Einberufung und Vorbereitung auf den Krieg

Als ich dann im April 1944  zum Wehr- oder Kriegsdienst einberufen wurde, war der Krieg für Deutschland längst verloren, spätestens seit der historischen Schlacht um Stalingrad 1942/43, die der "Völkische Beobachter", das Kampfblatt der Nazi-Bewegung euphemistisch mit "Heroischer Widerstand in den Ruinen Stalingrads" unters deutsche Volk brachte. Seitdem  befanden sich die deutschen Truppen an allen Frontabschnitten in Russland von Leningrad im Norden  und der Krim im Süden  auf dem Rückzug. Auch das sog. Afrikakorps hatte im Mai 1943 kapituliert.

Mit dem Bewusstsein, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, ging ich schweren Herzens, ja widerwillig zu den Soldaten. Viel lieber wäre ich zu Hause geblieben und hätte den Eltern bei ihrer mühsamen Landarbeit geholfen. Vor allem aber wollte ich nicht in einen Krieg ziehen, der 1944 objektiv  längst verloren war.  Und nicht zuletzt wollte ich mein junges Leben nicht  für   " Führer, Volk und Vaterland" opfern, wie es Hitler  von jedem Deutschen verlangte. Die Nazipropaganda versprach den  Deutschen stereotyp den Endsieg, trotz aller Niederlagen an allen Fronten. Jahrelang  hat sich das deutsche Volk von  Hitler und seiner Klicke  nach Strich und Faden belügen lassen, was mir und meinen Eltern längst bewusst war.

Mit dem Sonderzug zur Rekrutierung                   

Über die Einberufungsfahrt am 26. April schrieb ich am selben Tag an meine Lieben nach Hause:

Nach einer ca. 10-stündigen Bahnfahrt haben wir Borken in Westfalen erreicht und können erst nach 3 Stunden (20.11 Uhr) weiter nach Stadtlohn fahren. - Siegburg verließen wir um 8.45 Uhr  und in Troisdorf mussten wir umsteigen in einen Sonderzug. Wir fuhren dann über Köln, Rheydt, M.-Gladbach, Neuß, Düsseldorf, teilweise durchs Ruhrgebiet u. schließlich mussten wir in Wanne-Eikel umsteigen. An Hand einer Karte könnt ihr diese „blöde“ Fahrt ersehen. Dieser Fahrplan wurde sicher von einem …. aufgestellt?!  Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem Heinrich
       
               
Bei einem Sonderzug zur Rekrutierung neuer Soldaten hatte ich  erwartet, dass dieser Zug ohne unnötige Umwege  sein Ziel planmäßig erreichen würde. Doch weit gefehlt. Deutsche Großstädte wie Berlin, Köln, Hamburg  oder auch das Ruhrgebiet als Waffenschmiede waren von englischen und amerikanischen Bombern  in Trümmerlandschaften verwandelt worden. Habe ich die dadurch bedingten Eisenbahnprobleme nicht sehen wollen, als ich von "blöder Fahrt" schrieb?

Endstation Stadtlohn

Spät abends, gegen  Mitternacht kamen wir  schließlich  in Stadtlohn an. Wir Rekruten, etwa 150 junge Männer, wurden in einer Städtischen Turnhalle mit Hochbetten einquartiert, nicht in einer Kaserne, wie  gewöhnlich. Unsere verbleibenden  Privatsachen mussten in einem kleinen "Spind" verstaut werden.     Lebensmittel konnten bei sommerlichen Temperaturen nicht länger aufgehoben werden. Denn Kühlschränke gehörten damals noch so zum Alltag wie heute.

Wenn meine Eltern mich besuchten, brachten sie immer reichlich "Zusatzverpflegung" wie Kuchen, Eier, Schinken und Butter mit. Die Kommiss-Verpflegung ließ oft zu wünschen übrig. Seit Kriegsbeginn  waren  Lebensmittel streng rationiert. Sie konnten nur auf entsprechende Lebensmittelmarken gekauft werden. Landwirte wie meine Eltern,  waren zu der Zeit insoweit privilegiert.                   

Rekruten- und Funkerausbildung mit dem Morsealphabet

Ich kam zu den Nachrichtenleuten, und zwar zu den Funkern. Die glaubten gegenüber den anderen Nachrichtenleuten, den Fernsprechern oder sog. "Strippenziehern" etwas Besseres zu sein. Während diese die Fernsprechkabel von Trommeln abwickeln und im Gelände verlegen und nach der Übung wieder aufrollen mussten, hatten wir Funker das Morsealphabet zu erlernen. Mit dem Morse-oder Telegraphenalphabet  werden Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen durch Kombination von Punkten und Strichen bzw. phonetisch durch kurze und lange Stromimpulse dargestellt bzw. hörbar gemacht.

