Abstellung an die Front

Dennoch quälten mich weiterhin Furcht oder Angst vor möglicher Bestrafung für den eigenmächtig  "verlängerten Urlaub". Von dieser inneren Ungewissheit erlöste mich erst der Befehl zur Abstellung an die Front, was  ansonsten bei den Soldaten mit einem  Trauma verbunden war, bei mir ausnahmsweise nicht. Dennoch bin ich nicht in Hurrastimmung losgezogen.

Die Reise an die Front, über Erfurt, Leipzig, Berlin, sodann durch Polen über Kutno, Lodz und Radom zur 19.Panzerdivision habe ich in meinen fast täglichen  Soldatenbriefen an meine Eltern beschrieben.  Dies  war für mich ein seelisches Bedürfnis. Ich wäre sicherlich krank geworden vor Heimweh, wenn ich diese Möglichkeit nicht genutzt hätte. Zum großen Glück hat meine Mutter  alle meine Feldpostbriefe  gesammelt und aufbewahrt und so über den Krieg gerettet.

Tenor dieser Briefe: Die Städte, durch die wir reisten,  lagen mehr oder weniger in Trümmern; das gleiche konnte man   auch von den Eisenbahnanlagen sagen, weshalb die Reise an die Front alles andere als planmäßig verlief. Züge mussten Umwege oder Umleitungen fahren, was uns recht war. Denn jede Verzögerung dieser Reise  in Richtung  kämpfende Front  bedeuteten eventuell  lebensrettenden  Zeitgewinn.
Niemand von uns wollte möglichst bald und  schnell an die Front. So jedenfalls habe ich die damalige Stimmung der Kameraden eingeschätzt. Wir waren zu siebt. Was wollte uns die Sieben sagen?  Etwa, dass wir uns  im sprichwörtlichen siebenten Himmel fühlen sollten? Alles Andere als "Das". Oder sollten wir in der ungewissen und unsicheren Situation eher  an das Buch mit sieben Siegeln denken?, dass unsere Zukunft dunkel und ungewiß ist? Ja, wir fragten uns:

Werden  wir an die West- oder Ostfront abgestellt?

In diesem  Dilemma hoffte jeder, das geringere Übel  zu erwischen. Das war die West- oder Südfront, wo deutsche Soldaten sich  gegen vordringende  englische und amerikanische Truppen verteidigten. Südfront bedeutete  Italien, im Westen standen englische und amerikanische Soldaten  bereits auf deutschem Boden, kurz vor Köln, wie oben schon mal in einem anderen Zusammenhang beschrieben.

An die  Ostfront beordert zu werden, das war das Schlimmste für uns  Soldaten.  Über die Russen und Rote Armee, die Rotarmisten wurde fürchterliche  Geschichten  erzählt, wie grausam sie deutsche Gefangene behandelten. Von Foltern, Mißhandeln deutscher Gefangener, gar von Abschlachten und am Fleischerhaken aufhängen wurde kolportiert! Grausamer ging`s nimmer. Eine Vermisstenmeldung über einen deutschen Soldaten an der Ostfront wurde trauriger aufgenommen als eine Gefallenen- oder Todesnachricht. Da war es verständlich, möglichst in den Westen abkommandiert zu werden und nicht an die Ostfront.

Mein Gottvertrauen?

Nach meinen damaligen Briefen hatte ich noch einen festen Glauben an Gott, wie ich es im Konfirmationsunterricht gelernt hatte. So hoffe  ich, daß uns recht bald der   Friede beschert wird. „ Es sind ja Gott sehr leichte Sachen u. ist dem Höchsten alles gleich , den Reichen klein u. arm zu machen, den Armen groß und reich. Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhen, bald stürzen  kann.“ Die 2. Strophe dieses Liedes könnt Ihr Lieben in der Heimat Euch als   Trostwort wählen.

Dieses Gottvertrauen habe ich nach und nach mehr und mehr verloren. Je länger der grausame Krieg dauerte, desto mehr zweifelte ich  an einen gütigen und guten Gott.
Wie kann ein solcher Gott es zulassen,  dass Menschen sich derart grausam bekämpfen und bekriegen, sich massenhaft gegenseitig niedermetzeln, Städte und Dörfer in Schutt und Asche legen, Tag für Tag ohne absehbares Ende und eigentlich ohne vernünftige Gründe. Trotz dieser Zweifel behielt ich innerlich  noch eine gewisse Ehrfurcht vor Gott und erflehte seine Güte, mir in Not und Gefahr beizustehen.

Mein letztes Paket nach Hause

Erwähnenswert ist hier noch, dass ich  ein Paket mit "Zivilsachen" nach Hause schickte und anmerkte: „...anbei liegen noch 2 Zeitungen "VB" vom 29.01.1939 und eine Zeitung vom Volkssturm. Diese Zeitungen nicht verbrennen, sondern..."
Diese Zeitungen, der "Völkische Beobachter", ein Kampfblatt der Nazis, sollten nach dem Krieg als Beleg für  die scham- und skrupellose Nazi- Lügenpropaganda  dienen, um sie den Leuten unter  die Nase zu halten, die bis zuletzt an  Hitler und seinen versprochenen Endsieg geglaubt hatten.  

Mit meiner Viel - Schreiberei  nach Haus habe ich  nicht nur meinen damaligen Frust abreagiert, sondern  auch meine Eltern erfreut und beruhigt. Darüber hinaus aber auch  gehofft, dass diese genau so viel und prompt antworten, wie ich am 21.11.44  schreibe   „ ...Es war noch eine große Freude für mich im letzten Augenblick Nachricht von Euch zu erhalten."

