Rückkehr in die Heimat (Nov. 1949)

Heimkehrer im November 1949

Das Lager Erida, in dem wir noch 2 Jahre auf unsere Entlassung warten mussten, war im Rückblick nicht das Schlechteste. Kurz nach der Wende in 1989 haben ehemalige Eridaner mit ihren Frauen, weiteren Bekannten oder Freunden eine Busreise durch Ostdeutschland, Danzig, Polen und die baltischen Staaten nach Estland unternommen. Wir ehemalig72en Gefangenen wollten Erida  und unser letztes Gefangenenlager wieder  sehen. Von unserem Lager war nichts mehr vorzufinden. Im übrigen verweise ich auf meine Reiseaufzeichnungen.
                   
Damals im Jahr 1949 gehörte Estland wie viele andere Länder noch zur UdSSR, der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz: Sowjetunion. Dieser Staatenbund und die einzelnen Sowjetrepubliken - von Russland majorisiert -  feierten den 1. Mai groß und im November die Oktoberrevolution  jeweils über drei 3 Tage. Ob die Feierlichkeiten  zur Revolutionsfeier  1949 unsere Entlassung ausgelöst oder begünstigt haben, lässt sich heute nach mehr als 70 Jahren nicht mehr aufklären. Jedenfalls überraschte uns an den Tagen die frohe Botschaft : Skora domoi! sollte wahr werden.

Noch am späten Abend fuhren wir auf einem offenen LKW ins Stammlager Ahtme, wo wir neu eingekleidet wurden. Zu meiner großen Überraschung erhielt ich da noch ein Päckchen meiner Eltern mit verschiedenen Leckereien, die die ohnehin schon gute Laune  unter uns Gefangenen zusätzlich   stimulierte. Ein Wermutstropfen dämpfte dann gerade meine Stimmung etwas: mein bester Kamerad Willy Gratzfeld aus Bockeroth erhielt die traurige Nachricht, dass er erst mit dem  nächsten Heimkehrer-transport eine Woche später nach Hause käme. Das hat sich zwar auch bewahrheitet, solange wir in Gefangenschaft waren, haben wir solchen Zusicherungen misstraut.

Für die Heimreise wurden wir wieder in Güterwaggons verladen, allerdings nicht so eng zusammen gepfercht wie auf der 17-tägigen Bahnfahrt von Polen nach Estland im März 1945. An weitere oder sonstige  Transporterleichterungen oder Beschwernisse kann ich mich nicht mehr erinnern. Das war jetzt und hier auch egal. Die Freudenstimmung unter uns hat für den Augenblick alles Negative oder Unzulängliche  vergessen lasen.

Friedland/Leine, der 1. Ort auf  westdeutscher Seite

Diese letzte Reise als Kriegsgefangener von Estland über die südlich gelegenen Baltenstaaten, sodann durch Polen bis Frankfurt/Oder dauerte auch 10 Tage. Von dort ging es über Marienborn, der letzten  westlichen Grenzstation  in der ehemaligen DDR. Auf der Westseite `wurden wir im Flüchtlingsdurchgangslager Friedland/Leine  großzügig empfangen. Friedland war 1949 bis zur Wende in 1989 der bedeutendste und bekannteste innerdeutsche Grenzübergang zwischen Ost und West. Hier wurden wir freundlich und freudig begrüßt, mit allem Möglichen verwöhnt. Essen und trinken gab es in Hülle und Fülle. Alle unsere Wünsche konnten erfüllt werden. Jeder konnte sofort seine Lieben zu Hause telefonisch verständigen, was ich natürlich auch getan habe. Sie sollten mit mir im Laufe des nächsten Tages, eines Sonntags rechnen.

Nach langem Warten auf mich, kam ich doch zu früh zu Hause an

Auf  meine Heimkehr wartete ganz Velken. Zu meiner Begrüßung   als  letzten  Heimkehrer des Dorfes  wollte die Velkener Jugend einen aus Tannengrün geflochtenen großen Torbogen aufstellen,  der allerdings noch nicht stand, als ich zu Hause ankam. Dass ich schon am frühen Sonntagvormittag eintreffen würde, damit hatte keiner gerechnet. Wie kam das?

Wir, Heimkehrer Richtung Köln, sind mit einem Sonderzug die ganze Nacht durch gefahren. Der Zug hielt nur in größeren Städten. Auf den Bahnsteigen warteten viele Menschen,  Angehörige, Freunde und Bekannte, die ihre Heimkehrer begrüßen wollten. Wohltätigkeitseinrichtungen, wie Rotes Kreuz u.a. verteilten Weihnachtspäckchen an die Heimkehrer.  Wir hatten zwar keinen Hunger mehr im klassischen Sinne - wie wir fünf Jahre erlebt hatten - , ließen uns aber gerne mit Plätzchen, Schokolade und sonstigen Süßigkeiten verwöhnen.