Aber auch wir Funker hatten bei Übungen im Gelände ein nicht minder schweres Funkgerät  und eine Batterie zu schleppen. Beides musste wegen ihrer Größe und des  Gewichts wie  Tornister auf dem Rücken getragen werden. Beide Geräte spielten kurz vor meiner Gefangennahme durch Rotarmisten am 15.Januar 1945 noch eine Rolle.
                    
Neben dieser Nachrichtenausbildung musste ich wie jeder Rekrut eine  sog. Grundausbildung als Infanterist mitmachen. Da lernte ich das richtige militärische Marschieren im Gleichschritt, auf Kommando das  Aufstellen in Reih` und Glied, Links- und Rechtsrum, Augenrechts, die Augen links, Grüßen der Vorgesetzten, Exerzieren mit Hinlegen und Aufmarsch - Marsch und Revierdienst, das Säubern der Stube und der Flure sowie Ordnung im  Spind.

Erste Schießübungen

Auch lernte ich als Rekrut das Schießen mit dem Karabiner = Gewehr mit kurzem Lauf, und dem Maschinengewehr( MG), zuerst auf Zielscheiben mit Ringen von 1-12, später auf Pappkameraden. Seltsamerweise hat mich das damals nicht gerührt. Heute im Nachhinein wundere ich mich über mein damals mangelndes Empfinden beim Scharfschießen auf Pappkameraden, die doch den echten Soldaten täuschend ähnlich groß und feldgrau wie die deutsche Wehrmachtsuniform aussahen.

Nur der Rekrut, der alles korrekt konnte, also Exerzieren und Marschieren, Vorgesetzte korrekte grüßen  und beim Scharfschießen die nötigen Zielscheiben-Ringe erreichte, durfte sonntags ins Städtchen ausgehen oder Heimatbesuch empfangen.

Heinrich, der fleißige Briefschreiber

Als Soldat habe ich  in  der Zeit  vom 26.April 1944 bis 10.Januar 1945  genau 118 Briefe geschrieben. Hierin kommt mein mangelnder Glaube an den Sieg   deutlich zum Ausdruck. Vielleicht habe ich mit meiner Vielschreiberei mir den damaligen Frust, genauer: die innere Abneigung, den Widerwillen, ja den Zorn gegen den Nazi-Militarismus und den Krieg von der Seele geschrieben.

In meinem ersten etwas ausführlicheren  Brief an meine Eltern vom 01.Mai 1944 schrieb ich:

Morgen, den 2. Mai beginnt die Ausbildung. Zunächst  haben wir 4 Wochen lang überwiegend Infanteriedienst und danach werden wir mit dem Funken vertraut (gemacht). Die ganze Ausbildung dauert etwa 16 Wochen. Danach soll es, wie der Spieß sagt, 16 Tage Urlaub geben und dann . . .! Hoffentlich wird innerhalb dieser Zeit das geschehen sein, auf das wir schon so lange gehofft haben.
Wahrscheinlich werden morgen die Zivilkleider nach Hause gesendet. .. Ihr könnt Euch gut denken, welche Gedanken in mir hochgingen, als ich  meine Kleider da liegen sah. - Nun denke ich immer, was machte ich vorige Woche um dieselbe Zeit oder wie wäre es schön, wenn wir keinen Krieg hätten u. wir wären alle zu Hause beisammen. Ferner muß ich immer an Euch denken u. frage mich was Ihr wohl gerade macht und an Herbert und Siegfried.
                        
Neben einigen alltäglichen Informationen bedrückte mich zunächst die Ungewißheit und Sorgen, was nach der Ausbildung auf mich zukommen mag; gleichzeitig hoffte ich heimlich auf ein baldiges Kriegsende, auch ohne Endsieg. Kein einziges Mal habe ich in all den vielen Soldatenbriefen vom Endsieg gefaselt. Trotz Uniform dachte ich mehr an zu Hause als an den Rekrutendienst. Wie schön wäre es ohne Krieg und ich könnte mit den Zivilkleidern nach Hause zurück. Meine Sehnsucht nach Hause sowie nach baldigem Kriegsende ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Feldpost.

Welche   rätselhafte(n) Atmosphäre im Brief vom 5.Mai 1944 mich quälte, weiß ich heute nicht mehr. Genau so wenig kann ich mich daran erinnern, was ich den Eltern mündlich erklären wollte:

Im Augenblick schwebe ich in einer rätselhaften Atmosphäre, die ich gar nicht in Worte kleiden kann. Ich stehe wirklich in einem Dilemma. Ich glaube ,daß ich doch noch den richtigen Weg gegangen bin. - Aber wie kann man beim Kommiss einen guten Weg passieren? Die richtige Erklärung will ich Euch lieber mündlich geben.
                
