Die erste Nacht in Gefangenschaft                       


Mittlerweile hatten sich 10 Gefangene  (woina pleni) zusammen gefunden, die von zwei  Wachsoldaten im Gänsemarsch nach hinten  gebracht wurden. Ein  Posten mit Gewehr im Anschlag vorne, ein ebenso bewaffneter Rotarmist hinten. Wir folgten dem voran gehenden Soldaten so dicht auf den Fersen, dass er immer wieder uns ermahnte:"Pomalo, pomalo", langsamer, nicht so nahe kommen.
Den ganzen langen Tag sind wir bis es dunkel wurde marschiert. Es schneite leicht, was die Landschaft jahreszeitlich schmückte. Gegen Abend sperrten uns die Wachposten in einen verlassenen  Bunker, den sie abschlossen. Ob sie uns eine gute  Nacht gewünscht haben? Ich weiß es nicht. Als Erstes feuerten wir den vorhandenen Kanonenofen an, um nicht zu frieren.

Schlimmer als die empfundene Kälte war unsere Angst vor der ersten Nacht in Gefangenschaft: „Was werden die Russen  mit uns machen oder anstellen?“   "Werden sie uns massakrieren?" Diese oder ähnliche sorgenvollen Gedanken gingen uns durch den Kopf.  Nach der NS-Propaganda mussten wir Schlimmstes befürchteten. Danach waren Russen „Untermenschen“,  "Barbaren", brutale, minderwertige und kulturlose Unmenschen, die keine Kriegsgefangenen machen, jedenfalls sie misshandeln. Die gleichen Ängste, wie kurz vor der Gefangennahme, gingen uns allen  durch den Kopf. 

Jetzt in Gefangenschaft waren wir den Rotarmisten hilflos ausgeliefert. Wohl oder übel! Hätten sie uns der Reihe nach umgelegt, kein Hahn hätte danach  gekräht. So ist das im Krieg: Da kann jeder Mensch seine Mordlust nach Lust und Laune austoben. Daher hat der provokante Spruch:"Soldaten sind alle  Mörder" eine gewisse Berechtigung. Dabei macht es keinen Unterschied zwischen deutschen oder russischen Soldaten.

Die Rotarmisten hatten uns 10 - wie erwähnt – in einen verlassenen Erdbunker eingesperrt. Nach deutscher Soldatenart wurde als erstes ein Wachplan für die Nacht ausgedacht. Wir dürfen nicht alle gleichzeitig schlafen, uns widerstandslos massakrieren lassen. Solche fürchterlichen Gedanken gingen uns durch den Kopf. Die Russen sollten uns  nicht im Schlaf abschlachten. In Notwehr wollten wir heldenhaft bis zum Äußersten um unser Leben kämpfen.

Trotz dieser Todesangst übermannte uns bald die Müdigkeit. Wir schliefen wie auf Kommando alle ein. Keiner von uns Gefangenen konnte erfolgreich gegen die Müdigkeit ankämpfen.  Einige Nächte vorher  hatten wir schon  kaum ein Auge zumachen können. Schlaf kann man auf Dauer genau so wenig entbehren, wie Trinken und Essen. Wir schliefen alle fest ein bis zum hellen Morgen.                           
Die Rotarmisten mussten uns wecken. Sie brachten einen kleinen Topf mit Kascha – eine typisch-russische  Mehlspeise-   mit und einige Scheiben Trockenbrot, vergleichbar mit Zwieback aus Roggenmehl. Für die ausgehungerten 10 Mäuler war das allerdings nur ein Tropfen auf den sprichwörtlichen heißen Stein. Dennoch zeigte diese Geste Verständnis, ja Mitgefühl der Rotarmisten für bzw. mit uns  Gefangenen.

