Bilderbuch Ruppichteroth

Die Familie Gärtner in Ruppichteroth - Simon Gärtner

Die Familie Gärtner war eine der ältesten jüdischen Familien in Ruppichteroth.

Der Viehhändler Simon Gärtner (geb. 1.12.1844) zog 1872 aus Kobern-Gondorf nach Ruppichteroth. Er war verheiratet mit Regina Nathan (geb. am 10.8.1847 in Ruppichteroth), hier  verstorben am 26.12.1902. Simon Gärtner war viele Jahre im Vorstand der Synagogengemeinde Nümbrecht tätig. Er starb am 7.7.1937 in Ruppichteroth.
Das Ehepaar Simon und Regina Gärtner hatte 10 Kinder, von denen  Gustav, Hermann und  und  Lina noch nach 1933 in Ruppichteroth lebten. 

Fam. Gustav Gärtner

Gustav  Gärtner war ein am 20.6.1873 in Ruppichterother geborener jüdischer Bürger (der Bruder von Hermann Gärtner, s. dort). Er war verheiratet mit Jeanette Harburger, die in Ruppichteroth am 26.4.1906 verstarb. Nach ihrem Tod heiratete Gustav Gärtner die am 28.9.1878 geborene Mathilde Oppenheimer.

Bis 1941 wohnte er mit seiner Familie im Haus Wilhelmstraße 17. Er war Metzger und Viehhändler. 

Im KZ ermordet:

Gustav Gärtner wurde am 18.6.1941 mit seiner Frau Mathilde in das Lager Much überwiesen und von dort am 27.7.1942 nach Köln und dann in das KZ Theresienstadt, wo er am 9.9.1942 ermordet wurde. Seine Frau wurde in das KZ Auschwitz eingeliefert, wo sie am 15.5.1944 ermordet wurde.

 

Rettung durch Flucht in die USA: Irene, Käthe, Herbert, Werner, Ilse Gärtner

Gustav Gärtner hatte aus erster Ehe 2 Kinder: Irene (geb. 1903 in Ruppichteroth) und Käthe (geb. 1906 in Ruppichteroth). Irene und Käthe wanderten zu Beginn der 1930er Jahre in die USA aus.

Aus der 2. Ehe hatte Gustav Gärtner 3 Kinder, die ebenfalls in die USA  auswanderten, alle 3 Kinder sind in Ruppichteroth geboren:

  • Herbert Gärtner (geb. 1908) 
  • Werner Gärtner (geb. 1910)
  • Ilse Gärtner (geb. 1918)

Herbert Gärtner hatte drei Kinder:

  • Carole Kallmann
  • Susan Hirschkoff
  • Ron Gartner

Susan Hirschkoff (geb. Gartner) und ihr Ehemann sowie Ron Gartner und seine 3 Söhne werden am 1.8.2019 zur Verlegung der Stolpersteine aus Los Angeles und aus Schweden nach Ruppichteroth kommen.

„Die Großeltern glaubten nie, dass das passieren würde, was dann tatsächlich passierte"

„Man of the Year"