Morgen werden wir in feierlicher Weise vereidigt. Darauf haben wir dienstfrei bis Montag u. dann soll, wie angekündigt wurde, der militärische Drill beginnen.

Die Vereidigung auf den Führer

Am folgenden 6. Mai 1944 habe ich bei der Vereidigung auf den Führer  ein Lippenbekenntnis gesprochen oder gar einen Meineid geleistet! Die  Eidesformel hatte folgenden Wortlaut:

"Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen."


Wie schon angedeutet, habe ich den  Eid auf den Führer nie ernst genommen. Im Gegenteil alles Mögliche versuchte, nicht an die kämpfende Front zu kommen, fühlten sich offensichtlich die  meisten Soldaten  nach wie vor an den Führereid gebunden. Ob dieser innere Ungehorsam, mein Unglaube an den Sieg und mein innigster Wunsch nach baldigem Frieden und Heimkehr mir geholfen haben, die kriegerischen Grausamkeiten ohne Schaden an Leib und Seele  überstanden zu haben?

In meinem Brief vom 7. Mai 1944 beschreibe ich für die Eltern den Reiseweg zu mir nach Stadtlohn:
            
Jetzt wollt Ihr wissen, wann und wie man am besten hier herfahren kann. Viel kann ich auch nicht darüber schreiben, doch so viel ich weiß, will ich zu Papier bringen: Günstige Abfahrt- u. Ankunftszeiten der Züge kann ich Euch keine mitteilen, aber ihr müßt morgens in Frühe schon in Dattenfeld einsteigen und dann hat man mittags um 12.00 Uhr sein Ziel erreicht. Ich will Euch mal die in Frage kommenden Strecken aufschreiben u. dann könnt Ihr in den Fahrplan von Frau Pastor nachsehen. Im übrigen bestellt bitte einen freundlichen Gruß an sie.  - Von Köln nach Düsseldorf, Oberhausen, Wanne-Eikel. Hier müßt ihr dann umsteigen nach Borken über Dorsten. Von Borken geht`s dann mit der Westf. Bundes-Eisenbahn. Hiervon kann ich Euch die Fahrzeiten notieren.  Im Fahrplan werden sie wahrscheinlich nicht vermerkt sein. Oder man kann in Oberhausen nach Wesel umsteigen u. dann über Borken nach Stadtlohn zu gelangen. Für 100%ige Sicherheit kann ich nicht garantieren.  Das charakteristische meiner Reise nach hier war, dass alle größeren Städte Städte zerstört waren.  - Nach einem  kürzeren, aber dafür interessanteren Fliegeralarm, d.h. daß sehr viele Verbände u. zwar ziemlich tief über uns herflogen, will ich mit herzlichen Grüßen an Euch alle schließen Euer Heinrich                            
                            
Unter dem  9.Mai 1944 schrieb ich an die Eltern recht mutig und provokativ u.a.
        
Ein heißer Mai- und Ausbildungstag geht zur Neige. Trotz alledem habe ich bis jetzt das Denken noch nicht verlernt, nein im Gegenteil ich habe noch nachträglich mein Wissen vergrößert und viel Neues hinzugelernt. Nur nicht das, von dem ich lieber höre und spreche. Aber das schadet auch nicht, sondern man bleibt in der Übung und einst kommt der Tag, wo wir wieder frei sind und die  akademische Freiheit genießen!                    

Der letzte Satz erinnert an das "Manifest der Münchener Studenten", das als  Flugblatt nach der Stalingrad-Katastrophe 1943 im Universitätsgebäude verteilt wurde. Die Verfasser, darunter  die Geschwister Scholl, wurden nach kurzem Prozeß  von den Nazis ermordet.

Deutschstunde  in der Schule

Eigentlich muss oder müsste ich mich über meinen damaligen Schreibeifer und Schreibfleiß wundern. Denn in der Schule war  das Schreiben für mich ein Greuel, ins besondere Aufsatzschreiben. Hierfür fehlte mir jegliche Neigung und Freude. Bei Hausaufsätzen half mir meine Tante Ida, Schwester meiner Mutter. Sie hatte zwar nur die Grundschule oder Volksschule - so hieß das um die Jahrhundertwende 1899/ 1900- besucht, war aber für ihre Schulausbildung recht schreibgewandt und ideenreich.

