Gefangenschaft: Endstation Estland

Als wir ausstiegen, wurden wir angenehm überrascht. Wir waren nicht in Sibirien oder sonst wo im weiten und fernen Osten angekommen, sondern im Westen und hohen Norden, in Estland. Das empfanden wir  als große Erleichterung, ja sogar als Glück. Nur schreckten uns zunächst riesige Schneeberge. Mitte März waren wir von Zuhause aus gewöhnt, Frühlingsluft zu fühlen und zu schnuppern. Doch der viele Schnee erwies sich bald als Vorteil, jedenfalls für die körperlich besonders schwachen Gefangenen. Nach so langer Bahnfahrt fielen schon einige beim Aussteigen um. Sie waren zu schwach, überhaupt auf den Beinen zu stehen, geschweige denn den Marsch ins Lager mitzugehen. Die etwas stabileren Gefangenen waren aber  nicht im Stande, den Hinfälligen zu helfen, sie unter den Arm zu nehmen.

Ahtme, das erste Lager im Norden

Auch da erwies sich Estland als Glücksfall, genauer ihre Bewohner, die Esten. Sie spannten spontan ihre Pferde vor Schlitten und brachten die besonders Schwachen ins Lager, nach  Ahtme. Wir übrigen mussten den beschwerlichen, etwa 10 km weiten Weg zu Fuß gehen. Ich weiß nicht mehr, wie ich die letzte Strapaze des Weges ins Lager überstanden habe. Unvergesslich bleibt der "unbürokratische" Empfang im neuen Lager "Ahtme". Hier mussten wir uns, wie bei jedem Zählappell üblich, in 5er Reihen vor dem Lagertor aufstellen. Nachdem die Gefangenen-Anzahl stimmte, bekamen wir einen kräftigen Schlag dicke Suppe/Kascha in unseren Essnapf, vor dem Lagertor.   
                    
Welch ein Glücksgefühl uns alle überkam. Auch später erwies sich Ahtme als eins der besten Lager, von all den vielen anderen, in  die ich während meiner 5- jährigen Gefangenschaft verfrachtet wurde. Ahtme ist ein kleiner Nachbarort von Kohtla Järve, etwa 50 km westlich der Narwa, die hier die Grenze zwischen Russland und Estland bildet und nur wenige km südlich des  Finnischen Meerbusens.
Ich kann mich aber auch an sehr schlimme, ja grausame Bilder erinnern. Als wir hier ankamen, waren wir alle sehr geschwächt, zum Teil vom Tode gezeichnet. In der ersten Zeit starben fast täglich Kameraden. Die Leichen konnten aber zunächst nicht beerdigt werden, weil die Erde noch knochenhart gefroren war. Daher mussten  sie in einem kleinen Abstellraum auf einem Haufen gestapelt werden. Diesen schrecklichen und entsetzlichen Anblick, wie in einem KZ,  kann ich
nie vergessen. Dennoch verbinde ich das Lager Ahtme nicht mit diesem Bild.
                

Der erste Lagerwechsel nach Toila

Als Gefangener wird man oft von einem Ort oder Lager zum anderen verfrachtet. Kaum hat man sich ein Bisschen eingelebt, dann wird man als Arbeitskraft an anderer Stelle gebraucht. So erging es mir öfter, das erste Mal im Mai/Juni 1945.         
Dieser erste Lagerwechsel  hat  mich nach Toila verschlagen, einem kleinen Dorf im hohen Norden direkt am Finnischen Meerbusen, etwa 40 km westlich von Narva. Hier habe ich seinerzeit zum ersten Mal das große Meer gesehen. Aus dem  Stammlager Ahtme musste ich mit einem 200 Mann starken Arbeitskommando  zur landwirtschaftlichen Frühjahrsbestellung nach Toila.

In Estland, im hohen Norden, sind die Jahreszeiten Frühling und Sommer kurz. Die Äcker und Felder müssen sobald  und so schnell wie möglich bestellt werden.Alles musste  von Hand, mit Menschenkraft gemacht werden, mit Spaten und Hacke. Kurz nach dem Krieg  gab es  keine Traktoren noch die dazu gehörigen Landmaschinen.  Einen Pflug zum Umwenden und Lockern des Bodens gab es ebenso wenig wie Maschinen zum Säen und Pflanzen.

So mussten wir Gefangenen jeden Tag, manchmal bis tief in die Nacht – im hohen Norden bleibt es um die Jahreszeit  auch nachts fast taghell - mit dem Spaten den Boden umgraben und mit Hacken auflockern. Mehrere Hundert Männer können da auch Maschinen ersetzen. Nach acht oder mehr Stunden harter Arbeit bis tief in die Nacht, ließ manchen Pessimisten zum Melancholiker. Deren untröstliches Jammern mochten die nicht so  pessimistisch gestimmten  Kameraden   nicht länger anhören. "Du kannst deinem Jammertal ein schnelles Ende machen - so rieten sie den Trostlosen - , indem du  versuchst zu fliehen, der Fangschuss des Wachpostens ist dir sicher". Soweit ist es doch nie gekommen.

Die Maalinki-Geschichte

Bei unseren Arbeiten auf den Äckern fanden wir manchmal Handwerkszeug, das  deutsche  Soldaten  auf dem Rückzug verloren oder liegen gelassen hatten. Hammer und Zange konnten wir Gefangenen gut gebrauchen, um damit notdürftig unsere armseligen  Schuhe aus  Holzsohlen und Segeltuch zu reparieren.  So hatte ich solches Werkzeug bei der Arbeit irgendwo gefunden, mit ins Lager genommen und nicht abgeliefert, wie es eigentlich geboten war. Immer wieder appellierte die Lagerleitung an die Gefangenen, Werkzeug jeglicher Art abzugeben.  Denn mit Werkzeug hätte man die  Lagerumzäunung  durchknipsen  und fliehen können.  Da verstanden die russischen Wachtposten keinen Spaß. Wenn das ein Gefangener mal versucht hatte und wieder eingefangen wurde, dann schlugen die Posten erbarmungslos auf ihn ein. Vor unseren Augen, um uns damit abzuschrecken. Ansonsten habe ich nicht erlebt, dass russische Wachposten deutsche Gefangene verprügelt oder geschlagen hätten.    