Ob wir das in der prekären Situation so gesehen und empfunden haben? Ich weiß es nicht. Schon gut für uns nicht zu wissen, wie unmenschlich, ja barbarisch  die deutschen   Truppen in Russland gewütet hatten/haben, gegen Zivilisten wie gegen Gefangene gleichermaßen. Hätten wir das damals gewusst, was wir hierüber heute wissen, hätten wir noch größere Angst gehabt.

Tagesmärsche durch polnische Dörfer nach Pulawy

In den folgenden Tagen sind wir immer weiter östlich marschiert, über die zugefrorene Weichsel bis nach Pulawy, eine polnische Kleinstadt südlich von Warschau am Ostufer des Flusses. Wenn wir durch polnische Ortschaften kamen, standen oft Zivilisten am Straßenrand „Spalier“. Sie gafften uns an und wollten wohl sagen: „Das ist eure gerechte Strafe!“ Nicht selten passierte es auch, dass Polen jemanden aus unserer Kolonne heraus rissen, ihn verprügelten, um sich an ihm – stellvertretend für uns alle -  zu  rächen. Gegen solche Übergriffe schritten  aber die Rotarmisten sofort und unnachgiebig ein. Hier waren sie im wahrsten Sinne des Wortes, unsere Beschützer gegen die polnischen  Zivilisten, die Rache und Vergeltung gegen uns Deutsche üben wollten.

Auf diesen Tagesmärschen wurden wir abends je nach Möglichkeit und Belieben irgendwo eingesperrt. Einmal in einem Schweinestall, in dem es warm war, das hatte etwas für sich. Nicht frieren zu müssen, ist schon ein Gewinn  für armselige und hungrige Kriegsgefangene. Dann mussten wir  in einer kalten Scheune voll Heu  übernachten. Hier mussten wir uns ausziehen, angeblich zwecks Entlausung. Das war aber nur ein fauler Vorwand. In Wahrheit suchten sich die Rotarmisten oder die polnischen Zivilisten die besten Kleidungsstücke heraus. Besonders scharf waren sie auf deutsche Lederstiefel und -Schuhe, wie ich am eigenen Leib erfahren musste.

Auf einem Tagesmarsch - wir waren etwa 50 Gefangene - machten wir eine Marsch-pause auf einer Scheunen-Tenne. Die Wachposten hatten einige Eimer Wasser für uns organisiert. Welch ein Labsal für uns! Durst ist schlechter zu ertragen als Hunger.  Auch ich drängelte mich nach vorne zu den Wassereimern, die der polnische Bauer  herbei geschafft hatte.Diesem Polen stachen meine noch neu aussehenden Lederschuhe in die Augen, was mir aber erst später bewusst wurde. Unauffällig verständigte er einen Wachtposten, der mich aus der Kolonne herausfischte und mich mit dem polnischen Bauer etwas abseits in einen Schuppen brachte. Dort wurde mir zu verstehen gegeben,  meine Schuhe für den Polen auszuziehen.  Ich tat zunächst wie befohlen, zog meine Schuhe aber wieder an. Die angebotenen Ersatzschuhe waren mir angeblich zu klein. Das ließ der Pole  nicht gelten, holte den russischen Wachtposten, der mir mit seiner Kalaschnikow energisch zu verstehen gab: Schuhe  hergeben oder...                   
Dabei richtete er seine Kalaschnikow auf mich, ich musste erneut kapitulieren und  meine guten Schuhe gegen ausgelatschte und leichte Lederschuhe hingeben. Das tat mir doppelt weh: Zum einen konnte ich in meinen Soldatenschuhen gut gehen, zum anderen dachte ich heimlich noch immer  an Flucht, was ja wenigsten gutes Schuhwerk voraussetzt.  Letztlich war ich noch besser bedient als gar nichts an den Füßen zu haben, was auch vorgekommen ist.                    
                                                          
                                                                             