Dafür war  ich umso besser in Mathematik. Gut rechnen können im späteren Leben, ist wichtiger als Aufsätze schreiben. So dachte ich seinerzeit in meiner Unerfahrenheit. Es mag aber auch zum Teil an den Lehrern gelegen haben. Denn später- allerdings  nach Krieg und Gefangenschaft im Jahr 1950 - habe ich im Abitur sogar Gut im Fach Deutsch gehabt.

Wer oder was hat mich  animiert, so fleißig Briefe zu schreiben? War es Langeweile,  die ich mit Schreiben überbrücken wollte?  Heimweh? Oder die permanente Frage: Wie mag es den Eltern gehen? Wie schaffen sie ihre Arbeit in der Landwirtschaft? Wie verkraften sie die Sorgen um mich und meinen älteren Bruder, der schon viele Jahre in Rußland an vorderster Front stand?  Und die Frage aller Fragen: Wann mag endlich der grausame und nicht zu gewinnende Krieg zu Ende sein?

Kein Briefgeheimnis

Die vielen Soldatenbriefe, die meine Eltern dankenswerter Weise  über den Krieg hinaus gerettet haben, lesen sich heute wie ein Tagebuch. Nur: In einem Tagebuch - das wäre bei meinen erlebten Turbulenzen mit Sicherheit verloren gegangen - hätte ich vielleicht meine Gedanken und Wünsche deutlicher äußern können als in Briefen. Denn ein   Briefgeheimnis, wie es heute selbstverständlich ist, kannte man damals nicht. Im Gegenteil,  mit der  staatlich verordneten  Briefzensur, an die immer wieder erinnert wurde, erreichte die Armee, dass die Soldaten sich nur vorsichtig zu ihrer jeweiligen Situation oder Gemütsverfassung äußerten.  Denn miesmacherische  Äußerungen zur Kriegslage oder Zweifel am Endsieg galten als Wehrkraftzersetzung.  Dafür gab es einen besonderen Straftatbestand mit harten Strafen, bis zur Todesstrafe.
                        
Oft hätte ich gerne deutlicher geschrieben. Aber ich habe mich nicht getraut oder hoffte, dass die Eltern "das zwischen den Zeilen stehende" heraus lesen können. So z. B. lechze ich in einem Brief nach zusätzlichen Informationen vom Kriegsgeschehen, denn "nur der OKW-Bericht täglich genügt nicht zur Beurteilung der allgemeinen Lage."  Um insoweit nachzuhelfen, kamen  unser Unteroffizier und ich auf die schlaue, aber nicht ganz ungefährliche Idee, mit unserem Funkgerät mal einen "Fremdsender " abzuhören, ... alles war klar verständlich... so erzählte ich es im Brief am 31.Mai 1944.

Gesinnung der Soldaten

Was man sich ansonsten unter Soldaten erzählte, schreibe ich am 4.Juni 1944 nach Kommiss-Drill und anderen Schikanen: "...Doch es geht alles vorüber. Jeder Tag bringt     neuen Trost, dass dieser Krieg schneller zu Ende  geht, als man allgemein     annimmt. Wir rechnen in der Zeit um Weihnachten damit. In solchem und     ähnlichem Sinn werden unsere Gespräche gehalten".


Der Wunsch oder die Sehnsucht nach alsbaldigem Kriegsende beherrschten das Tun und Denken der Soldaten unter einander. Ich war sicherlich nicht der einzige, der am "Führer" und seinen Versprechungen zweifelte.          

Am 20. Juli 1944, am  Tag des mißglückten Attentats auf Hitler, wurde  unsere Einheit von Stadtlohn nach Lingen/Ems in eine Kaserne verlegt. Zehn Soldaten mußten sich auf einer Stube einrichten. Als am Abend die Nachricht  vom erfolglosen Attentat auf Hitler  gemeldet wurde, sagte ein etwas älterer Kamerad:"Verdammt nochmal, dass die Bombe nicht gesessen hat". Eine lebensgefährliche Gemütsäußerung, der ich nur zustimmen konnte.                         

Erster Urlaub

Ich bekam nach dem  24. August 1944 den ersten sog. Abstellurlaub, aus dem ich Anfang September per Telegramm zur Truppe zurück beordert wurde. Statt sofort zur Truppe loszufahren, blieb ich noch 2 Tage länger, um Vetter Siegfried in Wahn, wo er Soldat war,  zu besuchen. Als ich  - etwas verspätet -  in Lingen  bei der Truppe ankam, war der größte Teil der Kompanie bereits an die Westfront nach Frankreich zum Einsatz verlegt worden. Dort hatte die   deutsche Wehrmacht den überlegenen englischen und amerikanischen Invasionstruppen nicht Stand halten können. Eiligst musste militärische Verstärkung nach Frankreich beordert werden, darunter frühere Regimentskameraden. Wie erzählt wurde, sind sie  bereits auf der Zugfahrt an die Front von englischen und amerikanischen Tieffliegern beschossen worden.