Die Entscheidung in Erfurt                   

Meine Lieben!                        Erfurt, 23.11.44
Heute Nachmittag sind wir in die Blumental-Kaserne eingetrudelt, - demoralisiert. - Nun hat sich die Hoffnung nach Italien zu kommen nicht erfüllt und . . .! Zwar geht diese Nacht eine Kolonne ab nach Italien, aber wir gehören zu einem anderen „    Verein“, der bereits vor 10 Tagen abgereist ist und zwar nach Kutno etwa 50 km westl. Warschau. Als uns diese Mitteilung traf, glaubte ich einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Nun, ich war im Augenblick in einer unbeschreiblichen Stimmung. - Auf der Stube, wo wir diese Nacht schlafen, sind einige, die genau auf meinem politischen Standpunkt stehen u. so waren wir in der Übermacht gegen einen „Stubiden“ - so will ich ihn mal nennen u. ich habe ihm noch mal richtig die Leviten gelesen. Ich habe kein Blatt vor den Mund genommen. Es war mir einfach egal, so oder so . . Nun macht Euch nicht zu viel Sorge um mich, ich weiß schon, was ich zu tun habe u. mit Gottes Hilfe werde ich wohl alles gut überstehen. Ich wollte Euch noch so Vieles von der Fahrt und sonstiges berichten, aber ich bin jetzt nicht danach aufgelegt. Will mich gleich zu Bett legen u. den versäumten Schlaf nachholen. Seid für heute recht herzlich gegrüßt, Euer Heinrich        
Danach über Berlin, Kutno und Lodz

Von Erfurt fuhren wir über Leipzig nach Berlin, wo wir uns zwei  Tage umschauten, jeder für sich und jeder auf seine Art. Ich natürlich mal wieder mit Schreiben. Hier zunächst ein langer  Brief aus Berlin vom  26.November 1944, den ich ungekürzt wiedergebe:

Meine Lieben!                                 Berlin, den 26. 11.44.
 
Anläßlich des Sonntags will ich Euch noch einen 3. Brief aus Berlin schreiben. Alle guten Dinge sind 3 -.Es ist am Sonntagmorgen und meine Gedanken weilen mehr bei Euch, Herbert u. Siegfried als sonst irgendwo. Es gibt bestimmt am Tage verschiedene Stunden, die täglich regelmäßig wiederkehren, wo man besonders mit Wehmut an seine Heimat denkt. Umgekehrt wird es genau so bei Euch sein. Als bestes Beispiel will ich den Abend anführen. Wenn Ihr abends in stiller Runde, - Runde ist eigentlich zu viel gesagt – diese u. jene Handarbeit verrichtet, dann denkt Ihr gewißlich viel an uns u. sinniert über unser Schicksal, ruft alte Erinnerungen wach, die wieder für den Augenblick Freude erweckt. - Ach, wie würde jeder mit größter Genugtuung die schöne Vergangenheit  herbei sehnen oder doch wenigstens den Frieden.Eben schrieb ich etwas von Runde; ja, als wir noch alle beisammen waren, haben wir auch im wahrsten Sinne des Wortes oft in froher Runde gesessen. Aber der Krieg hat unser Haus geleert., wie viele andere. Hoffen wir, daß Gott uns recht bald den Frieden beschert u. recht viele Soldaten wieder ihre geliebte Heimat sehen. Der Kampf  um Kurland ist wieder in heftigem Maße entbrannt. Hoffentlich kommt Herbert wieder mit derselben sichtbaren Hilfe Gottes aus diesem Kampf heraus. Siegfried wird doch sicher nicht mehr dahin geschickt worden sein? Ja, ich möchte so gerne so vieles von Euch wissen, leider ist es nicht möglich. Ich freue mich noch immer über die beiden ersten u. letzten Briefe, die ich am letzten Tage in Lingen erhielt. Ich lese sie immer u. immer wieder durch mit derselben Anwesenheit als zuvor. Nächsten Sonntag haben wir schon 1. Advent, womit die ersten Weihnachtsklänge u. Gedanken hervorgerufen werden.
                    
Ich glaube diese Zeit ist für Euch, wie für uns Soldaten eine besonders schwere Zeit. Unser Aufenthalt in Berlin soll noch bis heute Abend dauern u. unsere nächste Etappe reicht bis Frankfurt an der Oder.  Somit sind wir 2 Tage in Berlin. Unsere Schlafgelegenheiten     beschränken sich aufs Primitivste. Vergangene Nacht habe ich gut geschlafen u. zwar in einem hölzernen Liegestuhl, während sich andere mit dem Fußboden, zusammengestellte Stühle oder Tisch behelfen mußten.  Es ist kaum glaubhaft, wo ich überall schlafen kann. Es ist wirklich wahr, beim Kommiß lernt man das Schlafen. Es kommt aber allein dadurch, daß der Soldat ruhelose Nächte hinter sich hat u. dann ermüdet bei der nächsten Gelegenheit schläft...
Auf der Rückseite vermerke ich: Weil ich gerade keinen Briefumschlag zur Hand habe, muß ich mich mit der Behelfsmäßigkeit zufrieden geben.
                        
Die Behelfsmäßigkeit bestand darin, dass ich einen karierten DIN A 4 Bogen in Briefumschlag- Format zusammen gefaltet, so zugeklebt und mit einer 12-Pfennig Briefmarke mit Hitlerbild frankiert hatte.

Nach unserem 2-tägigen Berlinaufenthalt machten wir uns auf den weiteren Weg gen Osten. Der Zug fuhr über Frankfurt/Oder, Kutno nach  Lodz (Polen), damals Litzmannstadt. Litzmann war für die Hitlerarmee ein verdienter General, der mit der Namensgebung geehrt werden sollte. Vorher hatten wir noch woanders Zwischenstation gemacht, wie sich aus der Ortsangabe beim Datum ergibt:
                            