Im ersten größeren Lager in Pulawy

hatten sich mehrere hunderte von Gefangenen zusammen gefunden. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. In Holzbaracken waren wir auf zweigeschossigen Holzpritschen untergebracht. Dass wir ohne Stroh oder sonstiger Unterlage auf den harten Holzpritschen liegen mussten, war nicht das Schlimmste. Die Wege oder Straßen im Lager waren so aufgeweicht, dass man Knöchel tief  durch  Matsch und Morast gehen musste. Als Latrine oder Abortgrube diente ein 1 - 2 m tiefer Graben, über den mehrere Bretter lagen. So konnten wir in der Hocke unsere Notdurft verrichten.
Beim Kommiss hatten wir wenigstens einen sog. Donnerbalken, auf dem man sitzen konnte. Die einzige Waschgelegenheit bestand aus einem Trog mit Chlorwasser, das nach wenigen Tagen einer dunkelgrauen Brühe glich. Es reichte allenfalls fürs Hände - nass - machen, mehr nicht.

An einem Morgen fühlte ich mich krank, meldete mich beim Sanitätsarzt und klagte ihm mein Unwohlsein. Da ich - wie gewöhnlich - kein Fieber hatte, fragte er mich, wo es mir denn fehle. Etwas kindlich und unbedarft antwortete ich: Ich habe  Schwindel im Kopf. Darauf der Arzt: "Das glaube ich Dir"! Wie auf Befehl fiel ich bewusstlos um, ohne zu schauspielern.  Daraufhin kam ich ins Lazarett, eigentlich vom Regen in die Traufe. Denn hier hörte ich nur Jammern und Stöhnen der kranken Kameraden. Das demoralisierte oder entmutigte mich so sehr, dass ich sobald wie möglich das Lazarett wieder  verlassen wollte. Während meiner ganzen Gefangenschaft habe ich nie wieder  Verlangen nach einem Lazarett verspürt.
 
Das allgemeine Lagerleben war langweilig. Nur einmal wurde  ich für ein Arbeitskommando eingeteilt. Wir mussten Heuballen aufstapeln, die wahllos aus einem Eisenbahnwaggon rausgeworfen worden waren. Ohne irgendwelche sinnvolle Betätigung oder Beschäftigung war das Leben eintönig und langweilig. Dann quälten uns Hunger und Durst besonders. Wenn ein Arbeitskommando zum Wasserholen in Fässern angefordert wurde, rannten die Gefangenen um die Wette durch Matsch und Morast. Die Großen und Starken voran, um dabei zu sein.

Im Lager Pulawy erlebte ich erstmalig, wie hungrige Kameraden zu Egoisten werden,  jede Hemmung verlieren,  hungrige Mitkameraden zu bestehlen. Ich hatte anfangs der Gefangenschaft  die Gewohnheit beibehalten, eine kleine Portion Brot als eiserne Ration zurück zu legen, an meinem Pritschenplatz versteckt. Als ich abends vom Arbeitskommando zurück kam, war mein Versteck leer. Zunächst vermutete ich, dass russische Wachposten beim üblichen Filzen mein Brot mitgenommen hätten. Wenn aber  keine Lagerkontrolle durchgeführt worden war, blieb der Verdacht allein bei irgendeinem Kameraden hängen, der nicht auf Arbeitskommando war.

Das war meine erste  böse Erfahrung mit hungrigen Kameraden, die dem schmerzlichen Verlangen nach Nahrung nicht widerstehen konnten. Hunger tut weh. Für hungrige Menschen ist/ war Thema eins  das Essen oder Fressen.  Immer wieder erinnerten sich die Gefangenen gegenseitig an ihre jeweiligen Lieblingsgerichte, an  Kuchen oder andere Leckereien von Zuhause. Nun schmeckte trockenes Brot besser als Kuchen. Hätten wir davon  genug bekommen, wie froh und glücklich wären wir  gewesen.