Für den Augenblick erwies sich  die verspätete Rückkehr zur Truppe  für mich zunächst als  glückliche Fügung. Ich konnte weiter hoffen und wünschen, dass der Krieg bald zu Ende geht und dass ich dies  nicht allzu fern der Heimat erleben  könnte, wie  in meinem Brief vom 6.09.44 schreibe:

...... Für heute war es der 2. Großalarm u. 4 Voralarme haben wir schon gehabt. Ich glaube, dies können wir als die ersten Zeichen der nahenden Front ansehen.  Wie gesagt wird,  sind schon fdl. Panzerkräfte bis nach Venlo u. Maastrich vorgestoßen. Nur weiter so, dann .

.....wird der Krieg - so hoffte ich- bald zu Ende sein.  Er dauerte noch weitere Monate mit schicksalhaften Ereignissen für viele Menschen, auch für mich.

Die Vergeltungswaffen (V1) als Kriegswende                       

Am nächsten Tag schreibe ich zunächst vom Kohleneinkellern und frage beiläufig: ...     wer weiß, wer diese Kohlen im Winter benutzt?

Deutlicher konnte ich meine Zweifel am Endsieg nicht schreiben. Oder doch?, wenn es am Ende des Briefes heißt:

Der Kriegsverlauf  geht weiterhin planmäßig. V 1 scheint sich nun endgültig     ausgetobt zu haben.

Als V1 wurden die ersten Raketenwaffen bezeichnet, die Wernher v. Braun in Swinemünde an der Ostsee erfunden und konstruierte hatte. Die V 1 sollte als neue  Wunderwaffe die entscheidende  Kriegswende zum Endsieg bringen. Die Nazis hatten das propagandistisch sehr hoch gehängt. Doch die meisten Raketen stürzten  schon vor ihrem Bestimmungsziel England und Westfront ab.

Am 8.September 1944 schreibe ich ironisch:
Mit Fliegeralarm war es auch     heute wieder gut gemeint. ... Hier machen sich auch schon die ersten     Zeichen des nahenden Feindes u. einer zurück flutenden Armee bemerkbar.

Ein Blick hinter die Nazi-Kulissen         

Mein Brief vom 9. September 1944 an Meine Lieben ist so bezeichnend für die damalige Zeit, dass ich ihn gerne  hier zum Besten geben möchte:
                        
Wenn ich auch heute kaum Zeit übrig hatte Euch zu schreiben, so habe ich doch einen guten Dienstag verbracht, ich kann bald sagen, es war einer der besten Tage, die ich je beim „Barras“ gehabt habe.  Morgens um 9.00 Uhr wurden wir  zu 5 Mann zur NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei) Lingen kommandiert. Von Arbeit konnte man hier nicht reden. Unsere Haupttätigkeit war Essen. Die NSV  (Nationalsozialistische Volksfürsorge) schmierte Butterbrote allerorten für die Emdener Bevölkerung. (Emden soll bei einem Tagesangriff total zerstört worden sein). Unsere eigentliche Arbeit war die Butterbrote in einen Lastwagen zu laden oder manchmal dies u. jenes zu tun.. Bei dieser Gelegenheit konnten
wir einen Blick hinter die Kulissen machen u. wie sie in Wirklichkeit leben. Na, es naht der Tag . . .Anschließend waren wir im Kino. Nach mehreren  V 1-Alarmen wurde der Film durch Großalarm unterbrochen. Mehrere Jagdbomber sah man kreuz u. quer durch die Lüfte kurven u. trieben ihr Spiel.
Seid herzlich gegrüßt, Euer Heinrich.