Ein Kumpel, dem ich das Werkzeug für eine Schuhreparatur ausgeliehen hatte, setzte sich  dummerweise so nahe an den Stacheldrahtzaun, dass der deutsche Lager-Kommandant den „Übeltäter“ auf frischer Tat ertappte. Er verteidigte sich damit, dass nicht ihm, sondern dem Schöpe Hammer und Zange gehörten. Somit war ich jetzt  dran.               
Jeden Abend wurden die Untaten des Tages vor einem "Lager-Gericht" verhandelt. Als "Vorsitzender Richter" fungierte der russische  Lagerkommandant, als "Ankläger" der deutsche Lagerführer; außerdem nahm ein Dolmetscher an solchen Verhandlungen teil.
Wie zu erwarten, hielt mir der deutsche Lagerführer vor, dass ich Hammer und Zange  nicht abgeliefert hätte. Reumütig gab ich alles zu. Mit zugegebenermaßen faulen Ausreden versuchte ich zusätzlich zu verteidigten; dass  ich  an den letzten Tagen abends auf Arbeitskommando gewesen wäre und  daher die abendlichen Appelle für  die Werkzeugabgabe nicht mitbekommen hätte. Außerdem sollte das Werkzeug nicht als Fluchthilfe dienen, sondern zum Reparieren oder Flicken des armseligen Schuhwerks. So oder so ähnlich versuchte ich mich aus der Klemme raus zureden.
Der deutsche Lagerführer wollte meine Ausreden nicht durchgehen lassen. Ich hatte noch nicht ausgeredet, da sprang er wütend auf mich zu und knallte mir rechts und links zwei saftige Schläge ins Gesicht, sodass meine Nase blutete und ich mit Blut verschmiertem Gesicht da stand.     
Während der deutsche Lagerführer glaubte, damit beim russischen Lagerführer  punkten zu können, empfand dieser bei meinem Anblick Mitleid und sagte mitfühlend:  "Maalinki, nix Karzer". Maalinki ist im Russischen ein Kosename, mit dem eine Mutter ihr kleines  und trauriges Kind tröstet, wie z.B. Mein Kleiner. Hammer und Zange waren verloren, aber dafür blieb mir der Karzer erspart. Erleichtert ging ich zur Schlafbaracke, wo ich mich wie gewohnt auf den Pritschenplatz neben die   Kameraden legen konnte. Denn  Karzer bedeutete hier, ein dunkles, feuchtes Erdloch, was auch deprimierend aufs Gemüt schlug.

"Maalinki" enttäuscht den russischen Lagerkommandanten
Nachdem die Frühjahrsbestellung fertig war, konnte die 200- Mann-Verstärkung aus Ahtme  wieder ins Stammlager zurück. Wir standen da in 5er Reihe abmarschbereit, ich als einer der Kleinsten am Ende der Kolonne. Der russische Lagerkommandant schritt suchend die Reihen ab und fischte mich raus. Es wunderte mich, dass er aus den vielen Gefangenen mich wieder erkannte und raus winkte. Er wollte mir wieder etwas Gutes zukommen lassen, was ich aber nicht rechtzeitig erkannte. Er  ließ durch den Dolmetscher fragen, ob ich mit Pferden umgehen könnte.
Oh, was sollte diese Frage bedeuten? Und was sollte ich antworten?
Natürlich konnte ich als Sohn von Eltern, die eine Landwirtschaft betrieben, mit Pferden umgehen. Zum Lagerbetrieb gehörten auch Pferde. Jetzt befürchte ich, dass ich mit den zum Lager gehörenden Pferden umgehen und deshalb im Lager bleiben sollte. Das wollte ich unter keinen Umständen. Mit dem deutschen Lagerführers stand ich auf Kriegsfuß, nicht nur wegen der Ohrfeigen bei der "Gerichtsverhandlung". Wiederholt hatte er mir in den Hintern getreten, weil ich wegen meiner  schlechten Schuhe nicht zur Arbeit mitgehen wollte. Nach diesen schlechten Erfahrungen mit dem deutschen Lagerführer war es verständlich, dass ich zurück ins Stammlager wollte.Deshalb verneinte ich die Frage des russischen Kommandanten, ob ich mit Pferden umgehen könnte. Er wollte mir als Maalinki wieder helfen, mir den Fußmarsch ins Stammlager ersparen. Ich sollte seinen Pferdewagen kutschieren. Bevor ich das begriffen hatte, meldeten sich andere Kameraden, die die  Pferdezügel in die Hand nahmen. Während des gesamten etwa 10 km langen Fußwegs wurde ich gehänselt: Da oben auf dem Kutschbock könntest du jetzt sitzen und brauchtest nicht den beschwerlichen Marsch mit klobigen Holzpantinen zu Fuß laufen.

Im Juni 1945 auf nach Reval/Tallinn ins Hafenlager

Kaum im Stammlager "Ahtme"angekommen, hieß es fertig machen für eine Bahnfahrt mit - wie immer in solchen Situationen - mit unbekanntem Ziel. Die Güterwagen, in die wir einstiegen, blieben auch während der Fahrt  offen, wie überhaupt die Bewachung ungewöhnlich leger mit uns umging.                   
Es hieß, wir sollten eine Torfsaison abarbeiten, danach kämen wir nach Hause. Bei diesen rosigen Aussichten dachte niemand daran, während der Bahnfahrt aus dem offenen Güterwaggons abzuspringen und zu flüchten. Vom fahrenden Zug abzuspringen, ist nicht jedermanns Sache. Außerdem reagierten die Wachposten - wie oben schon angesprochen - erbarmungslos gegenüber Gefangenen, die sie nach erfolglosem Fluchtversuch wieder einkassierten.

Wir landeten allerdings nicht in einem Torflager- dahin kamen wir erst viele Monate später -, sondern in der estnischen Hauptstadt Reval, heute: Tallinn. Das weckte gewisse Hoffnungen und Erleichterung in uns. Zunächst freuten sich alle darüber, dass uns das  Schreckgespenst "Sibirien"  vorerst erspart geblieben war. Als Unterkünfte dienten alte Hafengebäude wie Lagerhallen und kleinere Nebengebäude. In diesem sog. Hafenlager lebten mehrere Tausend Gefangene auf engstem Raum. Das hatte den Vorzug, dass wir auch bei kaltem Wetter nicht froren. "Lieber warmer Mief als kalter Ozon" hieß unser Motto. An miefiger oder verbrauchter Luft ist  noch niemand gestorben oder zu Schaden gekommen. Dagegen sind infolge von Kälte im ersten Kriegswinter 1941/42 im Russlandfeldzug deutsche Soldat erfroren oder mit Frostschäden davon gekommen. Frostgeschädigte Soldaten wurden mit einer besonderen Auszeichnung  geehrt, der spöttisch  als  "Gefrierfleischorden" in die Geschichte eingegangen ist.  