Meine Lieben!                    Skarzyko Kaminnar,  28. 11.44
(mit Zusatzzettelchen)
Wie bisher an jedem neuen Ort, so will ich auch jetzt die Gelegenheit zum     Schreiben ausnutzen. Nun sind wir in dem oben angeführten Ort angelangt.     Auf der Karte werdet Ihr es sicher nicht finden. Wenn Ihr `s versucht, müßt Ihr     auf der Strecke Lodz – Radom suchen. Unser nächstes Ziel wird Radom, südl.     von Warschau sein. Radom werdet Ihr sicher auf der Karte finden. Wie die     Front in diesem Abschnitt verläuft, kann ich nicht sagen. Im Augenblick     herrscht dort absolute Ruhe. Eins hat mich hier doch noch in Erstaunen     versetzt: Hier werden noch von der Zivilbevölkerung Raritäten wie Eß- und     Rauchwaren     feilgeboten: zwar teuer. Ein Graubrot kostet 15 M. , ein T    eilchen 88 Pg. u. eine Zigarette 75     Pg. Auch hier hat der Winter noch nicht     aktiv begonnen.
Nun will ich noch einiges aus Lodz berichten. Gestern abend gegen Mitternacht sind wir abgefahren. In Lodz selbst merkt man kaum was     vom Krieg. Es herrscht sehr lebhafter Verkehr. Die Straßenbahnen verkehren genau so rege, wie in einer deutschen Sradt. Zerstörungen konnte man, außer einem Stadtteil, nicht feststellen. Was die Stadtgröße anbetrifft, hat mich Lodz überrascht. Die Straßen verlaufen alle schnurgerade (Zusatzzettelchen):  und stehen im rechten Winkel zueinander. Zu guter Letzt waren wir noch im Kino. Es war ziemlich modern ausgestaltet.  Das Geschäftsleben könnte man mit dem deutschen vergleichen. Alle Namen der Geschäfte hören sich deutsch an. Straßen u. Plätze tragen ebenfalls deutsche Namen. Z.B. Adolf-Hitler-Str. usw. Ihr kennt doch die Namen, oder . . Die Bevölkerung von hier wird “aufgefordert” sich freiwillig zum Schanzen zu melden. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt wird zu Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt.. Genau wie bei uns zu Hause, nach dem Motto: “Freiwilliger Zwang”
Ich bin gespannt, wann meine Post Euch erreicht u. ich die erste Post von Euch empfange. Mit dem Weihnachtspäckchen wird wohl nichts mehr gehen. Ich werde alles mögliche tun. Vielleicht nimmt die Post sie doch noch an. - Zu gern möchte ich die Neuigkeiten von Herbert u. Siegfried wissen. Wenn sie noch wohl auf sind und schreiben, wollen wir zufrieden sein.
    Das Gleiche von Euch hoffend will ich meine heutigen Zeilen beenden. Seid herzlich gegrüßt von Eurem Heinrich

Bei dem erwähnten Kinobesuch haben wir  den heiteren Farbfilm  "Die Frau meiner Träume" mit Marika Röck. gesehen. Eine kurze Ablenkung vom traurigen Kriegsalltag.  Über Naziverfolgung der polnischen Bevölkerung machten wir uns keine Gedanken, weil  keiner davon etwas  wußte.
 
Im Folgenden lasse  ich vermehrt meine früheren Feldpost-Briefe erzählen. Diese zeitnahen Berichte von damals   sind exakter und zuverlässiger als meine heutigen Erinnerungen.

Meine Lieben!                            30.11.44

Bei einer armseligen Beleuchtung, die uns eine Karbidlampe spendet, will ich Euch den versprochenen Brief, der etwas Genaueres berichten sollte, schreiben. Ich will meinen Bericht beginnen, wo ich in meinem letzten Reisebericht endete. Es war in Kamminar. Von dort sind wir vorgestern abgefahren u. kamen gegen Abend in Radom an; Dort haben wir in einem schönen Gebäude übernachtet. Haben dort Körperpflege betrieben, d.h. Wir konnten uns warm waschen. Anderen Morgen sind wir zum Soldatenheim gegangen u. haben gefrühstückt (Brot mit Marmelade)  Danach haben wir uns auf den Weg zum 73. Regt. Gemacht, das etwa 10 km entfernt war. Zum Glück trafen wir einen “Pannjewagen”, der in diese richtung fuhr.  Alle warfen ihre Last darauf u. zu zweit ?? ging`s  im Trab voran. Schlecht gefahren ist besser, als gut gegangen u. gagen 3.00 Uhr kamen wir zum Regt., wo wir dann in die verschiedenen Richtungen unsere neuen Posten angewiesen bekamen. Ich hatte noch einen Weg von etwa 6 km zu watzen. Ich habe mich geweigert gegen Abend den unbekannten Weg zu gehen. Nach einer längeren Debatte durfte ich dann dort übernachten. - Ich dachte an Herberts erste Briefe aus Rußland zurück, der von solchen Irrgängen berichtete. Heute Morgen habe ich dann mit großer Mühe und Not mein Ziel erreicht. Es ist gewißlich nicht einfach in einemsolchen eintönigen Land , wo man weit u. breit immer dasselbe Bild sieht, sich zu orietieren. - Meinem ersten Urteil zu folge, habe ich es gut angetroffen. Zu 4 Mann, davon 1 Feldwebel haben wir eine Stube für uns. Der Chef des Hauses ist Dorfschulze. Er sorgt für uns als wenn er für die Kinder sorge. Das Dorf ist knapp so groß wie Velken u. heißt Hutta . Nur eins ist wieder nicht gut, nämlich nun fängt wieder das Wache stehen an. - Weil wir nicht im Einsatz sind, sind wir hier auch noch fast im Kaserenen mäßigen Dienst:  6.00 Uhr Wecken etc. Heute mittag müssen wir uns selbst das Essen zubereiten, weil die Küche aus unbekannten Gründen  versagte. Kartoffelbrei mit Soße; es hat tadellos geschmeckt.
Die Abende sind hier unheimlich lang; es wird glatt eine Stunde früher dunkel, als bei Euch. Morgens fängt es um 1/4 nach 6.00 Uhr an zu dämmern.
Zum Schluß herzliche Grüße, Euer Heinrich.
Anbei einige Zigaretten  (Wasil oder Papa)

                    
Am selben Tag (30.11.44) schreibe ich auch an Kusine Hildegard, von Widrigkeiten auf meinem Weg zur Truppe, die (Widrigkeiten) ich im Brief an die Eltern erwähne ich nicht:

 Liebe Hildegard!