Die Westfront in Auflösung

Auch in den folgenden Briefen schreibe ich von vermehrten feindlichen Fliegerangriffen, von versprengten  und zurück flüchtenden Soldaten, von der immer näher kommenden Front  und dem damit verbundenen Straßenbild. Kein vernünftig denkender Mensch konnte hier noch an den Sieg glauben. Dazu mein Brief vom 10. September 1944:

... Natürlich wurde es ( das Kino) mehrmals durch Luftwarnung unterbrochen. Tagsüber haben wir hier mehr Alarm oder   Luftwarnung, als sonst was. Wenn ich sage, daß jede halbe Stunde bald die Sirene ertönt, ist das nicht übertrieben. Nebenbei ist es nachts auch nicht in der Beziehung besser geworden.  - anscheinend berühren (beherrschen) die Feindmaschinen, die die kämpfenden Truppen unterstützen soll, diesen Luftraum.
Hier finden sich jeden Tag immer mehr zersprengte und herumirrende Soldaten ein. u. erzählen von den Kämpfen in Frankreich. Besonders wird die fdl. Luftwaffe hervorgerufen. Tagsüber könnte sich kein Mensch vor den Fliegern erhalten, es hieß nur Fliegerdeckung und nachts zurück. Der heutige Wehrmachtsbericht scheint mir auch wieder allerhand zu sagen. Südl. Maastrich . Es werden so viele neue, aber mir fremde Orte genannt. Aber der Glaube zum Führer wird uns über alle Schwierigkeiten hinweg zum Siege führen.



Einerseits beschrieb ich die zunehmende  Luftraum-Überlegenheit der feindlichen Flugzeuge bei Tage und Nacht und den katastrophalen  Rückzug deutscher Soldaten im Schutz der Dunkelheit. Ein deutlicheres Bild der gegenwärtigen und tristen  Untergangsstimmung traute  ich mich nicht zu zeichnen. Dass ich  im Gegensatz dazu Hoffnung machen will mit:

Aber der Glauben zum Führer wird uns über alle  Schwierigkeiten hinweg zum Sieg führen  kann offensichtlich nur ironisch verstanden werden.

Mein zweiter, um mehrere Wochen verlängerter  Urlaub

Unter  dem 12. September 1944 schrieb ich nichts ahnend für einige Zeit meinen letzten Brief nach Hause. Danach, wahrscheinlich am 13./14. September, bekam ich  den mir noch zustehenden restlichen Urlaub von  sieben  Tagen. Aus dem ersten Urlaub war ich ja vorzeitig per Telegramm zurück beordert worden. Diesen 2.Urlaub nach dem 12.September überzog ich  um mehrere Wochen  bis zum 2. November 1944. Da bekam ich Muffensausen. Warum? Was hatte ich verbrochen, das mir solche  Angst einjagte?
                        
Eigentlich hätte ich einige Tage nach dem 15.September 1944  nach Lingen bei meiner Truppe sein müssen. Doch  eine  eitrige Großzeh-Entzündung kam unverhofft, aber andererseits wie gewünscht. Mit ärztlicher Hilfe konnte ich meinen Urlaub um einige Zeit verlängern. Statt  die Rückfahrt nach Lingen anzutreten, begab ich mich in in ärztliche Behandlung, allerdings mit gemischten Gefühlen.

SS-Ärzte operieren mich

Zu dieser Zeit hatte sich ein SS-Feldlazarett in Ruppichteroth vorübergehend einquartiert. Trotz meiner Reserve gegenüber dieser strammen Nazi-Truppe vertraute ich mich SS-Ärzten an, die ja meine kritische Einstellung gegenüber Hitler und seinem Krieg nicht kannten. Befehlsgemäß legte ich mich auf den Operationstisch, während die Ärzte ihre Hände gründlich wuschen und dabei medizinische Überlegungen anstellten. Sie sagten mir dann, dass der Nagel  entfernt werden müsste und fragten mich, ob ich dabei zugucken wollte.     
                        
Obwohl ich  diesbezüglich eher ein Weichling war, wollte ich das hier aber nicht zeigen und nahm eine zuschauende Sitzhaltung ein. Der Zeh wurde mit einer Spritze betäubt, der Nagel  mit einer Schere  mittig aufgeschnitten und beide Nagelhälften mit Pinzette  heraus gerissen, das Nagelbett ausgeschabt und schließlich der Zeh verbunden. Ich war stolz, die Operation ohne Schwächen zu zeigen  tapfer überstanden zu haben.

Zwei Tage nach  Urlaubsende kam schon die Polizei, mein Onkel und Gendarmeriemeister  Franz Laddach, um mich "abzuholen" oder  evtl. auch festzunehmen.  Danach  habe ich ihn damals nicht gefragt. Mir ging es nur darum, dass er mich bei der Truppe für mein  vorläufiges Fernbleiben entschuldigen sollte. Mit Hinweis auf meine Operation und den verbundenen Fuß ging er unverrichteter Dinge von dannen. Ob ich ihm ein entsprechendes ärztliches Attest ausgehändigt habe, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube nicht, jedenfalls hat mein Onkel Franz als Polizist mich bei der Truppe entschuldigt.
                        