Erstes Lebenszeichen nach Hause (Okt.45,19J, u. 46, 1.Post erhalten!!)

Zurück zum Hafenlager, wohin ich im Sommer 1945 kam. Von hier konnten wir erstmalig  nach Hause schreiben. Auf vorgedruckten Rote - Kreuz - Karten durften wir einige Zeilen schreiben, praktisch nur ein Lebenszeichen."Ich lebe noch, mir geht`s gut und auf baldiges Wiedersehen". Das war im Oktober 1945. Erst drei  Monate später,  am 02. Januar 1946 kam die erste Karte aus Gefangenschaft zu Hause an.  Wie ein Lauffeuer soll sich die freudige Nachricht in Velken und darüber hinaus herum gesprochen haben.

Fast genau ein Jahr lang galt ich als vermisst in Russland. Mit meinem ersten Lebenszeichen  wussten meine Eltern aber noch nicht, wo ich mich aufhielt. Das habe ich später in einer der nächsten Karten an Vetter Siegfried verschlüsselt geschrieben. Solche vorgedruckten Karten erhielten wir anfangs in unregelmäßigen Abständen. Gerne wollte ich öfter nach Hause schreiben. Mit anderen Kameraden, die ihre neue Heimatanschrift nicht kannten, habe ich Rotkreuz-Karten  gegen Rauchwaren eingetauscht. Bei dem Ruf: "Post aus der Heimat", da fieberte ich, ob ich dabei war und gleich schlug das Herz schneller. Zu meinem Glück, war ich auch öfter dabei. Die ständige briefliche  Verbindung mit der Heimat hat mich diese Zeit in Gefangenschaft leichter aushalten lassen.

Das E-Werk -Kommando

Erste und wichtigste Aufgabe der Gefangenen im Hafenlager war, den zerstörten Hafen wieder aufzubauen und das neben dem Lager stehende Elektrizitätswerk  in Betrieb zu halten. Dieses Arbeitskommando  wurde in 3 Schichten gefahren:

  • Frühschicht von 6:00 bis 14:00 Uhr
  • Spätschicht von 14 bis 22 Uhr
  • Nachtschicht bis 6Uhr morgens.

Ich liebte die Spätschicht, sie bekam mir am besten.

Wie schon angedeutet befand sich diese Arbeitsstelle  in unmittelbarer Nähe zum Lager. Wir brauchten nur einige hundert Meter laufen. Ein weiterer Vorteil war, dass wir uns in einer Baubude  abwechselnd ausruhen und aufwärmen konnten.Unsere eigentliche Arbeit bestand darin, dass eine Gruppe das Heizmaterial für das E-Werk, den Ölschiefer von  Eisenbahnwaggons abladen musste,    eine andere Gefangenengruppe das zur Feuerstelle führende Förderband mit  Ölschiefer belud und dass  die übrigen Gefangenen die glühend heiße Asche in Loren an das Ufer der  angrenzenden Ostsee zu schieben hatten. Das war die härteste Arbeit. Der oft stürmische Wind  blies uns dann die heiße, manchmal noch glühende Asche  ins Gesicht. Nach getaner Arbeit waren wir kohlrabenschwarz, wie ein Schornsteinfeger.

Das Hafenkommando - Vor-und Nachteile großer Arbeitskommandos

Die Arbeitskommandos für den Hafenaufbau oder andere Hafenarbeiten zählten zwischen 600 bis 800 Mann. Für  Wachtposten  wie  auch für uns Gefangene hatten so große Kommandos neben Vorteilen auch gewisse Nachteile. Je größer oder zahlreicher ein Arbeitskommando war, desto länger  dauerte es, bis sich alle  Gefangenen in Reih` und Glied zum Abmarsch aufgestellt hatten. Die ersten und besonders pflichtbewussten Männer warteten dann oft lange auf die Nachzügler.  Diese mussten sich dann zu Recht  schlimme Beschimpfungen anhören. Gerade im Winter bei klirrender  Kälte war es kein Vergnügen, auf diese später Kommenden warten zu müssen. Und je zahlreicher das Arbeitskommando war, desto länger mussten die pünktlich Kommenden  warten. Ich gehörte meistens zur "Mitte", also zu denjenigen, die sich nicht zuerst aufstellten, aber auch nicht zu jenen, auf die gewartet werden musste.

Solche riesigen Arbeitskommandos hatten andererseits ihr Gutes. Die Wachtposten sperrten dann großräumig das Arbeitsgebiet ab. Wir sahen und hörte nichts von unserer Bewachung.Das bot sich gerade im Revaler Hafen an. Der Teil des Hafens, wo wir Gefangenen malochen mussten,  befand sich auf einer Halbinsel. Dies kam den Wachposten wie auch den Gefangenen sehr entgegen.  
Die Seite zum offenen Wasser brauchte nicht besonders kontrolliert zu werden. Dass jemand übers Meer versucht hätte zu flüchten, das hat sich keiner getraut. Selbst die besten Schwimmer waren mittlerweile dafür zu entkräftet. Auch im Winter, wenn die Ostsee zugefroren war, wagte niemand, übers Eis zu flüchten. Die rettende  Küste  nach Finnland war mit über 80 km Entfernung zu weit.

Organisieren, Beschaffen außerhalb der Legalität

Beim Arbeitskommando im Hafen hatten wir Gefangenen verhältnismäßig viel Freiraum und  Bewegungsfreiheit. Wenn es die Arbeit und die Zeit  erlaubten, stromerten wir von Ort zu Ort.  Einmal aus Neugier, vor allem aber um hier oder da etwas organisieren zu können. Organisieren bedeutet im soldatischen Sinn: Etwas Brauchbares außerhalb der Legalität  zu beschaffen, kurzum: stehlen oder klauen. Solches "Organisieren" hatten wir Gefangenen schon zu Soldatenzeiten gelernt und geübt.  Hindernisse oder psychische Hemmungen kannten wir dabei nicht. Erst recht nicht in Gefangenschaft.
                        
Im "Organisieren" war ich kein großes Licht. Mir fehlte oft die Umsicht, dann auch die Kühnheit oder die nötige Frechheit. Dennoch ist es mir hin und wieder gelungen, etwas Ess- oder sonstiges Brauchbares außer der Reihe  zu ergattern, sozusagen in den Schoß gefallen, nach dem Zufalls-Prinzip: Auch ein blindes Huhn findet ein Korn.