Ich will gleich die erste Gelegenheit ausnutzen, um Dir von meinem neuen Standort Bericht zu erstatten. Heute Morgen habe ich durch Schlamm und Matsch mein Ziel erreicht.  Ja, hier herrschen im wahrsten Sinne des Wortes “polnische” Zustände. Vergangene Nacht sind wir in ein Haus einquartiert worden, oder besser gesagt in eine Stube, knapp so groß, wie unsere Küche zu Hause, worin schon 10 Zivilisten hausten. Kurz gesagt 16 Mann in einer “Stube”. Dagegen habe ich es hier doch bedeutend besser angetroffen. Zu viert liegen wir hier in einer besseren Stube. Der Hausherr  ist Dorfschulzeu. So haben wir einige Vorteile. Er trommelt Leute zusammen, die für uns Holz hacken u. in anderen Hinsichten ist er auch um uns besorgt.  Also unsere eigentliche Lage willst Du doch auch   
                        
wissen. Wir liegen etwa 5 km nördl. Von Radom (südl. Von Warschau). Unsere Division(19. Pz. Div.) liegt momentan in Ruhe. - Es werden Parolen erzählt, die erzählen von der Verlegung zum Westen. - Aber was wird wohl nächste Woche sein?, wo die Front schon einige Zeit ruhig ist. Abends kann man schon mal den Kanonendonner hören; doch sonst sind keine Anzeichen der Front fest zustellen. Fliegertätigkeit kann man hier gleich Null sehen. Ich habe bis heute noch keinen, weder deutschen, noch russischen gehört oder gesehen. Dies ist ja ein Vorteil  der Westfront und  Südfront gegenüber.                
Ich will nun meine Zeilen beenden. Ob ich an Müdigkeit oder sonst was leide, ich bin nicht fähig Dir noch mehr zu schreiben.
    Sei heute recht herzlich gegrüßt,
    Dein Heinrich
    Feldpostnr. 28241


Sämtliche  Post aus der Heimat an die Front waren mit einer solchen Feldpostnummer adressiert, damit niemand erkennen konnte und sollte, wo  die Einheit lag. Sämtliche Briefe oder Karten von der Truppe wie auch solche zur Truppe wurde  als Feldpost  unfrankiert, also kostenlos nach Hause  und umgekehrt versandt.

Nach mehreren Irr- und Umwegen sowie entsprechend vielen Umzügen ist mir  endlich eine Unterkunft zugewiesen worden, wo ich voraussichtlich etwas länger bleiben konnte, und zwar in einem bescheidenen Wohnhaus mit kleiner Küche und einem größeren Wohnzimmer, das wir mit insgesamt 4  Soldaten belegen.

Meine Lieben!                            2.12.44

Ich will euch nochmal in aller Ruhe einige Zeilen schreiben. Es ist am frühen Samstagabend, oder bei Euch wird es sicher noch taghell sein, daß ich die Feder ergreife.  Die Uhr zeigt 10 Minuten nach 4; zu Hause wird sich jemand den Besen genommen haben, um das Pflaster zu fegen. Eigentlich wollte ich gesten abend schreiben, jedoch ward mir keine günstige Gelegenheit geboten. Ich hatte nämlich Wache. Als ich auf die Uhr sah war es 10 nach 7 (Freitagabend), was ich da gedacht habe brauche ich gewiß nicht genauer zu erläutern. Zudem habe ich gestern wieder das     Quartier gewechselt . In einem nächsten Nachbardorf, was in Richtung Radom liegt, habe ich nun mit 3 anderen Kameraden, mit denen ich mich gut verstehe,meine Behausung. Daran muß man sich beim Kommiß gewöhnen. Heute hier und Morgen dort zu sein.Hat man sich hier schon etwas eingelebt, muß man morgen wieder umziehen. Dies läßt einen doch bald kalt; aber unter anderem wird man zu einem Vagabund erzogen. Ja, als Soldat in fremdem Land lernt man nichts Gutes hinzu, im Gegenteil. Ich befinde mich nun in derselben Situation, die uns Herbert in seinem Urlaub schon öfters berichtete; ich kann mir nun ein Bild davon machen, wenn eine Truppe in der Etappe eines besetzten Landes in Ruhe ist. Die alten Landser, die schon in vorderster Linie so viel erlebt haben, fühlen sich dann wohl u. die armen Hausbewohner müssen sehr darunter leiden. Ich helfe mir selbst, wo ich nur eben kann .
Nun sind es schon über 4 Wochen, daß ich von zu Hause gegangen bin. Am Donnerstag,     als ich hier eintrudelte wurden es genau 4 Wochen. Gerade kommt die “erfreuliche”     Nachricht, daß ich diese Nacht 4 Stunden! Wache stehen muß; gleich muß ich mich     schon stellen. Hatte eigentlich vor noch so viel zu schreiben. Morgen wird wohl mehr Zeit zum Schreiben sein. Also seid für heute recht herzlich gegrüßt, Euer Heinrich
                        
Ironischerweise erwähne ich als "erfreuliche" Nachricht, dass ich in der Nacht 4 Stunden Wache stehen musste. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass ich die meiste Wache stehe. Mir trauten man nicht zu, dass ich mich darüber beschweren würde, was ja auch stimmte. Als Kleinster und Jüngster der Kompanie hatte ich  nicht den Mut zu revoltieren.