Nun wusste ich aber nicht, für welche Zeitdauer ich dienstunfähig geschrieben worden war. Den  ärztlichen Befund mit  Attest hatte das Lazarett direkt an meine  Truppe in Lingen geschickt, ohne mich über den Inhalt zu verständigen. Die heutige ärztliche Informationspflicht gegenüber Patienten kannte man damals nicht.

Heinrich als mutiger Drückeberger

Nach wenigen Tagen fühlte ich mich wieder "kv" =kriegsverwendungsfähig, sodass ich zur Truppe hätte zurückkehren können und müssen. Das wollte ich aber nicht. Deshalb  behielt ich einen dicken Verband um den Zeh, um mir und meiner Umgebung eine schlimme, nicht heilende  Fußverletzung vorzutäuschen.  Den siebentägigen Resturlaub überzog ich so um 6 Wochen bis Anfang  November 1944.             
War das nicht leichtsinnig und gefährlich? Unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe  war seinerzeit keineswegs ein Kavaliersdelikt. Vielmehr wurde   es  mit langjährigem Zuchthaus oder gar mit dem Tod  bestraft , wie Fahnenflucht.

Warum habe ich trotz des großen Risikos den letzten Heimaturlaub so lang  überzogen? War mein jugendlicher Überlebenswille  so dominant?  Oder bestimmten meine Zweifel am Sinn des Krieges und die Hoffnung auf baldige Befreiung durch alliierte Truppen das unbotmäßige Verhalten? Hatte  ich den Soldateneid auf den Führer, für ihn sein Leben einzusetzen, vergessen?  Nein, ich wollte mich über die Zeit bis Kriegsende, das nach Lage der Dinge bald zu erwarten war, retten. Mich praktisch vor der Front drücken.

Warum wollte ich nicht zurück zur Truppe?

Seit Wochen standen englische und amerikanische Truppen kurz vor Köln. Jeden Tag hoffte und wünschte ich  mir, dass sie den Rhein  überqueren und uns von der Nazi-Tyrannei befreien würden, damit ich nicht mehr zur Truppe zurück musste.  Am liebsten wäre ich desertiert. Doch dazu fehlte mir der Mut. Alles Hoffen und Warten auf Befreiung durch englische und amerikanische Truppen war vergebens. Sie kamen nicht voran. Ich musste zur Truppe zurück nach Lingen.
            
Ich konnte und wollte nicht begreifen, dass die Deutschen noch immer an den "Endsieg" glaubten, obwohl er von Tag zu Tag unwahrscheinlicher wurde. Selbst die  täglichen  Wehrmachtsberichte konnten die militärischen Niederlagen an allen Fronten nicht mehr vertuschen. Beschönigend wurde von heroischen Abwehrschlachten berichtet. Die anfangs des Krieges schmetternden Sieges-Fanfaren, die  jeden militärischen Erfolg übers Radio dem Volk ankündigten, waren verstummt. Trotz aller Hiobsbotschaften traute sich niemand, gegen Hitler und sein Gewaltregiem aufzubegehren.                    

Was empfahl Adolf Hitler in  seinem Buch "Mein Kampf" für eine solche hoffnungslose Kriegslage:

„In einer Stunde, da ein Volkskörper sichtlich zusammenbricht und allem Anschein nach der schwersten Bedrückung ausgeliefert wird, dank des Handelns einiger Lumpen, bedeuten Gehorsam und Pflichterfüllung diesen gegenüber doktrinären Formalismus, ja reinen Wahnwitz, wenn andererseits durch Verweigerung von Gehorsam und "Pflichterfüllung" die Errettung eines Volkes vor seinem Untergang ermöglicht würde." (Seite 593)                        
                    
Diese Führerworte hätten mein Fernbleiben von der Truppe  nicht entschuldigt oder gar gerechtfertigt. An frühere Reden und Versprechungen wollten die Nazis sowieso nicht erinnert werden. Das besorgten  die Kriegsgegner mit ihren Flugblättern und dem Londoner Rundfunk, leider mit wenig Erfolg.                 

Zurück zur Truppe in Lingen

Alles Hoffen, Bangen  und Warten auf baldige Befreiung durch die englischen und amerikanischen Truppen war vergebens.  Nolens volens musste ich wieder zur Truppe zurück, um die mulmige Situation nicht  noch weiter zu strapazieren. Also verabschiedete ich mich am 2.November 1944 -  traurig und mit Tränen -  von den Eltern auf eine ungewisse Zukunft. Ob wir uns je wiedersehen werden, dachten wir alle gleichermaßen. Für meine Eltern war der Krieg ebenfalls  längst verloren.
                        
