Bilderbuch Ruppichteroth

Kriegsende 1945 an der Front - Heinrich Schöpe

Heinrich Schöpe (geb. 1923, aufgewachsen in Velken, heute wohnhaft in Bonn) hat bilderbuch-ruppichteroth.de viele seiner Erinnerungen zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Dazu gehören auch die ausführliche Schilderung seiner Kriegserlebnisse (s. rechte Spalte). Aus Anlaß des Kriegsendes vor 75 Jahren beschränken wir uns hier auf seine Beschreibungen aus dem letzten Kriegsjahr, als er am 15.1.1945 in russische Gefangenschaft geriet und diese schließlich in Estland verbingen musste.

Wer  sich über die weiteren Details informieren möchte, klickt einfach auf die entsprechenden Überschriften in der rechten Spalte.

15. Januar 1945: Ich gerate in russische Kriegsgefangenschaft

„Kaum war der letzte Kanonendonner verhallt, da fuhren russische Panzer – T 34- auf uns zu und überrollten unsere Kampflinie. Im Schutz dieser Panzer stürmten Rotarmisten vor, schossen gleichzeitig mit ihren Schnellfeuerwaffen auf die zurück flüchtenden deutschen Soldaten. Die Maschinengewehrgarben, mit Leuchtmunition versetzt und daher sichtbar, mähten die zurück laufenden Deutschen wie mit einer Sense nieder.

Die ersten Tage in Gefangenschaft

Dieser Anblick schreckte mich derart ab, nicht mit zurückzulaufen. Meines Erachtens eine Flucht in den sicheren Tod. Statt dessen schlichen oder krochen ich und mein Kumpel im Schützengraben ziellos hin und her. Instinktiv oder reflexartig versuchte ich, irgendwie lebend aus dem Schlamassel rauszukommen. Aber wie? Kann man in Todesängsten überhaupt planend überlegen?

Vorher hatten wir unsere Funkgeräte, die wir wie Rucksäcke trugen sowie auch Karabiner und Stahlhelm weggeworfen, um uns leichter bewegen und verstecken zu können. Mein Kumpel feuerte mit seinem Karabiner noch einige Schüsse in sein Gerät, um es für den Gegner unbrauchbar zu machen. Allgemeiner Befehl von Oben: Auf dem Rückzug ist alles zu zerstören, was dem Feind nützen könnte. Prinzip der verbrannten Erde.

Die meisten deutschen Soldaten glaubten trotz hoffnungsloser Kriegssituation noch an einen deutschen Sieg oder fühlten sich nach wie vor an ihren Eid auf den Führer verpflichtet. Das habe ich nicht getan. Im Gegenteil, ich sah mich von unserem "Führer" und seiner Clique verraten und verkauft. Nur für deren längeres Überleben sollten wir Soldaten wie auch das übrige deutsche Volk bis zum bitteren Ende durchhalten und verbluten.

Mein Schwur auf den Führer war, wie schon erwähnt, sicherlich ein "Meineid", sodass ich mich nicht im Gerinsten daran gebunden fühlte. Andererseits hatte auch ich trotz meiner kritischen Einstellung gegenüber der Nazipropaganda große Angst vor russischer Gefangenschaft. Darüber hatte die Nazi- und Goebbelspropaganda gruselige und grausame Geschichten verbreitet und damit Furcht vor den Rotarmisten geschürt, um den Verteidungswillen der deutschen Soldaten bis zum Äußersten und Letzten anzustacheln.

    Was wird uns in Gefangenschaft passieren ?
    Was werden die Rotarmisten mit uns anstellen?
    Werden sie uns foltern oder sofort umlegen?


Solche und ähnliche gruselige Gedanken gingen uns durch den Kopf. Die Furcht vor dieser Ungewissheit und des Bedrohtseins schaltet jedes vernünftige und bedachtes Denken und Handeln aus. Wer denkt schon im Voraus an Gefangenschaft und wie man sich da am besten verhält? Eigentlich zu kurz gedacht. Denn in der so aussichtslosen Lage der deutschen Soldaten gegenüber einer weit überlegenen Kampf- und Feuerkraft des Gegeners gab es praktisch nur die Wahl zwischen Tod oder Gefangenschaft. Doch an dieses alternativlose Dilemma wollte keiner denken, jedenfalls nicht im voraus.