Das Wachestehen bestand darin, mit Stahlhelm und Karabiner der Dorfstraße entlang zu patroullieren, also kontrollierend  auf- und abzugehen. Das Dorf Nowa Hutta dehnte sich etwa über knapp 1 km aus. Wegen dieser Länge mussten immer 2 Soldaten den Wachdienst tun. Das hatte den Vorteil, dass man sich während der Wache schon mal etwas unterhalten und damit die Zeit vertreiben konnte, was allerdings nicht sein sollte. In der Regel ging einer der Wachhabenden in jene Richtung, der zweite Mann in die andere Richtung. Nach dem jeweiligen Rückweg traf man sich wieder in der Mitte des Weges und erzählte sich was.
Jeden Tag gab es eine neue geheime Parole als Kennwort, das aus zwei Wortteilen bestand, wie z.B. "Tinten - Faß". Damit sollte der Wachestehende möglichst früh  erkennen können, ob es sich bei einem  Fußgänger um einen Zivilisten  oder Soldaten   handelte.  Ein  Kamerad hätte auf den Parolen-Zuruf "Tinte" als Antwort " Faß" gewartet. So wollte man Überrumpelungen durch Zivilisten vorbeugen.
 
Dabei ist mir noch ein Erlebnis in guter Erinnerung. Nach kurzer Unterhaltung hatten wir beiden Wache-stehenden uns wieder getrennt, ich musste sogleich pinkeln und stellte mich entsprechend an den Wegesrand. Plötzlich verspürte ich von hinten zwischen den Beinen einen Gewehrkolben, den ich bei Seite drücken wollte  mit den Worten:" Lass` doch den Quatsch". Ich nahm an, mein Kamerad wollte mit mir ein Späßchen machen. Da hatte ich mich gewaltig geirrt: Der Kompaniechef kontrollierte uns Wachestehende und wollte mir zeigen, wie leicht und schnell  man mich  als Wachsoldat hätte überrumpeln können. Dafür bekam ich auf der Stelle einen saftigen Anschiß mit dem Befehl, anderntags feldmarschmäßig mit Stahlhelm mir  einen strengen Verweis wegen Wachvergehens abzuholen. Dazu ist es dann doch  nicht gekommen.

Beim Wachestehen wanderten meine Gedanken über die grenzenlosen Wolken nach Hause, besonders intensiv, wenn der Mond schien und mir wie eine  Brücke in die Heimat vorkam. Auch die Lieben zu Hause sahen ihn als  gemeinsames Zeichen inniger Verbundenheit. Dann sorgte ich mich um meinen Bruder Herbert und Vetter Siegfried, die ebenfalls  irgendwo in Feindesland standen, beide zuletzt im Kurland. So schreibe ich im Brief vom 3.12.44 nach Hause u.a....in der jetzigen Zeit , wo die     Wache wieder üblich ist, denke ich oft an den Abend-    oder Nachtstunden     an Euch und an unsere Lieben, die ebenfalls in der Ferne vielleicht   auf     einsamer Wache stehen. Unterdessen kommen mir doch oft Gedanken in den     Sinn,     die ich lieber nicht zu Papier setze, zudem werde ich diese Gedanken  doch niemals so nieder schreiben können, wie sie mich im Augenblick     ergreifen.

Das waren sicherlich sehr kritische Überlegungen zum sinnlosen und verlorenen Krieg, wovon ich überzeugt war, was man aber nicht sagen, schon garnicht schreiben konnte oder durfte. Solcher Unglaube an den Sieg war als Wehrkraftzersetzung streng verboten. Zudem quälte mich die  stetige Angst, den kriegerischen Schlamassel nicht unbeshadet zu überstehen. Ich wollte  doch so gerne lebend nach Hause zurückkehren, auch meiner lieben Eltern wegen, die gleichemaßen sehnsüchtig hofften,  ihre beiden Söhne möglichst bald und gesund wieder daheim zu haben.

Im Gegensatz dazu wurden wir Soldaten immer wieder angehalten, nicht so viel über unserbzw. ihr  Leben, unsere Standtorte und Stimmungen zu schreiben. Inwieweit ich mich daran gehalten habe, verraten meine Feldpostbriefe aus jener Zeit am besten. So z. B. mein Brief vom 5.12.44.

...Nun will ich Euch, so gut es mir möglich ist, ein Wort zur Lage unseres Abschnittes verlieren. Nehmt gleich den Atlas zur Hand u. schlagt die Karte von Polen oder von Norddeutschland auf.  Das braun chafrierte auf der geographischen Karte bedeuted Sumpf. Der Russe hat im Frontabschnitt südl. Von Warschau 2 Brückenköpfe über die Weichsel gebildet; und zwar den nördl., den sogenannten Warka - Brückenkopf. Er liegt in dem Winkel, den der Fluß Piliza u. Weichsel bilden.Der andere liegt weiter südlich bei der Stadt Sandomir in einem großen Weichselbogen. Sonst bildet die Weichsel die Front. Also, Ihr braucht Euch noch keine Sorge zu machen. Erst muß der Winter das Gelände gangbar machen; u. momentan sieht es noch nicht nach Winter aus. Schon ein Glück. Will nun schließen, um mich zu Ruhe zu legen.
    Seid vielmals gegrüßt,
 Euer Heinrich       
         



Die polnische Einquartierung                    
 
Nach dem ober geschilderten, mir wochenlang vorkommenden Nomadenleben, wurde ich in eine polnische Familie im Dorf Nowa Hutta einquartiert. Die  Deutsche Wehrmacht hatten  hier in einem langgestreckten  Straßendorf  zwischen Radom und der Weichsel alle Wohnhäuser der polnischen Bevölkerung  für ihre Soldaten requiriert, also beschlagnahmt, was übliche Praxis von Besatzungstruppen war bzw.ist. So wurde ich auch in ein kleines polnisches Familienhaus einquartiert,  das schon mit 3 Soldaten belegt war, mit  einem  Stabsgefreiten namens Moos, einem ROB (Reserve-Offiziers-Bewerber) und einem Gefreiten meines Alters.

Der Stabsgefreite, ein altgedienter und Front erfahrener  Soldat, war sozusagen unser Stubenältester. Als solcher  verhielt sich  uns Dreien gegenüber korrekt und kameradschaftlich, ganz anders gegenüber unseren polnischen "Gastgebern". Diesen  gegenüber  führte er sich wie ein echter Besatzer auf. Jeden Morgen musste der polnische Hausherr, ein etwa 30-40-jähriger Mann unsere Stube aufräumen und "Besen rein" fegen. Im Befehls- und Kommandoton maßregelte er ihn, gleichzeitig fuchtelte er mit seiner Pistole herum. Damit wollte er seinen Weisungen gebührend Nachdruck  verleihen.