Zumindest gab es jeden Tag etwas zu essen, eine halbvolle Konservendose dünner Suppe  mit etwas Roggenbrot. Davon wurde man nicht annähend satt. Die zweigeschossigen Holzpritschen boten ohne jegliche Unterlage ein hartes Lager, woran wir uns bald gewöhnt hatten. Über Schlafprobleme hat nie jemand geklagt. 
Auf den wenigen Arbeitskommandos gab es nichts zu "organisieren". Hunger und Durst, harte Holzpritschen in beengten Baracken, langweiliger und eintöniger Tagesablauf, knöcheltiefer Matsch und Morast außerhalb der Baracken sowie katastrophale hygienische Verhältnisse - kurzum: Schlimmere oder entsetzlichere Lebensverhältnisse konnte ich mir  bis dahin nicht vorstellen.

17 Tage auf Bahnfahrt mit ungewissem Ziel

Da hatte ich mich gewaltig verrechnet. Schon der Marsch im Dunkeln durch Matsch und Morast vom Lager zum Eisenbahnzug war so einmalig, dass ich diesen Weg  nicht vergessen kann. Etwa 1700 Gefangene  verließen am Abend das Lager in Richtung Bahnhof Pulawy. Ein sternenklarer Himmel wölbte sich über uns,  ein  halbvoller Mond schien  friedlich und unbekümmert auf uns herab. Der Mond hat mich stets treu und brav  begleitet, gerade in schweren Zeiten. Er war  für mich immer eine Gedankenbrücke nach Hause und Tröster zugleich.

Bei jedem Lagerwechsel quälte uns die Frage: Wohin mag die Reise gehen? Nach Sibirien?  Das Schreckgespenst jedes Gefangenen. Das bedeutete soviel wie: Wir kommen nie  wieder nach Hause! So dachten oder sprachen  sowieso  die meisten Gefangenen. Dem gegenüber hat mir während der 5-jährigen Gefangenschaft ein gewisser  Optimismus geholfen, manche Gefangenschafts-Widrigkeit leichter zu ertragen und zu überleben als die Pessimisten. Im Nachhinein muss ich mich doch wundern über meine hoffnungsvolle Zuversicht. Heute, im Alter  könnte ich diese schlimmen, unmenschlichen  Lebensverhältnisse nicht mehr aushalten oder ertragen.

105 - einhundertfünf - Gefangene in einem Eisenbahn - Güterwagen

Die gedeckten Güterwagen, in die wir wie Vieh eingepfercht und verfrachtet wurden, waren  etwa 8 m lang und 2,5m breit, knapp ebenso hoch. Die Höhe reichte gerade dafür, dass auf halber Höhe Holzpritschen eingebaut waren. Die Drängler eroberten sofort die "Hochbetten", für die anderen, wie mich, blieb nur der Fußboden. Egal, ob oben oder unten, alle lagen wie eingelegte Heringe  dicht an dicht zusammen.

105 - hundert fünf- Mann in einem Wagen. Das hatte den Vorteil, dass  man auch ohne Heizung  nicht frieren brauchte. Daran haben wir allerdings anfangs nicht gedacht. Denn als erstes  versuchten wir den dreibeinigen Kanonenofen, der in der Mitte des Waggons stand, in Betrieb zu nehmen. Neben dem Ofen lagen meterlange Rundhölzer, aber weder Säge noch Beil zum Kleinmachen. Doch deutsche Kriegsgefangene sind erfinderisch und geben nicht so schnell auf.