Hose gegen Brot

In diesem Zusammenhang fällt mir der Wachtposten ein, der sich über unser Soldatenlied "Ein Heller und ein Batzen" so ergötzen konnte.  Immer wieder forderte er uns auf, dieses  Lied auf dem Marsch zur Arbeit oder zurück zu singen. Damit konnten  wir ihn für uns gewinnen. Eines Tages kam er unverhofft auf mich zu. Er hatte sich in meine noch gut aussehende feldgraue Soldatenhose verliebt. Daran hatte er einen Narren gefressen. Er wollte sie gerne haben, mir dafür ein Brot geben. Aber ganz ohne Hose, das ging doch nicht.

Ein Kamerad hatte das mitbekommen und bot mir einen Deal an. Er besaß nämlich eine zweite Hose, allerdings in einem bemitleidenswerten Zustand. Vorne wie hinten Löcher und ausgefranste Risse, seine gut erhaltene Hose wollte er nicht hergeben. Hätte ich wahrscheinlich auch nicht gemacht.  Ein ganzes Brot wollte der Wachsoldat für meine Kommisshose zahlen. Davon sollte jeder von uns beiden die Hälfte bekommen.

Im normalen Zivilleben wäre das ein  denkbar schlechtes Geschäft für uns gewesen. Eine gute Hose gegen einen Laib Brot. Wenn aber ständiger Hunger dich quält, dein Denken und Handeln bestimmt, dann gelten ganz andere Regeln, die nur hungrige Menschen nachvollziehen können. Jedenfalls wir beiden machten den Deal mit dem Posten: Ich gab meine gut erhaltene Soldatenhose hin für Brot, das ich mit meinem Kameraden teilen musste.
                    

Willkommene Überraschungen mit möglichen Nebenfolgen

Das Arbeitskommando im Revaler Hafen bescherte uns Gefangenen auch schon mal angenehme Überraschungen. So z. B. wenn voll beladene Schiffe anlegten und deren Fracht gelöscht werden musste. Bei diesen Entladearbeiten ließ sich schon mal das eine oder andere abzwacken, was eigentlich verboten war. Deshalb musste es schnell und  unauffällig gemacht werden, was nicht immer glückte.
Ein Kamerad und ich mussten beim Entladen eines Schiffes  verschlossene Holzkisten an den Kranhaken hängen. Diese Kisten wurden dann nach oben  gehievt und auf den angrenzenden Lagerplatz abgesetzt. Dieser Löschvorgang dauerte einige Minuten, bis der Kranhaken wieder zu uns herunter kam. Während dieser Wartezeit wagten wir es, die eine oder andere Kiste mit einem Schraubenzieher gewaltsam zu öffnen. Einmal waren wir neugierig zu sehen, was in den Kisten drin war. Zum Anderen hofften wir brauchbare Sachen zu finden. Mit Werkzeug konnte man gute Tauschgeschäfte machen, insbesondere  gegen Essbares eintauschen.

Doch dann passierte es, dass ein Zivilaufseher uns beim Aufknacken einer Kiste erwischt hatte. Ein Wachtposten wurde verständigt, der uns sofort ins Lager abführte. Schlimme Strafe mussten wir beide befürchten. Jeder von uns wollte etwas mitgehen lassen. Für uns beide galt: mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Mein Kumpel hatte noch organisierte Sachen in der Tasche, die er auf dem Marsch ins Lager unauffällig wegwerfen wollte, vergeblich. Der Wachtposten lieferte uns bei der (Hafen-) Lagerleitung ab,  was er dem russischen Lagerkommandant wohl gesagt hat, haben wir nicht mitbekommen. Jedenfalls befürchteten wir eine schlimme  Strafe.
                        
Der deutsche Lagerleiter, der auch russisch sprach, wurde zur Lagerwache gerufen und über unser Vergehen informiert, weshalb wir beiden vorzeitig ins Lager abgeführt worden waren. Nach kurzer Beratung der beiden Lagerführer sagte uns der Deutsche: Macht was ihr wollt, nur keine weiteren Dummheiten. In solchen Situationen denke ich heute oft: Was hätten deutsche Aufseher mit solchen unbotmäßigen russischen Gefangenen gemacht? Diese oder ähnliche Vergleiche  habe ich öfter angestellt. Hierbei schnitten nach meiner Einschätzung die Russen besser ab als die Deutschen.  An das  Buch "Keine Kameraden" von dem Historiker Christian Streit sei hier erinnert. Zum Glück habe ich von den Untaten und Grausamkeiten der deutschen Wehrmacht gegenüber  russischen Gefangenen und Zivilisten erst viel später erfahren. Sonst hätte ich noch größere Angst vor russischer Kriegs-gefangenschaft gehabt.

Deutsche Tüchtigkeit

Wir Deutschen dachten und denken auch heute noch oder schon wieder etwas hochnäsig über Russen. Wir fühlten uns überlegen, insbesondere in technischen und organisatorischen  Dingen. Davon waren die Russen selbst auch nach ihrem Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" über Hitler-Deutschland überzeugt. "Man kann einen deutschen Gefangenen pudelnackt in den Karzer stecken, nach vier Wochen kommt er voll ausgerüstet mit Panzer wieder raus!" Solche übernatürliche Tüchtigkeit der Deutschen scheuten sich die Russen nicht einzugestehen.
                        
Die im Revaler Hafen einlaufenden Schiffe brachten oft deutsche Maschinen wie Nähmaschinen, Paddel- oder Ruderboote, Baumaterialien als Reparationen. Darunter einmal Messingrohre, die unauffällig und unbeachtet auf dem Hafengelände lagerten. Nicht für deutsche Gefangene. Sie sägten von den Rohren kleine Stücke ab und nahmen sie  mit ins Lager. Daraus fertigten sie Siegelringe, die sie auf Hochglanz polierten. Diese glänzenden Ringe trugen die Gefangenen absichtlich so provozierend, dass  sie den Wachtposten in die Augen stechen mussten. Prompt sprachen die Posten unsere Metallkünstler an, ob sie einen solchen Ring mit einer persönlichen Gravur haben könnten. Ring gegen Brot war für beide Seiten ein gutes Geschäft. So dachten auch die Wachtposten.

Messing hat leider die Eigenschaft, dass der künstlich hergestellte  Glanz nach relativ kurzer  Zeit matt wird. Das hinderte unsere Kameraden nicht, ihre Messingringe als dauerhaft glänzende Schmuckstücke anzubieten. Und das so oft und solange wie der Schwindel bei den Rotarmisten nicht aufgefallen war. Die Schadenfreude der Gefangenen entschädigte sie für die nachlassende Nachfrage.