Dieses Siegergehabe erinnerte mich an Herberts Worte, wie ich mich in meinem Brief vom 2.12.44 erinnerte. ..Ja, als Soldat in fremdem Land lernt man nichts Gutes hinzu,     im Gegenteil.     Ich befinde mich nun in derselben Situation, die uns Herbert in     machen, wenn eine Truppe in der     Etappe eines     besetzten Landes in     Ruhe ist. Die alten Landser, die schon in vorderster Linie so viel erlebt haben,     fühlen sich dann wohl u. die armen Hausbewohner müssen sehr darunter     leiden. Ich helfe mir selbst, wo ich nur eben kann .    

Ich hatte Mitleid mit den verschüchterten polnischen Bewohnern. Über 5 Jahre hatten sie die deutschen Besatzer ertragen müssen. Sie waren ängstlich, andererseits hofften sie auf baldige Befreiung von den deutschen Peinigern. Ich mochte dieses Besatzer-Gehaben  nicht  und stellte ihn zur Rede: "Weiß Du, wo wir  Morgen sind? Vielleicht  in Gefangenschaft, dann musst du kuschen ". Das hat er widerspruchslos akzeptiert. Vielleicht sah er ein, dass ich garnicht so Unrecht hatte. Sonst hätte er mich auch anschwärzen könnnen mit schlimmen Folgen für mich. Denn am Sieg der Deutschen zu zweifeln, das durfte man nicht und wurde  hart bestraft.
                
Auch ein weiteres  Mal habe ich mich ziemlich weit vor gewagt.  Als im Dezember 1944, kurz vor Weihnachten die sog. Ardennenoffensive los ging. Deutsche Truppen war es gelungen, in dem Ardennen-Gebirge feindliche Angriffe abzuwehren und erfolgreich in die Gegenoffensive zu gehen.  Erste Anfangserfolge ließen unseren ROB jubeln:"Das ist die Wende zum Endsieg!" Darauf ich: "Das ist doch nur ein Strohfeuer, mehr nicht."  

In meinem Soldatenbrief vom 18.12.1944 schreibe ich dazu:
Noch ein Wort zur Lage. Den neuesten Meldungen zufolge ist unsererseits eine große Gegenoffensive im Westen eingeleitet worden. Hier wird schon von großen Erfolgen gesprochen u. noch größere werden erwartet. Einige hören schon die Siegesfanfaren erschallen. Hoffentlich geht es nicht wieder wie damals in den ersten Einsatztagen der "V 1" u. am Ende stellt es sich mehr als eine  Propagandaoffensive heraus als sonst. Abwarten ist in diesem Fall am Platz.
                        
Die "V1" stand für "Vergeltungswaffe 1".  Dabei handelte es sich um die ersten Raketen, die in Swinemünde von den  Experten um Wernher von Braun erfunden und konstruiert worden waren. Sie sollten den Bombenkrieg der Alliierten über Deutschland wie überhaupt deren Siegeszug  vergelten und die entscheidende Kriegswende zu Gunsten der Deutschen bringen. Doch diese ersten V1-Raketen erreichten ihr Ziel England nicht. Sie stürzten kurz nach dem Start wieder ab.  

Nachdem sich die "V1" als erfolglose Waffe erwiesen hatte, wurde  die zwischenzeitlich  weiter entwickelte und etwas verbesserte  Rakete  als  "V2"  propagandistisch nachgeschoben. Mit dieser Wunderwaffe - so die Propaganda - sollten die vorrückenden englischen und amerikanischen Truppen, die schon weit ins Rheinland vorgedrungen waren,  vernichtend geschlagen und zurück gedrängt werden. Nichts wurde von den Nazis unversucht gelassen, um das Volk bis zum bitteren Ende bei der Stange zu halten.
 
Dass ich nicht mehr an den immer wieder versprochnen Endsieg glaubte,  haben wohl auch unsere polnischen "Gastgeber" bemerkt. Jeden Morgen ging ich mit dem "Herbergsvater" an die frische Luft und machte mit ihm  gemeinsam seine  Bewegungs- oder Gymnastikübungen zum Aufwärmen. Dabei schlug er sich beide Arme um den Oberkörper mit den Worten: "Schimno, Pan, schimno Pan ",was soviel bedeutete:" Kalt  mein Herr".

Ich machte diese  allmorgendlichen "Gymnastik-Bewegungen" gerne mit,  auch um ihm zu zeigen, dass ich den polnischen "Quartiergebern" innerlich näher stand als unserem Stubenältesten.  Wenn ich alleine "zu Hause" war, tischten sie  mir  ein Extraessen auf, was natürlich wegen der miesen Soldatenverpflegung bei mir gut ankam. Auch wenn ich mir mal was Extras kochen oder braten wollte, halfen sie mir mit Gewürzen und Kartoffeln aus. Dazu schreibe ich im  Brief vom 18.12.44:

    ...Gestern haben wir pro Mann 3 Eier bekommen. Natürlich mußten sie     sogleich auch     alle 3 dem hungrigen Magen zugeführt werden. Doch ich habe     mich gestern mit einem Spiegelei begnügt, u. heute Abend habe     ich mir     “Pannenbrei” gemacht. Die     fehlenden Zutaten haben ich  von unseren     Quartierleuten bekommen. Als mein Kuchen ferig war, wurde er von den     übrigen als ein gutes u. wohlschmeckendes     Fabrikat bezeichnet.
    
Unsere polnischen "Gastgeber" sahen in mir eher einen Freund als Feind und wollten  dies auch mir gegenüber deutlich zeigen. Ansonsten war die polnische Bevölkerung nicht gut auf uns zu sprechen, was verständlich war. Fünf Jahre deutsche Besatzung, Willkür  und  Gewalt hatten sie  mehr schlecht als recht überstanden. Doch trotz bevorstehender Befreiung von deutscher Besatzung durch die Rote Arme wagten sie sich nicht aus der Deckung. Vielleicht trauten sie auch den Russen nicht.

