Bilderbuch Ruppichteroth

Kriegsende 1945 in Schönenberg - von Theodor Lercher

 

1000 britische Bomber über Köln

Meine Familie stammt aus Köln. Dort bin ich 1941 geboren. 1942 kam der 1. große Bombenangriff auf Köln. 1000 britische Bomber über Köln legten auch unser Wohnhaus in Schutt und Asche. Meine Mutter und ich überlebten im Keller und wurden gerettet.

Evakuierung nach Etzenbach (bei Schönenberg)

Mein Urgroßvater, Heinrich Zeyen, hatte im Jahr 1908 in Schönenberg ein Jagdrevier gepachtet. Zuerst wohnte er zur Jagdausübung im Berghof in Schönenberg. Später baute er sich in Etzenbach ein kleine typische Holzjagdhütte. Dorthin zog meine Mutter mit mir. Später zogen noch meine Großeltern, meine Tante mit Tochter und die Urgroßmutter nach, die dann aber auf dem Bauernhof bei Lückeroths in Etzenbach wohnte. Diese kleine 2-Zimmerhütte wurde durch einen Anbau 1943 um 2 weitere Räume erweitert, so dass wir alle 4 Erwachsenen und 2 Kinder Platz hatten. Die Zeit war hart, mein Vater war Soldat, der Opa war schwer krank, so dass die Frauen alleine sorgen mussten. Strom gab es nicht, der wurde erst später gelegt. Wasser hatten wir keins. Meine Mutter musste das auf dem Bauernhof bei Lückeroths in Eimern mit einem "Tragesel" holen. Gebadet wurde in der Zinkwanne. Dabei wurde Regenwasser gebraucht. Wenn es warm war, gingen wir zum Reinigungsbad den Berg runter in die Bröl. Dort wurden wir eingeseift und untergetaucht, damit wir wieder sauber wurden.

Zum Einkaufen gingen wir nach Schönenberg. Wobei man höllisch aufpassen musste, weil gegen Kriegsende immer damit zu rechnen war, dass englische Tiefflieger plötzlich über einem waren und versuchten einen mit ihren MG`s oder Bordkanonen "abzuschießen". Wenn ich mit Oma oder Mutter nach Schönenberg ging, hieß es immer  aufpassen. Wenn wir die Motoren hörten mussten wir uns gleich in den Straßengraben werfen.

Eines Tages nahmen mich die beiden älteren Jungen, Heinz und Hans Baraniak, die auch mit ihrer Mutter in einem Behelfsheim (so hieß das damals) in Etzenbach wohnten, mit in den Wald. Dort, zwischen Etzenbach und Hove waren einige deutsche Panzer in Bereitschaft. Die Soldaten waren recht freundlich zu uns und wir duften sogar auf den Panzern herumturnen. Das war ja was für uns Jungen. Als die Panzer einige Tage später verschwunden waren, hieß es, dass die ins Siebengebirge fahren mussten, um dort gegen die, über die Remagener Brücke eingedrungenen amerikanischen Panzerkräfte, zu kämpfen. Leider sind vielen von den jungen Panzersoldaten dort noch zu Tode gekommen. Auf dem Soldatenfriedhof in Ittenbach findet man ihre letzte Ruhestätte.

Kurz bevor der Krieg bei uns zu Ende ging, kamen einmal Wachsoldaten, es hieß, das seien SS-Soldaten gewesen, die einen großen Zug an Männern von Retscheroth kommend, durch den Wald, an unserer Hütte vorbei, Richtung Schönenberg trieben. Ich habe das Bild noch vor Augen, es waren ausgemergelte Gestalten, schlecht gekleidet, manche barfüßig oder nur mit Lappen um die Füße. Noch am gleichen Tag wurde die gleiche Schar von Menschen den gleichen Weg wieder zurückgetrieben. Ich weiß bis heute noch nicht, ob es sich um Strafgefangene oder Kriegsgefangene gehandelt hat. Offensichtlich wussten die Wachhabenden beim Anrücken des Feindes, nicht mehr, wohin mit diesen Menschen. Was ist mit ihnen geschehen?