Auf in den Torf  (Anfang 1946)

Nachdem die Ostsee eingefroren war und keine Schiffe mehr einliefen, wurden nicht mehr so viele Arbeitskräfte im Hafen gebraucht. Etwa einhundert Gefangene, darunter auch ich, kamen Anfang 1946 in das anvisierte Torflager, nach Turba. Dieses  kleine Torf - Dorf, etwa 50 km süd-südwestlich von Tallinn, hatte  aber große Bedeutung für die Energieversorgung der Umgebung. Das Heizkraftwerk wurde mit Torf befeuert.

Als wir hier ankamen, herrschten Väterchen Frost und Frau Holle über Land und Leute. Doch das Heizkraftwerk hatte nichts zu futtern. Die letzte Torfernte schlummerte  unter einer hohen Schneedecke und musste nun dringend eingefahren werden. Es war also höchste Eile geboten, Torfbriketts herbei zu schaffen. Trotz dieser Dringlichkeit schweife ich ab zu den Fragen:
                        

  • Woraus besteht Torf? 
  • Wie entsteht Torf?
  • Wie wird Torf geerntet ?
  • Wie in  Brikettform gepresst und wie getrocknet?
  • Und wie zur Feuerstelle gebracht?


Die Torfarbeiten oder - ernten begannen, sobald der Boden frostfrei war, also Mai/Juni in Estland. Die Torfmächtigkeit betrug  2 bis 3 m. So tief und etwa auch so breit schaufelten wir den Torf in einen Elevator, der den Rohtorf, das ist vermodertes Holz, nach oben in eine Wolfspresse transportierte.  Wie beim Fleischwolf kam am Ende eine matschige Vierkantwurst heraus. Diese endlose Wurst wurde ebenfalls maschinell in Meterlänge abgeschnitten, gedrittelt und auf Holzbrettern im rechten Winkel zur "Wurstmaschine" etwa 20 m weiter transportiert. Auf dieser Strecke mussten wir die auf zwei Drahtseilen beförderten Bretter abnehmen und  auf den Boden werfen, dicht aneinander, Reihe an Reihe. So konnte  der matschige, in Ziegelform gepresste Torf trocknen und wie  Brikettstücke weiter verarbeitet werden.

Sobald der so gepresste und geformte Torf fest getrocknet war, musste er zur weiteren Trocknung pyramidenartig bis zu 60 cm hoch aufgestapelt werden. Jetzt lagen die Torfpyramiden unter hohem Schnee, kaum zu erkennen. Die aufgestapelten Torfbriketts, fest zusammen gefroren, konnten nur mit Brechstangen gelockert werden. Es war versäumt worden, die Torfernte rechtzeitig vor dem Winter einzubringen.    

Nun mussten wir Gefangenen bei bitterster Kälte (bis zu -20°) den dringend benötigten Torf herbei schaffen.  Zum Torffeld, das etwa 5 km vom Kraftwerk entfernt lag, fuhren wir mit der Feldbahn in Loren. Ausgerüstet mit Brechstangen, um die zusammen gefrorenen Pyramiden in handliche Stücke aufzubrechen. Die so leichter zu handhabenden Torfbriketts pulten wir aus dem hohen Schnee raus, luden sie auf Holz-Tragen für 2 Mann, die sie in die Feldbahn-Loren brachten. Nach getaner Ladearbeit mussten wir  Gefangenen zu Fuß ins Lager zurück marschieren. Mit der Kleinbahn waren wir ja hin gebracht worden.  Diesen etwa 5 km weiten Marsch zurück ins Lager kann ich nicht vergessen. Dass wir mit Holzschuhen durch hohen Schnee stampfen  mussten, daran hatten wir uns schon gewöhnt. Doch diesmal blies uns ein besonders heftiger eiskalter Wind ins Gesicht. Ich hatte das schmerzhafte Gefühl, dass tausende von Nadelstichen meine Stirn regelrecht "tätowierten". Solche Strapazen tun doppelt weh bei leerem Magen.

Im Weißen Rößl am Wolfgangsee

In Turba hatten Kunst- und Musikbeflissene eine Theatergruppe zusammen gestellt, die lustige Aufführungen einstudiert hatten und Sonntagsabends darboten. Einmal wurde die Operette "Das Weiße Rößl am Wolfgangsee" aufgeführt. Solche Aktivitäten mussten der Lagerleitung gemeldet und von ihr genehmigt werden.
Im "Weißen Rößl" spielt auch eine Frau, die Wirtin zum Weißen Rößl eine große Rolle, die hier ein Mann übernehmen musste. Weibliche Gefangene gab es in unserem Lager nicht. Unter soviel Gefangenen gab es alle möglichen Talente, auch die singen und tanzen konnten. So musste ein männlicher Gefangener von schlanker Statur und mit möglichst heller Stimme die Rolle der Wirtin übernehmen. Als solche musste sie nicht nur Dirndelkleider tragen, sondern auch typisch weibliche Formen haben, nämlich einen Busen.

Die russischen Lagerverwalter waren sehr scharf auf unsere Theatervorstellungen.  Gerne saßen sie daher in der ersten Reihe. Als dann bei der ersten Vorstellung die "Wirtin" auftrat, trauen die russischen Gäste ihren Augen nicht. Wie kam denn eine Frau ins Lager? fragen sie sich.  Um das so schnell wir möglich zu klären, springt einer von ihnen auf die Bühne und betatschte die Wirtin, ob sie einen echten oder nur gestopften Busen hatte. Diese Szene hat bei uns Gefangenen besondere Heiterkeit ausgelöst.

Als Kanalarbeiter in Reval (Herbst 46, 20J)

Nachdem wir eine Torfernte mitgemacht und in der schlimmen Notlage ausgeholfen hatten, konnte ein Teil der Gefangenen wieder zurück nach Reval. Wir kamen  jedoch nicht ins Hafenlager, sondern in ein Lager  nahe  eines  Krankenhauses. Hier musste für einen Neu- und Anbau ein Entwässerungskanal verlegt werden.  Harte Arbeit zwar, aber eine harmonisch zusammen arbeitende 15- Mann Truppe.