Im Folgenden lass`ich meine Feldpostbriefe erzählen
vom 21.12.44 bis 10.1.45

Dass meine Gedanken damals mehr bei den Eltern, bei Bruder Herbert und Vetter Siegfried  waren als bei der Truppe, kann fast jedem Brief entnommen werden. Der folgende vom 21.12.44 verrät darüber hinaus besonders deutlich meine melancholische  Gemütsverfassung und mein Urteil über sinnlose Militäraktionen:
        
    Meine Lieben!
Soeben komme ich von einem einsamen Morgenspaziergang, so kann man es wohl nennen, zurück.Es war ½ 8.00 Uhr als die Sonne gerade ihren ersten Schein über den Horizont warf. Wo meine Gedanken auf dem ganzen Weg waren, brauch ich wohl nicht mehr besonders zu erwähnen. So gehen bei jeder ruhigen Gelegenheit meine Gedanken zu Euch. Noch niemals habe ich so viel an euch, u. Herbert u. Siegfried gedacht. Nun werden es auch schon 6 Wochen, daß ich nichts mehr von Euch und Siegfried u. etwa 10 Wochen, daß ich nichts mehr von Herbert gehört habe. Da liegt doch auch wohl alle Ursache vor , sich Gedanken zu machen. Mögen doch noch zur Weihnachtszeit gute Nachrichten mich erreichen, damit ich wenigstens eine Weihnachtsfreude hätte. Als ich heute morgen so querfeldein daher ging, dachte ich, Ihr würdet sicher am Kaffeetisch sitzen u. untereinander stellt Ihr euch sicher  die Frage:
    wo u. was werden wohl Herbert, Siegfried u. Heinrich essen? So vergegenwärtige ich mir jeden Augenblick Eure Arbeit zur entsprechenden Zeit. Durch den verfrühten Sonnenauf- u. -untergang bin ich etwas darin verwirrt.  Schreibt mir bitte einmal Euren augenblicklichenTagesverlauf. Die kürzesten Tage sind nun vorbei, doch gleichzeitig hat auf dem Kalender der Winter begonnen. (Zusatzzettelchen):
Obwohl in den letzten Nächten der Himmel wolkenlos war, hat es nicht allzu stark gefroren. - Wenn Euch dieser Brief erreicht, werdet Ihr wohl das Weihnachtsfest schon gefeiert haben u. das Neujahr wird vor der Tür stehen. Drum will ich Euch schon heute ein glückliches Neues Jahr wünschen. Zur Sicherheit und Kontrolle will ich noch einmal erwähnen, daß ich am Montag die Päckchenmarke nach Hause geschickt habe. Solltet Ihr längere Zeit nichts von mir gehört haben, dann macht Euch nicht gleich große Sorge, denn die Post kann auch die Schuld tragen. Ich schreibe Euch im allgemeinen jeden 2. Tag, also wöchentlich 3 – 4 mal. Sonntags könnt Ihr immer  einen Brief von mir erwarten.
Gestern waren wir in aller Frühe nach Radom zur Partisanenbekämpfung, zwar erfolglos. Es ist schon gut, daß es zu keinen Zusammenstößen kam. - (Fortsetzung) Zum Schluß noch eine Begebenheit, die sich soeben abspielte. Es war  eine Aktion, die sich wieder richtig ins militärische zog, von der ich gerade zurück komme.  Stellt Euch vor,  3 verdächtige Personen werden in einer Entfernung von 2 oder mehreren km gesehen u. sollen bis zu ihrer Festnahme zu Fuß verfolgt werden. Nur, daß das von vornherein aussichtslos erscheint, muß doch wohl jedem klar sein; scheinbar aber nicht, sonst hätten wir nicht wahllos noch km weit zu laufen brauchen. Solche sinnlose Scherze geschehen jeden Tag. Ich will Euch nicht die Schlimmsten schreiben, sonst . . . Aber wer muß darunter leiden? Doch manchmal, wenn ich so allein daher troddle kann ich die Tränen nicht mehr halten u. mit heißester Sehnsucht wünsche ich mich zurück zur Heimat. Aber, ja, das große Aber . . .
Seid mir für heute recht herzlich gegrüßt, Euer Heinrich

In meinem nächsten Brief von 22.12.44 erinnere ich an den Tag vor einem Jahr, als ich zum ersten Mal Urlaub als Flakhelfer bekam und glaubte, damals schon einen gewissen "Tiefstand" erreicht zu haben:
    ...Voriges Jahr war der heutige Tag für mich ein schöner Tag. Vielleicht erinnert Ihr Euch noch. Es war Mittwoch, der 22.Dez. 43 nachmittags 5.00 Uhr als ich zum ersten Male für 3 Tage in Urlaub kam. Damals glaubte ich schon, es wäre eine schwere Zeit für mich, aber wie hat sie sich inzwischen verschlechtert u. habe noch immer nicht den Tiefststanderreicht; jedoch fehlt nicht mehr viel davon. Diese Woche bin ich noch kaum zur Ruhe gekommen. Heute z.B. mußten wir um ½ 5 Uhr  raus zur Übung u. gleich um 19.00 Uhr geht´s schon wieder ab zum Nachtschießen. Morgen früh um 6.00 Uhr raus zum nächsten Schießen. Während der Nacht noch 2 Stunden Wache, was da an Schlaf übrig bleibt . . .? Das Essen, was es hier gibt . . .! Zu Hause hätte ich es gewiß nicht angerührt. Nun, was dadurch erreicht werden soll, liegt klar auf der Hand. Aber bei mir verfehlt es trotzdem sein Ziel.Ich bin einmal gespannt, wie die Weihnachtstage verlaufen. Na, ich trau`denen alles zu. - Bei der heutigen Übung habe ich die ersten Granaten hören pfeifen u. gesehen einschlagen. Ein (eigener) Kurzschuß schlug in unmittelbarer Nähe bei uns ein ..