Über die letzte Zeit in Deutschland und den schwierigen Neustart in den USA schreibt Herberts Sohn Ron in der email vom 7.7.2019 (hier in Übersetzung, Original s. unten)):
„Als die Lage in Deutschland immer dunkler wurde, begannen die Geschwister meines Vaters (Herbert) Deutschland zu verlassen und nach Amerika zu gehen. 1937, ein Jahr vor der Reichspogromnacht erhielt mein Vater von der US-Botschaft in Stuttgart seinen Reisepass. Ich habe den Pass heute noch bei mir zu Hause. Am 19.Mai 1938 sagte ein ängstlicher junger Mann seinen Eltern „Auf Wiedersehen" und reiste mit der SS Berlin nach Amerika. Er kam am 30. Mai 1938 in New York an und an diesem Tag wurde aus Herbert Gärtner Herbert Gartner. Seine Eltern Gustav und Mathilde beschlossen in Deutschland zu bleiben, weil sie zu alt waren und weil sie tatsächlich nie glaubten, das das passieren würde, was dann tatsächlich passierte. Schließlich waren sie Deutsche und nicht einfach Juden, die in Deutschland lebten. Jedoch hatten sie so viel Angst, dass sie ihre Kinder wegschickten, um sie zu beschützen. Gustav und Mathilde wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. 
Herbert lebte anfangs bei seiner älteren Schwester Irene bis er in Trenton, New Jersey, Arbeit als Metzger fand. Dort traf er unsere Mutter, Bernice. Sie heirateten in der Wohnung unserer Mutter in Princeton, New Jersey am 4.1.1940. Sie ließen sich in Trenton nieder, wo sie uns großzogen. Wir wuchsen in der warmen und liebenswürdigen Umgebung unserer mütterlichen Großeltern auf. Wir besuchten oft die Familie unseres Vaters in New York und Vermont. Dort hörten wir Geschichten von Ruppichteroth mit wenig Lächeln und vielen Tränen. Unser Vater betrauerte immer wieder den Verlust seiner Eltern und hatte Tage von tiefer Trauer und Depression.  Doch Amerika verschaffte ihm eine liebende Ehefrau, eine Familie und eine Gemeinschaft.
Unser Vater war ein außergewöhnlicher Mann. Er liebte seine Familie, er liebte sein Land und war freundlich zu jedem, den er traf, so wie es beschrieben wurde, als er  zum  „Mann des Jahres" von seiner Synagoge ernannt wurde. Unser Vater war ein Mann von großer Statur und einem noch größeren Herz."

Original-email von Ron Gartner (Schweden) vom 7.7.2019:

„This is a very abbreviated summary concerning our father’s journey leaving Germany and his life in America written by his three proud children: Carole Kallman, Susan Hirschkoff and Ron Gartner

Our father, Herbert Gartner,  was born on the 25th of September, 1908 in Ruppichteroth; the son of Gustav and Mathilde Gärtner.  He had three older siblings: Irene, Kate and Warner and a younger sister Ilse.  Like his father, our grandfather, Gustav, was a cattle dealer and a butcher.  As the situation darkened in Germany, my father’s siblings began to leave Germany for America.  A year before Kristallnacht, our father obtained his passport from the US Embassy in Stuttgart.  I have his passport at home with me.   On 19 May, 1938, a scared young man said goodbye to his parents, knowing that he would almost certainly never see them again, and set sail on the SS Berlin for America.  He arrived in New York on 30 May, 1938 and on that day, Herbert Gärtner became Herbert Gartner.  Gustav and Mathilde decided to remain as they were both too old and never actually believed the extent of what was about to happen.  They were, after all, Germans - not simply Jews living in Germany. Still, they feared enough to send away their children in order to protect them.  They were murdered at Theresienstadt and Auschwitz.

Herbert stayed with his older sister Irene until he found work as a butcher in Trenton, New Jersey.   There he met our mother, Bernice.  They were married in her parents home in Princeton, New Jersey on 4 January, 1940.  Our parents made their home in Trenton where they raised us.  We grew up in a warm and loving home with our maternal grandparents.  We often visited our father’s family in New York and Vermont.  It was there that we would hear some  stories of Ruppichteroth with few smiles and many tears.  Our father continued to mourn the loss of his parents and had days of deep sadness and depression.  However, America provided him with a loving wife, family and community.  Our father was an exceptional man.  He loved his family, he loved his country and showed kindness to everyone he met.  As it was written when he received the “Man of the Year” award from his synagogue,  our father was a man of big stature and an even bigger heart."

Erste Besuche der Gärtners aus den USA

Schon in den 1970er Jahren besuchten Carol und Susan (die Töchter des 1938 noch rechtzeitig geflohenen Herbert Gärtner aus der Wilhelmstraße 17) Ruppichteroth, im Bild zusammen mit der früheren Nachbarin Maria Schrewe, hier in der unteren Wilhelmstraße vor dem früheren Haus Hess.
Tochter Susan war mit ihrem Bruder Ron erneut in Ruppichteroth zur Verlegung der ersten Stolpersteine am 1.8.2019.