Die  Kanalrohre aus Beton mit etwa 30 - 40 cm Durchmesser, mussten etwa 3- 4 m tief vorgelegt werden. Mit einem Seil ließen wir die doch recht schweren Rohre nach  unten.  Alles musste von Hand gemacht werden. Maschinen wie Bagger gab es 1947/48   nicht. Zum Glück brauchten wir für die Erdbewegungen als Werkzeug nur Spaten und Schaufel. Der sandige Boden ermögliche es einerseits, den Kanalgraben ohne besondere Schwierigkeiten auszuheben. Andererseits musste der Graben aber  beidseitig mit Brettern abgestützt werden.  Deshalb mussten neben den Erdarbeiten  ständig Bretter und Vierkanthölzer zurecht gesägt werden. Von diesen Kanthölzern ist mir einmal ein etwa 1m langes Stück auf den Kopf gefallen und hat mir eine klaffende Platzwunde quer über den Schädel geschlagen. Sofort brachte man mich ins nahe  Krankenhaus, rasierte die Haare soweit wie erforderlich weg und klammerte die Wunde zu. Durch den herab fallenden Balken war mein Kopf so betäubt worden, dass ich alles schmerzlos überstand. Auf einem offenen LKW brachte man mich ins Lager. Schon nach zwei Tagen konnte ich wieder mitarbeiten.

Bei unseren Schachtarbeiten stießen wir immer wieder auf Skelette junger Menschen. Das erkannten wir an ihren guten Zähnen. Der estnische Polier bestätigte uns, dass es sich bei den Skeletten um Soldaten gehandelt habe. Diese Schädel haben wir möglichst unversehrt aufgehoben, aber nicht aus Pietät. Zunächst haben wir die verschiedenen Köpfe scherzhaft nach der Nazi-Rassenideologie typisiert, wie wir es in der Schule gelernt hatten.

Jegliche Ehrfurcht vor Toten ging vollends verloren, als wir  die  Totenköpfen uns gegenseitig wie ein  Ball zuwarfen und damit spielten. Schließlich stellten wir diese Schädel wie Trophäen auf die Krone des Erdaushubs, gleich einer Galerie. Was wir uns dabei gedacht haben, kann ich nicht mehr nachvollziehen.

Wie wir und unser sittliches Verhalten verroht waren, wurde uns erst  bewusst, als eine  hochschwangere Frau  auf ihrem Weg zum Krankenhaus bei dem schrecklichen  Anblick der aufgestellten Totenköpfe  entsetzlich laut schrie, was uns durch Mark und Bein ging. Da hörten wir auf, mit den Schädeln pietätlos zu spielen.

Wie schon oben angedeutet, mussten wir Berge von Sand hoch schaufeln, in mehreren Etappen, bis wir die Tiefe erreicht hatten, in der die Rohre verlegt werden sollten. Der letzte halbe Meter Tiefe erschwerte  unsere Arbeit ungemein. Im untersten Graben-Bereich stießen wir auf Grundwasser und damit auf  Fließsand, der unseren Graben ständig zuspülte. Genau so wie an der See, wenn Kinder direkt in Wassernähe  Burgen bauen oder  tiefe Löcher  buddeln, die dann vom kommenden Wasser weg bzw. zu gespült werden.

Bei dieser Kanalverlegung musste schnell und präzise gearbeitet werden. Jedes neu zu verlegende Rohr  drohte mit Fließsand vollzulaufen. Dennoch musste jedes Rohr mit  richtigem Gefälle verlegt werden.  Wir hatten hierbei eine Routine entwickelt, die unser Team - so würde man heute sagen - unentbehrlich machte, wie sich später zeigen sollte.

Eines Tages wurden wir zu  anderer Arbeit abkommandiert.  Was uns zunächst enttäuschte, weil wir von unserer Arbeit überzeugt waren. Eigentlich waren wir sogar stolz darauf, als ungelernte Tiefbauer, eine so  schwierige Aufgabe anstandslos gemeistert zu haben. Auch verging bei dieser Arbeit ungemein schnell die Zeit, während wir ansonsten meistens  am Nachmittag ständig und ungeduldig auf den  Feierabend warteten. So was frustriert, macht müde und mutlos.
Es dauerte nicht lange, da konnten wir Kanalarbeiter uns echt freuen und stolz sein, was ja in Gefangenschaft nur selten passierte: Wir wurden zurück zur Kanalbaustelle beordert. Ein Nachfolge-Arbeitskommando  hatte es nicht geschafft, die Rohre einwandfrei zu verlegen. Damit fühlten wir uns mit unserer Arbeit bestätigt, was unserer Seele und Stimmung gut tat.

Mein 21. Geburtstag (13.Okt. 1947 - 2 Jahre in Ereda)

Dass ich am 13.Oktober 1947 volljährig wurde - daran habe ich nicht gedacht. Was hätte mir das auch genützt? Dass ich mich dennoch so gut an diesen Geburtstag erinnere, hat mit einen anderen Grund zu tun: mit einem erneuter Lagerwechsel. Tage- und Nächtelang saßen oder lagen wir auf unserem "Reisegepäck", auf den wenigen Sachen, die uns nach einer gründlichen Filzung geblieben waren. Bei jedem Lagerwechsel wurden wir gründlich nach allen möglichen  Sachen untersucht. Dabei mussten wir uns in Einzelreihen aufstellen und unsere verbliebenen Habseligkeiten vor uns ausbreiten. Eigentlich waren wir als Gefangene armselige Habenichtse. Dennoch mussten wir uns immer wieder von Zeit zu Zeit solche Filzungen gefallen lassen. Dabei wurden uns sämtliche schriftliche Aufzeichnungen wie Briefe oder sonstige Post  aus der Heimat abgenommen. Das schmerzte mich besonders. Die briefliche Verbindung zu den Lieben daheim hielt mich seelisch aufrecht.

Alle alten Briefe von zu Hause las ich  immer wieder gerne. Das nährte meine  Hoffnung und den steten Optimismus auf baldige Heimkehr.

Die Sorge um unsere wenigen Habseligkeiten  war eigentlich geringer als die Frage: Wohin geht diesmal die Reise? Weiter Richtung Osten? Gar  Sibirien? Diese ständige Ungewissheit quälte uns genau so stark, wie der ständige Hunger. Unsere Posten und andere russische Freunde versprachen uns permanent :"Skora domoi"! Bald nach Hause! Das ließ dann doch noch 2 Jahre auf sich warten.

Dieses Mal konnten wir etwas mehr Hoffnung haben. Uns war  zu Ohren gekommen, dass eine Außenministerkonferenz  der Siegermächte beschlossen hatte, dass alle Kriegsgefangenen spätestens bis Ende 1948 zu entlassen seien. Nur noch ein Jahr in Gefangenschaft aushalten! Das ließ uns erneut  auf baldige Heimkehr hoffen.        