Ich weiß noch, um unser Leben zu retten, sind wir -wie oben erzählt- in einem Schützengraben ziellos hin und her gekrochen, an und über tote(n) Kameraden vorbei, ohne jegliches Mitgefühl. An gegenseitiges Helfen war sowieso nicht zu denken. Todesängste lassen solche Gedanken oder mitmenschliche Gefühle nicht aufkommen oder man unterdrückt sie unbewusst. Brutales und inhumanes Verhalten wird den Soldaten eingeimpft, indem sie darin ausgebildet werden, den feindlichen Menschen zu töten oder zu überwältigen
GOTT MIT UNS

Selbst gottesfürchtige Kirchenführer haben den Krieg mit all seinen makaberen und brutalen Auswüchsen toleriert, wenn nicht sogar abgesegnet. Kurz nach meiner Konfirmation im April 1941 segnete unser Pastor in Ruppichteroth beim deutschen Überfall auf Rußland im Juni 1941 die Waffen der Deutschen Wehrmacht. Sicherlich entsprach dies einer allgemeinen Weisung der Evangelischen Kirchenleitung. Die offizielle Katholische Kirche hat sich genau "patriotisch" verhalten, wie das damalige Sonntagswort des Bischofs von Münster Graf von Gahlen zeigte. Jeder deutsche Soldat trug auf seinem Koppelschloß als Emblem: GOTT MIT UNS

Die schlimmste Schrecksekunde meines Lebens - „Nix puch, puch Kamerad"

... Zurück zu den letzten Minuten oder Sekunden vor der Gefangenschaft. Die Rotarmisten kämmten die Schützengräben nach deutschen Soldaten ab, bis auch wir oder ich in den Lauf einer russischen Kalaschnikow gucken musste. „Rucki Wech“ = Händ Hoch - schrie mich ein Rotarmist an. Das war der erste Befehl eines russischen Soldaten, dem ich alternativlos ausgeliefert war. Mein Gewehr und meinen Stahlhelm hatte ich schon vorher weggeworfen, die fünf Schuß im Karabinermagazin ziellos abgefeuert. Zu aller erst fahndeten die Rotarmisten nach Uhren und sonstigem bunten Kram. So z.B. hatte ich als Funker noch einige bunt melierte Bleistifte in der Rocktasche. Darüber konnte sich ein Rotarmist freuen. Doch in erster Linie sahen die russischen Soldaten nach Armbanduhren, auf die sie scharf waren. Da ich eine Taschenuhr bei mir hatte, behielt ich diese verhältnismäßig lange, bis ein Rotarmist meinen Anorak, so nennt man das heutzutage, aufknöpfte und die silberne Uhrkette sah. Er schlug heftig in die baumelnde Uhrkette, so dass meine Uhr aus dem Uhrtäschchen flog, die Kette aber zunächst hängen blieb. Doch die eigentlich schlimmste Schrecksekunde erlebte ich, als ein Rotarmist seine Pistole mir in den Nacken drückte. Da fiel mir das Herz in die Hose! Jeden Augenblick musste ich befürchten, dass er abdrückte. Doch er tat es nicht, sondern: Er stellte sich vor mich und sagte: „Nix puch, puch Kamerad“ und lachte mich dabei an. Puch, puch bedeutet zu deutsch soviel: wie „peng, peng“ . Na, fürs erste war ich mit dem Leben davon gekommen."

Wie es Heinrich Schöpe gelang, die Gefangenschaft zu überleben und 1949 wieder nach Velken zurückzukehren, können Sie auf den folgenden Seite (rechte Spalte oder HIER) nachlesen:

Gefangenschaft: Auf dem Weg wohin?

Gefangenschaft: Endstation Estland

Rückkehr in die Heimat (November 1949)