Unerwartet schnell und früh kamen wir in Köln an. Hier kannte ich mich gut aus. Ich wusste noch gut und genau, mit welchem Zug ich weiter fahren musste und brauchte daher nicht lange zu warten.  Kaum eine Stunde später erreichte ich Hennef/Sieg. Hier stieg ich um auf die mir noch wohlvertraute  Rhein-Sieg-Eisenbahn, mit der ich viele Jahre von Velken/Oeleroth nach Waldbröl zur Schule  gefahren war. Nach dieser reibungslosen und zügigen Fahrt kam ich über Erwarten früh zu Hause an.

Die Wiedersehensfreude war riesengroß. Dass mich  Mutter und Vater oder andere mir Nahestehende umarmt und Küsschen rechts und links auf die Wangen gegeben hätte, daran kann ich mich nicht erinnern.  Was heutzutage alltäglicher Brauch ist, kannte man vor 70 Jahren nicht, jedenfalls nicht bei uns zu Hause auf dem Land. Dabei ist die Heimkehr eines vermissten Sohnes nach 5 Jahren russischer Kriegsgefangenschaft die  Gelegenheit, seine Gefühle der Freude und Fröhlichkeit  des Wiedersehens freien Lauf zu lassen.

Die heutigen Begrüßungsrituale unter nahen Verwandten, guten Bekannten und Freunden mit Wangenküßchen links und rechts, verdanken wir dem französischen Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben. Jedenfalls gehört es heutzutage dazu, unsere französische Schwiegertochter Françoise auf französische Art zu begrüßen.

Rückblick - oder was ich noch sagen wollte

Kriegsgefangener zu sein, ist kein  Vergnügen, weltweit! Tiefer und armseliger  kann man als Mensch nicht fallen. Rechtlos und hilflos! Ohne Murren und Knurren musst du als Kriegsgefangener jedem Befehl widerspruchslos folgen, mag er noch so widerlich oder unvernünftig sein. Da macht es keinen großen Unterschied, ob der Gefangene sich in russischem oder in englisch-amerikanischem Gewahrsam aufhält.

Sicherlich waren die allgemeinen Lebensumstände im westlichen Bereich etwas günstiger, insbesonders was die Verpflegung anging. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Russland viel stärker unter dem Krieg gelitten hatte als die westlichen Alliierten. Die damalige Sowjetunion hat die allerhöchsten  und schlimmsten Verluste im II. Weltkrieg erlitten, sowohl in menschlicher wie materieller Hinsicht.  Allein der Befehl Hitlers, die Russen als barbarsiche Untermenschen zu behandeln und  auf dem Rückzug der Wehrmacht alles zu zerstören,  nur  "verbrannte Erde" zurück zu lassen, verdeutlicht, wie grausam und unmenschlich die Deutschen die Russen behandelt und ausgeplündert haben. Dennoch habe ich als Kriegsgefangener erfahren können, dass die Russen ihr erlittenes Unrecht nicht mit gleicher Münze uns  heimzahlen wollten. Im Gegenteil!

Wenn ich im Nachhinein bedenke, wie unmenschlich und grausam wir Deutschen auch die  russischen Kriegsgefangenen behandelt haben - dazu das Buch "Keine Kameraden" des Historikers Christian Streit - dann kann jeder verstehen, dass ich trotz allem, was ich in Gefangenschaft erlebt und auch erlitten habe, Sympathie für Russland und seine Menschen behalten habe. Nie habe ich erlebt, dass russische Wachposten grundlos  Deutsche misshandelt hätten, sich nachträglich gerächt hätten. 

Oft habe ich überlegt, wie unterschiedlich  in bestimmten Situationen  sich  deutsche Wachposten im Vergleich  zu russischen Wachen verhalten hätten. Dabei muss man bedenken, wie wir Deutschen durch  die  Anti - Russischen - Propaganda indoktriniert waren, sicherlich viel stärker und nachhaltiger als umgekehrt. Dass Russen barbarische Untermenschen seien, wie uns die Propaganda einhämmerte, habe ich anfangs durch ein Erlebnis bestätigt gefunden, als ich die ersten russischen Gefangenen gesehen  habe, wie oben schon erwähnt.

Schlussbemerkung
 
Meine Erlebnisse und Erfahrungen aus der Jugendzeit, als Soldat und schließlich als Kriegsgefangener sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Sie  haben mich zu einem misstrauischen Menschen geformt, der im politischen Meinungsstreit beide Seiten kritisch  hinterfragt nach dem altrömischen Prinzip: audiatur et altera pars. Gerade in Kriegszeiten herrscht Propaganda über Wahrheit und Wirklichkeit.

Vor allem haben Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse haben mich zu einem absoluten Pazifisten werden lassen mit dem Leitspruch:
   

          Mut in Zivil ist besser als Tapferkeit in Uniform.