Wie immer, so wussten wir auch diesmal nicht, wohin die Reise ging. Entgegen unseren Erwartungen fuhren wir wieder gen Osten, aber nur etwa 150 km ins  Erdölschiefergebiet von Kohtla Järve. Unweit von der Ölschieferhauptstadt Kohtla befand sich das neue und letzte Gefangenschafts-Lager, in dem kleinen Ort  Erida.
                    

Heinrich, der Optimist

Die Enttäuschung  unter uns Gefangenen war groß. Wie überhaupt die letzten 2 Jahre psychologisch für uns fast die härtesten waren. Jahrelang wurden wir von den Wachposten mit dem stereotypen Spruch  "Skora Domoi" vertröstet. Die Pessimisten bestimmten weitgehend die Lagerstimmung: Wir kommen nie nach Hause! Eher verfrachten die uns doch noch nach Sibirien.
Je länger wir auf die Heimkehr warten mussten, desto lauter und heftiger wurde über die Russen geschimpft, die an allem Übel der Gefangenschaft schuld waren. Keiner dachte daran, dass wir unser Gefangenenschicksal eigentlich unserem "Führer "Adolf Hitler " zu verdankten hatten. Er wollte Russland als Kolonie erobern. Das russische Volk sollte, nachdem ihre Intelligenzia liquidiert war,  als Knechte für Deutschland arbeiten. Und dass wir Deutschen den Krieg gegen Russland angefangen hatten, davon wollte niemand etwas wissen.

Kaum einer  vermochte  einzusehen oder zuzugeben, dass wir Deutschen   kritiklos und  blind  einer skrupellosen  und verbrecherischen Nazi-Demagogie nachgelaufen waren, die uns bis Kriegsende nach Strich und Faden belogen hatte. Ich schloss mich der Antifa an, der im Lager organisierten Antifaschisten. Damit stand ich  als  Außenseiter mal wieder ziemlich alleine da. Die Antifaschisten waren als vaterlandslose Gesellen verschrien. Mit diesem Vorwurf unter all den vielen deutschen Patrioten, für die sie  sich nach wie vor hielten, zu leben, war  für mich  als noch Jugendlicher nicht einfach.         

Wie Spießruten laufen kam es mir oft vor;  Spott und Verachtung  war ich ausgesetzt, obwohl ich mich in meiner  politischen Einstellung gegenüber den Nazis nicht verbiegen musste. Aber zu behaupten, ich war schon immer gegen Hitler, glaubte sowieso niemand und galt als billige Anbiederung. 

Umgekehrt habe ich als Jüngster und Kleinster oft auch Aufmunterung und Anerkennung erfahren, so zu meinem 23. Geburtstag am 13. Oktober 1948 von 2 älteren Kameraden, Karl Schwager und Bert Henke:            
Ein lustiges Gedicht alias Eugen Roth, mit folgendem Wortlaut: "Ein Mensch - - - - Das Gedicht konnte ich nach Hause schicken, so ist es erhalten geblieben.

Bert fand ich lange Zeit nach der Gefangenschaft 1990 durch einen glücklichen Zufall wieder. Bei einem Gefangenentreffen lagen  Bücher aus "Die Läuse von Tyrannen" von einem Bert Marian, handschriftlich signiert. Sofort erkannte ich, dass es der gleiche Schriftzug war, den ich unter meinem Gedicht wusste. Er war nicht unter den Besuchern, aber ich erfuhr, dass er katholischer Priester ist - auch schon damals als Soldat und Gefangener war, was ich nicht wußte.

Natürlich erwarb ich das Buch und setzte mich nach der sehr spannenden Lektüre schriftlich mit seinem Verlag: Augustiner Kloster Würzburg in Verbindung. Nach einigen Tagen kam ein sehr frischer Rückruf in Bonn an und von da hatten wir - meine Frau mit eingeschlossen - eine herzliche ereignisreiche Freundschaft bis zu seinem Tod in 1996. Noch heute sind wir mit seiner Freundin, Ilona Poom und ihrer Familie in Tallinn verbunden.

Heinrich als Bauarbeiter

Die Gefangenen in Erida mussten entweder im Ölschieferbergwerk unter Tage arbeiten oder ein neues Dorf mit allem Drum und Dran aufbauen. Im Sommer haben wir lieber Häuser und Straßen gebaut und scheuten uns vor dem dunklen und kühlen Schacht. In der kalten Jahreszeit war es umgekehrt: lieber unter Tage als bei Frost und Schnee auf dem Bau arbeiten und frieren.

Das Besondere  und Ungewöhnliche  auf der Baustelle war im Winter, dass der gefrorene Sand vor der Mischung mit Zement auf einem großen Blech - darunter brannte ein Holzfeuer - aufgetaut werden musste. Der Mörtel musste mit Hand gemischt werden. Alles musste schnell vonstatten gehen, sonst fror der Mörtel auf der Kelle. Ich habe mich hierbei als Handlanger bewährt. Jedenfalls waren die Maurer mit mir zufrieden. Sich ständig und hurtig bewegen, war der beste Schutz gegen die grimmige Kälte und Erfrierungen. Die Winter in Estland waren bzw. sind kalt und schneereich wie allgemein in Skandinavien. Scharfer Wind verschlimmerten oft die gefühlte Kälte. Wegen der nördlichen Lage Estlands  waren bzw. sind  die Tage kurz,  die Sonne kam /kommt  kaum über den Horizont. Diese für uns ungewöhnliche  Kälte, ( -20°) dazu die kurzen Tage aber lange Dunkelheit, trübten die allgemeine Stimmung der Gefangenen.
                    
Die Wachposten versuchten uns immer wieder mit dem "skora domoi"  zu trösten. In der Tat wurden auch hin und wieder einige Gefangene entlassen. Wer dabei war, freute sich riesig. Die Zurück-Bleibenden waren wieder mal enttäuscht und hofften, das nächste Mal  zu den glücklichen Heimkehrern zu zählen.

Heinrich als Bergmann

Interessanter und abwechslungsreicher war unter Tage im Ölschiefer - Bergwerk zu arbeiten, was aber nicht ganz ungefährlich war. Das fing schon damit an, wie wir bei
Schichtbeginn zu den  40-50 m tief liegenden Stollen gelangen wollten. Am schnellsten und mühelosesten, aber auch am gefährlichsten war es, sich auf den Rand des Materialkübels zu stellen, der mit einer Seilwinde senkrecht runter und rauf  gelassen bzw. gezogen wurde.