Unter  so viele Menschen finden sich auch handwerklich erfahrene  und erfindungsreiche Leute. Von den 3 Ofenbeinen, die aus Vierkanteisen bestanden,  wurde eins amputiert und als Spaltwerkzeug eingesetzt. Einer hielt das Meter lange  Rundholz senkrecht fest, ein zweiter  legte das Vierkanteisen oben drauf und der Dritte schlug mit einem Rundholz wie mit einem Vorschlaghammer zu. So machten wir uns  Kleinholz,  aber keiner hatte Streichhölzer oder ein intaktes Feuerzeug zum Anzünden. Jemand versuchte mit seinem ausgetrockneten Feuerzeug wenigsten Funken zu schlagen. Solange, bis wir Watte aus unseren russischen Hosen und Jacken  zum Glimmen und letztlich zum Entflammen brachten. Da ging ein erleichtertes Raunen  durch den Raum. Wir brauchten nicht zu frieren, trotz kaltem Winterwetter. Doch bald merkten wir, dass so viele Menschen auf engstem Raum sich selbst einheizen und ohne Heizung auskommen.

Ich platzierte mich vom Einstieg aus rechts ziemlich hinten. Als Unterlage diente ausschließlich die Plenni - oder Gefangenenjacke, wenn sie nicht  als Zudecke benutzt wurde. So oder so sollten und durften  die armseligen Anziehsachen nicht nass werden. Denn nasse Kleider am Körper  halten nicht warm und vermittelt auch kein Wohlgefühl. Im Gegenteil, oft sind sie der Keim für Erkrankungen.

Woher kommt meine Läppchen-Liebe?

Auch hungrige, durstige und entkräftete Menschen atmen, stoßen feuchte Luft aus, transpirieren Dunst und Düfte. Diese Ausdünstungen der vielen Männer schlugen sich als Feuchtigkeit an der Decke und  den Wänden nieder. Solange es nachts fror, schmückte morgens schneeweißer Reif unsere beengte Behausung. Wenn tagsüber die Sonne schien und die vielen Menschen sich auch nur rührten, wurde es im Wagen so warm, dass der  gefrorene Reif taute. Dann tropfte das Wasser wie in einer Tropfsteinhöhle runter. Unten bildeten sich richtige Wasserlachen auf dem Fußboden.    

Was konnte ich tun, um nicht im Wasser liegen zu müssen?
Wir waren gezwungen, Tag und Nacht auf dem Waggon-Holzfußboden bzw. Holzpritschen  zu liegen. Sich räkeln,  recken und strecken, dafür lagen wir zu dicht nebeneinander. Das hätte auch bald zu gegenseitigen Handgreiflichkeiten geführt.  Aufstehen, sich auf die Füße stellen und sich aufrichten oder gehen, zu Fuß paar Schritte tun, solche alltäglichen und selbstverständlichen Körperbewegungen, waren kaum möglich. Dafür blieb einzig und allein die beengte Mitte des Waggons, zwischen den beidseitigen  Waggonschiebetüren und den beiden „Wohnraumhälften“ auf der rechten und linken Seite. Vielleicht 4 - 5 qm, nicht viel für 105 Männer!

Ich als  "Fußbodenlieger“ hatte die zusätzliche Erschwernis, mich vor dem "Ertrinken" zu retten. Denn Tag und Nacht im Feuchten zu liegen oder zu sitzen, das  hält die stärkste Natur nicht aus. Zum Glück halfen mir einige  Umstände und  der  sprichwörtliche  Erfindergeist in der Not.Zunächst half mir ein Rotarmisten- Fußlappen, so groß wie ein Handtuch. Diesen Fußlappen benutzte ich als Aufnehmer zum Trocknen des Fußbodens.  Den nassen Lappen habe ich  in meinen Essnapf (Konservendose) ausgewrungen. Dieses so "gewonnene " Schrubbwasser  konnte ich durch ein Astloch im Fußboden entsorgen. Auf diese Art und Weise habe ich  während der ganzen Bahnfahrt meinen Liegeplatz einigermaßen trocken halten können. Wie hätte ich die 17tägige Bahnfahrt ohne den russischen Fußlappen überstanden? Viele Kameraden sind auf der Fahrt oder kurz danach verstorben. Der Fußlappen als Lebensretter?! Jedenfalls erklärt dieses unvergessliches  Erlebnis meine Affinität   zum sog. "Läppchen", sei´s ein Tempo oder was Ähnliches, mit dem man Flüssigkeit oder dergleichen aufwischen kann.

