerdem haben Wolfgang/Walter und seine Mutter Melitta Hess im 1986 in New York produzierten Dokumentarfilm „We were so beloved" mitgewirkt und von ihrem Leben in Ruppichteroth, der Flucht über Ecuador nach New York und von ihrem mühsamen Start und späteren Leben in New York berichtet. Auf diese Flucht  begaben sich die Eltern Oskar und Melissa Hess mit ihren Kindern Wolfgang/Walter, Karl und Peter. Opa Moses Hess, einer der Mitbegründer der Ruppichterother Synagoge und seine Frau Henriette blieben in der Wilhelmstraße zurück in dem Glauben, dass in Deutschland wieder „alles gut werden" würde. Moses Hess betrachtete sich vor allem als deutschen Bürger, insbesondere weil er im 1.  Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte.

Am 18.6.1941 wurden Moses und Henriette Hess ins Lager Much deportiert und von dort ins Ghetto Theresienstadt. Nach Ankunft in New York hatten  ihr Sohn Oskar und seine Frau Melitta Hess versucht, Geld für die Ausreise von Moses und Henriette zusammenzubekommen, was aber nicht mehr rechtzeitig zum Erfolg führte. Moses Hess wurde am 16.07.1943 und Henriette Hess  am 20.06.1944 in Theresienstadt ermordet.

Auszüge aus Buch und Film finden Sie auf den Seiten 142 und 143 im „Bilderbuch Ruppichteroth Band 2" unter dem Titel: „Der Tag des Synagogenbrandes aus jüdischer Sicht". 

Am 16.10.2018 hatte ich die Gelegenheit, Walter Hess und seine Frau Hannah in ihrer Wohnung am Central Park in New York zu besuchen. 

Im Unterkapitel Wolfgang/Walter Hess: „Aus unserer Sicht" habe ich Auszüge dem Buch von Walter Hess „A Refugee's Journey, A Memoir" und aus dem Film „We were so beloved" übersetzt, um die Sicht  der Ereignisse so wie Walter/Wolfgang Hess, seine Mutter Melitta Hess sowie Ilse Kaufmann, geb. Gärtner (früher wohnhaft in der Wilhelmstraße) diese sehen/gesehen haben, wiederzugeben. 

„I love Ruppichteroth. And I hate Ruppichteroth. But it's still my Heimat"

„Ich liebe Ruppichteroth. Und ich hasse Ruppichteroth. Aber es ist immer noch meine Heimat".

Antwort von Wolfgang/Walter Hess beim Besuch 2018 auf meine Frage, welche Gefühle  mehr als 75 nach der Flucht bei ihm aufkommen, wenn er an Ruppichteroth und die Ruppichterother denkt. 

Daten d. Flucht/Auswanderung nach Nov. 1938:

15.11. – 23.12.1938: Nach der Reichspogromnacht wurde Oskar Hess ins KZ Dachau eingeliefert.
Während dieser Zeit beschaffte eine wohlhabende Tante seiner Frau in Amsterdam die Ausreisepapiere nach Ecuador und stellte der Familie das Geld für die Reise zur Verfügung.

12.1.1939: Oskar Hess verließ Ruppichteroth mit der Bröltalbahn und reiste nach Holland. 

Jan. – März 1939: „Mama reiste in dieser Zeit  in fast jede Stadt in Deutschland, die ein Konsulat hatte, um ein Visa nach irgendwo zu erhalten." (Walter Hess, A Refugee's Journey, S. 58)

27.4.1939: Opa Moses Hess brachte Mutter und Kinder nach Köln, von dort ging es mit dem Zug nach Emmerich (holl. Grenze). Eine Woche Zwangsaufenthalt in Emmerich (bei einer jüdischen Familie), weil Oscar Hess kein Transitvisum für Panama erhalten hatte („someone wanted too much money“). Deshalb durfte die Familie die Grenze nach Holland nicht überqueren und musste zurück nach Ruppichteroth fahren. Moses Hess holte sie in Bonn ab. 
 

2.7.1939: erneute Fahrt nach Holland und First-Class-Reise nach Venezuela > Panama-Kanal > Guayaquil   (Ankunft am 1.9.1939)
Quito (mit dem Zug > Machachi). Wieso First Class? Weil die Nazis den Flüchtlingen nur die teuersten Fahrkarten verkauften, um ihnen möglichst viel Geld abzunehmen.

Warum nach Ecuador ?

Während seines Zwangsaufenthaltes im KZ Dachau hatte Oscar Hess einen Mithäftling kennengelernt, der ihm einen Kontakt zu einer Fam. Frisch in Ecuador gegeben hatte. Dort sollten sie hinfahren, wenn sie kein anderes Ziel fänden, das sie aufnehmen würde. Das tatsächliche Ziel war aber zu jeder Zeit New York, doch hierfür hatten sie zu dieser Zeit keine Einreisegenehmigung.

In Ecuador vermittelte sie Herr Frisch an einen Hacienda-Besitzer, derin Bonn studiert hatte. Hier arbeitete Oscar Hess für 7 Monate als Verwalter/Aufseher auf der Hacienda.Während dieser Zeit 

Während dieser Zeit machte er fast wöchentliche Fahrten nach Quito zum Amerikanischen Konsulat, wo er nach 7 Monaten die Einreisegenehmigung für die USA erhielt.

>  Feb./März 1940: Weiterreise nach New York
 

Schulischer und beruflicher Werdegang von Wolfgang/Walter Hess:

• Ev. Volksschule in Ruppichteroth (1937 -1938)

• Schule in Machachi (Ecuador) (1939 -1940)

• High School – Abschluss in New York (1940 - 1946/47)

• B.A. (Bachelor of Arts)

• M.A. (Master of Arts) , beide Abschlüsse am CCNY (City College of New York)

Beruf: Film editor (Cutter, Schnitter) von Dokumentarfilmen. Filme, an denen er mitgearbeitet hat gewannen u.a.

  3 Peabody Awards

  3 Emmy Awards

Für seine Gedichtsammlung Jew‘sHarp (2010) erhielt er Ehrungen/Preise der Academy of American Poets und der Nyman Foundation

Walter Hess wohnt heute in New York, in einer Wohnung  am Central Park.