Der ängstliche Kumpel zog den ungefährlicheren aber etwas beschwerlicheren und längeren Weg  durch den Schrägschacht vor.  Auf dem  schräg nach unten verlaufenden Bretterweg waren Querlatten drauf genagelt, sodass man einigermaßen sicher runter und rauf gehen konnte. Das war aber mit Holzschuhen beschwerlicher als mit dem Materialkübel nach unten oder oben zu gelangen. Ich habe beides gemacht, je nach Lust und Laune.

Der Ölschiefer wurde in mehreren Arbeitsvorgängen  gefördert. Die erste Schicht bohrte tiefe Löcher in die etwa 2 m mächtige Ölschieferwand, füllte die Bohrlöcher  mit Dynamitpatronen, um schließlich eine etwa 1m dicke Mauer weg zu sprengen. Die nächste Schicht schaufelte  das so gelockerte Ölschiefermaterial auf  Förderbänder, die den Schiefer nach oben in Bunker transportierten. Die waagerecht gelagerten Ölschieferschichten waren von  Steinen durchwachsen, die unten blieben. Damit wurden die Stollen oder sonstige Hohlräume abgestützt. Oft reichte dieser Abraum aber nicht, um alle Hohlräume damit zuverlässig  vor Einsturz zu  sichern.

Sobald vor Ort das abgesprengte Ölschiefermaterial ab oder weggeräumt war,  mussten die Förderbänder wieder näher an die Ölschiefer-Wand gerückt werden. Dazu mussten die Bänder  auseinander montiert und am neuen Standort wieder zusammen gebaut werden. Das machte eine aus nur vier Mann bestehende  Kolonne, das sog. Rücke-Kommando, zu dem  ich auch eine Zeit lang gehörte.

Wir waren eine  gut eingespielte Truppe, die Hand in Hand zusammen arbeitete. Meistens  ging das Bänderrücken so schnell, dass wir vor offiziellem Feierabend schon fertig waren und danach  uns noch in Ruhe unterhalten oder eine gemütlich anstecken  konnten. Auch mir als Nichtraucher haben solche Auszeiten gut getan.

An zwei dieser "Vierer-Bande" kann ich mich heute noch gut erinnern. Einer kam aus unserer Nachbarschaft, aus Bockeroth, Willi Gratzfeld. Er war Landwirt und sprach noch reiner rheinisch als ich. Solche Heimattöne hörten sich in der Fremde wohltuend an. Er sagte oft als Optimist:"Uns scheint auch die Sonne mal wieder!" Nach der fast gleichzeitigen Heimkehr - er kam 1 Woche später nach Hause - habe ich mit ihm und seiner Familie weiterhin gute Freund- und Nachbarschaft unterhalten.  Der Dritte von uns, nach Willi und mir, kam aus Ostpreußen, war auch ein zuverlässiger     und zudem  mutiger Kamerad. Er sprach etwas polnisch und russisch, was uns später in einer kritischen Situation mit russischen Zivilisten zu Gute kam, nämlich beim  Streit um die Bergwerkslampe

Auch wir Gefangenen bekamen bei jedem Schichtbeginn eine Batterie gespeiste Bergwerkslampe, die wir nach Feierabend  wieder zurück geben mussten. Für den  Verlust einer solchen Lampe musste  jeder persönlich gerade stehen. Das konnten dann einige Rubel kosten, die wir monatlich für unsere Arbeit ausbezahlt bekamen. Davon für eine verlorene Lampe bezahlen müssen, das tat weh und  musste tunlichst vermieden werden. Deshalb war jeder um seine Lampe sehr besorgt. Dennoch passierte es immer wieder, dass eine solche Lampe im dunklen Schacht verloren ging.  Auch bei Arbeiten über Tage konnte so etwas passieren.

Zur  Arbeit der sog."Vierer-Bande" gehörte auch, für das notwendige Stempelholz zum Abstützen der Hohlräume zu sorgen. Zu diesem Zweck gingen wir Vier mit einer Lore nach oben, um Rund- oder Stempelholz zu holen. Während wir die Lore mit Holz beluden, hatten wir unsere 4 Lampen neben der Arbeitsstelle zusammen gestellt. Als wir nach getaner Arbeit mit Holz beladener Lore wieder nach unten gehen wollten, fehlte eine Lampe. Dass wir uns gegenseitig bestohlen haben sollten, das kam  uns nicht in den Sinn.  Wer also hatte sich an einer unserer Lampen vergriffen?

In unmittelbarer Nachbarschaft zu uns beschäftigten sich auch zwei russische Zivilisten. Nur sie   konnten wir verdächtigen, uns eine Lampe weg genommen zu haben. Schnurstracks gingen wir Vier auf die beiden Russen zu und sagten ihnen frank und frei ins Gesicht, dass sie eine unserer Lampen geklaut hätten. Ohne zu Zögern entrissen wir ihnen eine Lampe. Auf eine Rauferei wollten es die beiden Russen  mit uns Vieren nicht ankommen lassen. Statt dessen schlugen sie vor,  mit uns zum  Bergwerksdirektor zu gehen, der den Streit  schlichten sollte.

Wir gingen alle Mann zum Büro des Direktors, der uns sofort empfing. Jeder der beiden Streithähne  erzählte seine  Geschichte. Wir konnten uns allerdings nicht so gut verständlich machen wie die beiden Russen. Nur einer von uns konnte etwas Polnisch und Russisch. Nachdem jede Seite ihre Version des Streits erzählt hatte, entschied der Natschalnik kurz und bündig: Wer die strittige Lampe besitzt, der behält sie. Und das waren wir, die deutschen Kriegsgefangenen.                                          
Als wir alle gemeinsam zurück zur Arbeitsstelle gingen, befürchteten wir, dass sich die Russen an uns rächen, zumindest uns beschimpfen  würden. Doch das Gegenteil geschah: Beide Russen  luden uns dazu ein, gemeinsam mit ihnen eine  Zigarette zu rauchen, "sa kurit, Kamerad" heißt das auf Russisch. Damit gaben die Russen beiläufig zu, unsere fehlende Lampe an sich genommen zu haben.

Auch dieses Erlebnis war für mich wieder ein Beispiel dafür, dass der russische Mensch alles andere als ein Ungeheuer oder barbarischer  Untermensch ist, wie die Nazipropaganda uns glauben machen wollte. Im Gegenteil habe ich oft erleben können, dass sich russische Posten humaner verhielten als wir je zu glauben wagten.