Wohin mit der Notdurft?

Viel schlimmer waren die hygienischen und sanitären Verhältnisse. Als Klo diente ein Tonrohr, wie es früher für die Kanalentwässerung benutzt wurde. Dieses Tonrohr war auf der dem  Einstieg gegenüber liegenden Seite, direkt neben der Schiebetür schräg nach außen eingebaut. 
   
Aber wie kann hier ein Mensch seine Notdurft verrichten? Das zielgenaue  Pinkeln in das Abflussrohr war nicht das Problem. - aber wie sollten wir  das große Geschäft machen? Hochdeutsch: Koten. Soldatensprache: Scheißen. Wie im richtigen oder normalen Leben kommt es oft anders als man denkt. So auch hier. Unsere Frage und  Sorge "wohin mit der Notdurft" ? hatte sich bald von selbst erledigt, auf ganz einfache Art und Weise. Während der gesamten  17-tägigen Eisenbahnfahrt – vom 1.03. bis 17.03.1945 – hat es ununterbrochen gefroren. Bald war das Entsorgungsrohr total  zugefroren. Sämtliche Exkremente von 105 Mann häuften sich unter und vor dem Abflussrohr. So entstand ein zentraler Fäkalien Haufen, auf den jeder sein "Geschäft" bequem machen konnte. Es entstand jedoch nur ein kleiner Haufen, nach dem physikalischen Prinzip: Wenn  oben nichts rein kommt, kann auch unten nichts raus kommen.

Insofern war es sogar vorteilhaft, dass die ohnehin spärliche Verpflegung  mit dünner Suppe und etwas Trockenbrot während der Fahrt noch knapper ausfiel. Dies war u.a.  durch  Eisenbahnprobleme bedingt. Oft standen wir tage- und nächtelang irgendwo auf einem Bahnhof oder auf einer Bahnstrecke, ohne jegliche Verpflegung. Ausgerechnet  dann, wenn unser Verlangen nach Essen und Trinken besonders stark war, setzte sich der Zug in Bewegung. Wir hofften dann allerdings,  beim nächsten Halt etwas zu bekommen.

Permanente Gefangenenzählung

Fast jeden Tag wurde Zählappell abgehalten. Dann mussten wir alle auf eine Waggonhälfte noch enger zusammen rücken und uns einzeln zur anderen Seite  bewegen. Offensichtlich hatten  die Wachposten strikte Weisung, keinen Gefangenen oder Plenni zu verlieren. Das galt auch später in jedem Lager oder bei jedem  Arbeitskommando außerhalb des Lagers.

Bei diesen Abzählappellen  blieb wenigsten die Waggontür einige Zeit offen, sodass etwas frische Luft rein  kam. Hin und wieder konnte auch der eine oder andere  Gefangene mal den Waggon verlassen, um sich die Beine zu vertreten oder zu helfen, einen Eimer frisches Wasser  zu besorgen. Das ist mir auch  einmal gelungen. Das frische Wasser kam dann aus einem riesigen und hohen Schwenkkran, mit dem die Dampflokomotiven früher betankt wurden. Dabei war es unvermeidlich, dass Hände und Arme beim Halten des Eimers nass wurden. Dies bei Minustemperaturen zwischen 20° und 10°. Das tat dann richtig weh. Um Durst zu stillen, nimmt man manchen Schmerz in Kauf.
Dann quälte uns - wie oben schon angedeutet - immer  die Frage, wohin die Reise wohl gehen mag. Natürlich befürchteten wir das Schlimmste: Sibirien! Der Inbegriff aller Schrecken!  Fernab  der Heimat. Von da kommen wir nie wieder nach Hause. Solches oder Ähnliches befürchteten wir immer auf solchen Gefangenentranporten.