Wir hatten ja nicht viel zu essen. Trotzdem ging meine Mutter, die gerade Pellkartoffel gekocht hatte, vors Haus und steckte dem einen oder anderen der Männer eine Kartoffel zu.

Wir waren in Schönenberg in der Kirche - die Amerikaner waren in unserer Jagdhütte

Es muss wohl am Weißen Sonntag im Jahre 1945 gewesen sein, als ich mit meiner Mutter in Schönenberg in der Kirche war. Als wir zurück in unsere Jagdhütte kamen, waren amerikanische Soldaten in ihrem Panzer da gewesen. Die haben geguckt ob deutsche Soldaten da waren. Als sie nur Frauen -  mein Opa war 1944 verstorben - und 2 Kinder, - meine Tante hatte 1944 noch ein 2. Mädchen bekommen - angetroffen haben, haben sie diese beiden Mädchen meiner Tante mit reichlich Schokolade gefüttert. Ich war traurig, weil ich, während ich brav in der Kirche war, nichts bekommen hatte. Später, also am Nachmittag, kam der Panzer zurück und brachte uns -  die Amis hatten wohl unsere Armut gesehen - einen Sack mit Mehl. Wer weiß, wem sie den abgenommen hatten. Besagter Panzer fuhr noch ein Stück an unserem Häuschen vorbei und blieb dort im Morast stecken. Es gab damals keinen befestigten Weg und schon gar keine Straße hier herauf. Den Weg durch bis nach Retscheroth konnte man eigentlich nur in Gummistiefeln gehen. Dieser Panzer wurde später von einem s.g. Bergungspanzer wirder herausgeschleppt.

Rückkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft

Mein Vater kam 1945 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Glücklicherweise konnte er eine Arbeit als Lagerarbeiter bei der Fa. Lutter in Schönenberg bekommen.  Die nächsten Jahre mit strengen Wintern waren sehr hart. Es gab wenig Brennmaterial, wenig Kleidung und die Lebensmittelrationen waren auch sehr knapp.  Am 1. Januar 1947 brachte meine Mutter meinen Bruder zur Welt. Geboren ist er nicht bei uns in der Hütte, sondern im Vinzenz-Kloster in Schönenberg, wo die Vinzentinerinnen eine geburtshilfliche Station eingerichtet hatten. Herr Arnold Lückeroth vom Bauernhof in Etzenbach hatte sein Pferd vor einen großen Holzschlitten gespannt und fuhr damit die Taufgesellschaft, bestehend aus Eltern und Paten durch den hohen Schnee nach Schönenberg.

Zurück nach Köln - und wieder nach Etzenbach

Im Jahre 1947 begannen mein Onkel, der 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen war und mein Vater in Köln wieder ein Haus aufzubauen und Anfang 1948 sind wir dann wieder alle nach Köln gezogen. Meine Kinderzeit in Etzenbach hat mich doch sehr geprägt. So oft es ging, bin ich später in den Schulferien immer wieder hier gewesen. Meistens war ich dann in Etzenbach auf dem Bauerhof bei Lückeroths und Kleins. In unser Jagdhäuschen war eine Familie Sülzner gezogen. Als Frau Sülzner, die da schon verwitwet war, ausgezogen ist, hat meine Großmutter mir das Häuschen geschenkt. Später konnte ich das dazugehörige Grundstück von der Kirchengemeinde St. Maria Magdlena, Schönenberg, erwerben. Obwohl gebürtiger Kölner, fühle ich mich hier in Etzenbach beheimatet, wo ich seit 1995 mit meiner Frau meinen festen Wohnsitz habe.

 

 

Kriegsende 1945 in Schönenberg