Im November 1944- auch schon früher-  lagen Deutschlands Städte  weitgehend in Schutt und Asche, ebenfalls die Reichsbahn und die Bahnhöfe. Von meiner Rückreise zur Truppe schreibe ich am 03.Nov.1944:

Nach einer etwa 30-stündigen Fahrt bin ich in Rheda, ein kleiner Bahnhof in Westfalen angelangt...  Mein bisheriger Eindruck über das Reisen ist grauenhaft. Es ist einfach kaum zu beschreiben. ..
Nach Fahrplänen kann man nicht mehr reisen, denn die Züge kommen dann, wenn sie da sind. Es  scheint bald unglaublich, aber es ist bittere Wahrheit. - Hinzu tritt noch der traurige Anblick der Flüchtlinge. Es ist einfach haarsträubend. Ich gebe Euch genau wie Siegfried den Rat, besorgt Euch das nötigste Material (Bretter) um im Falle eines Falles Ihr Euch noch helfen könnt. Denn unter den Flüchtlingsstrom zu geraten ist ein schweres Los. Ich kann Euch nur raten, bleibt unter allen Umständen zu Hause. - Hoffentlich hört dieser Krieg bald auf, dass das Elend nicht noch größer wird...

Diese schaurigen Reiseeindrücke begleiteten mich bis zur Truppe in Lingen. Zum Glück kam gleichzeitig mit mir ein altgedienter Soldat ebenfalls zur Truppe zurück, dem ich von meinem mulmigen Gefühl erzählte. Er  beschwichtige und beruhigte mich, was mein unsicheres und unbehagliches  Gewissen erleichterte.

Er empfahl,  uns nicht sofort bei der Truppe zurück zu melden, sondern uns  zunächst im  Luftschutzkeller zu verstecken und von dort den unsinnigen Exerzier-Drill der Kameraden zu beobachteten. Dieser Kamerad dachte im Grunde genau so wie ich über den unsinnigen und verlorenen Krieg. Er war, das muss ich zugeben, mutiger als ich mit meinen achtzehn Jahren. Seinen  Namen habe ich vergessen und was aus ihm geworden ist, weiß ich auch nicht.
                        
Nach zwei oder drei Tagen verließen wir den Keller und meldeten uns beim Spieß  zurück, so, als wären wir gerade aus dem Urlaub zurück  gekommen. Er nahm unsere Rückmeldung  kommentarlos zur Kenntnis. Damit war ich zunächst beruhigt. Doch musste ich immer noch befürchten, dass mein eigenmächtiges Fernbleiben ein schlimmes Nachspiel haben könnte. Jedenfalls  hatte ich weiterhin ein unsicheres Gefühl. Unterdessen machte ich den üblichen Kasernendienst mit.

Mich wurmte nur noch, dass ich keine Reisemarken für die 6 Wochen "Heimaturlaub" bekommen hatte, die ich gerne nach Hause geschickt hätte, damit meine Eltern mit diesen Marken Nachbarn oder andere Bekannte  hätten beglücken können. Wer in Urlaub fuhr, bekam für jeden Urlaubstag Lebensmittelmarken, sog. Reisemarken. Die brauchte ich jedoch zu Hause nicht einzulösen. Meine Eltern hatten mich  auch ohne Lebensmittelmarken durchgefüttert.
                        
Ungeachtet dessen, hatte ich mich darauf kapriziert, diese Reisemarken noch zu bekommen. Wofür eigentlich? Für wen? War es blinder Eigensinn  oder einfach Dummheit, deswegen den Spieß zu provozieren? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls ging ich zum Spieß, um die "fälligen" Reiselebensmittelmarken zu erbitten. Damit heimste ich mir  eine gesalzene Abfuhr ein, die mich vor Schreck erstarren ließ. Denn innerlich hatte ich ein denkbar schlechtes Gewissen und  musste  Schlimmstes befürchten.

Da hatte ich mich zu weit vor gewagt; wortlos und reuig verließ   ich die Stube des Spieß, der als Kompaniefeldwebel für den Inneren Dienst zuständig war. Der Spieß hatte die Aufgabe, die anfallenden Verwaltungsgeschäfte der Kompanie so zügig und so reibungslos wie möglich zu regeln. Das schaffte er in meinem Fall damit, dass er  mich regelrecht abkanzelte. Damit waren die durch mich verursachten  Probleme pragmatisch gelöst, für  mich wie auch für den Spieß. Er konnte meinen Fall ohne weitere Arbeit als erledigt zu den Akten legen.  Ich fühlte mich zwar gedemütigt, brauchte aber nicht Schlimmes zu befürchten, womit ich eigentlich zufrieden sein konnte.