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Ich brauchte nicht mehr lange zu warten, bis ich russiche Granaten, Maschinen-gewehrfeuer und  Kanonendonner hören und sehen konnte bzw. musste.
                    
Doch vorher möchte ich aus jenen  Dezembertagen    meine  Feldpostbriefe erzählen lassen,    die meine  damaligen Sorgen und Probleme, meine  Gemütsverfassung  und Einstellung zum Militär sowie Krieg und nicht zuletzt meine Sehnsucht nach Frieden und mein Heimweh am deutlichsten verraten. Authentischer geht`s nicht.

 


    Meine Lieben                        4.Advent 1944
Heute am Heiligabend sowie morgen und am 2. Weihnachtstag werden besonders Eure Gedanken, genau wie unsere bei uns bzw. Bei Euch weilen u. schöne alte Erinnerungen erwecken. Man darf sich überhaupt nicht vorstellen, wie schön es sein könnte u. wie schön es war oder man ist gleich in eine Stimmung versetzt, die eigentlich der Soldat nicht haben darf. Aber ein Soldat, der weiß, daß er ein ordentliches Heim hat u. seine Angehörige besorgt um ihn sind,der kann es nicht unterlassen. Ich will euch heute nur einenkurzen Bericht abstatten, damit dieser Brief noch gleich den Weg in die Heimat antritt und zur Feier des morgigen Tages muß doch bestimmt ein Wort zur Weihnachtfestlichkeit gesprochen werden. Zunächst eine gute Mitteilung. Die Feiertage werden bei uns auch voraussichtlich einigermaßen ruhig verlaufen. Als Voraussetzung ist gestellt, daß der Iwan keinen Rabatz macht. Was es noch als Weihachtsbescherung gibt, weiß ich nicht. Darüber folgt morgen weiterer Bericht.- Sehr wahrscheinlich bekomme ich noch eine Päckchenmarke u. zwar von unserem Uffz. (ROB). Er hat nämlich nächste Woche seine 2 Monate Frontbewährung zu Ende u. kommt auch tatsächlich kurz nach Neujahr nach Deutschland zurück. -

ROB bedeutet Reserve-Offiziers-Bewerber. Daran habe ich auch gedacht, weil solche Bewerber oft nach kurzem und ungefährlichem Fronteinsatz in die Heimat zurück beordert wurden, wie der erwähnte Fall bestätigte. Durch die sog. "Päckchenmarken", auf die ich so scharf war, wurde der Feldpost-Paketdienst rationiert. Viele Kameraden hatten keine Eltern, die sich von der ohnehin spärlichen Lebensmittelversogung in der Heimat noch etwas vom Mund hätte absparen können. Insoweit waren meine Eltern als Bauersleute previligiert. Sie konnten ihren Söhnen öfter Lebensmittelpäckchen schicken. Damit die Päckchenmarken mehrmals benutzt werden konnten, wurden diese vorher regelrecht mit  Seife "beschmiert", sodass man den Poststempel abwischen und die Marke mehrmals benutzen  konnte. Außerdem brachten wir die Feldpostpäckchen zu einer Poststelle in Benroth, die von einer  ehemalige Velkenerin verwaltet wurde. Sie kannte uns und war behilflich  bei den Päckchenmarken - Manipulationen.






Mein nächster Brief datiert vom 26.12.44
    
Meine Lieben!

Erst heute am späten zweiten Weihnachtsfeiertag komme ich dazu Euch meinen versprochenen    Weihnachtsbrief zu schreiben. Zwar ist der 1. Fesstag ruhig verlaufen, aber daß uns am 2. Weihnachtstag die Ruhe gegönnt wurde, war doch gewiß zuviel. Somit hatte ich mein reichliches Weihnachtsvergnügen, leider auf der negativen Seite.
Aber meine Weihnachtswünsche sind doch zur Genüge in Erfüllung gegangen: Am 1. Weihnachtstag erhielt ich von Herbert  u. heute von Euch den ersten Brief, die beide vom 13.12.44 datiert waren u. wie habe ich mich gefreut, daß Herbert, wie Ihr mir noch alles Gute berichten konntet. Leider hat nun zur Weihnachtszeit eine 3. Großoffensive der Russen in Kurland begonnen. Herbert beklagte sich über die Rauchrationen. Ich habe ihm bereits einige zukommen lassen. Ich kann doch nichts damit erreichen. - Nun möchte ich ein Wort zu Weihnachten sagen. Zunächst hoffe ich, daß Ihr ein fröhliches und ruhiges Fest verlebt habt. Wer hat denn den Weihnachtsbaum geholt? Ich habe oft, während der beiden Tage meine Gedanken nach Hause gelenkt u. dachte z.B. in der Abendstunde würdest Du zu Hause hinter einer schönen Schachpartie sitzen u. nebenbei noch die leckeren Weihnachtssachen essen. Als ich an all die schönen Weihnachtsplätzchen dachte, lief mir das Wasser im Mund zusammen u. Hildegard wird doch sicher ihre Fähigkeiten bewiesen haben. Wir haben zu Weihnachten Pfefferminze, ½ Tafelschokolade, 2 Beutel Bonbons, 50 Zigaretten u. Schnaps bekommen.Hoffentlich habt Ihr meinen Brief mit der 2kg-Marke erhalten u.ich werde vielleicht in einer Hinsicht noch etwas nachholen können.
Eins hat mich auch noch erfreut, daß Siegfried noch in Bonn ist. Es wird ihm ja bestimmt sehr leid sein inder Kaserne,was ja auch bestimmt der Fall war.Aber woanders wird es ihm genau so  ergehen. Alles, was schon mit Kommiß zusammenhängt, ist bei mir wenigstens, mit Unzufriedenheit u. innerer Reaktion verbunden. Wenn er noch das Glück hat, wie bei uns die ROB, dann kann er froh sein. Denn sie haben während der Ruhezeit ihre Frontbewährung gemacht u. im Grunde genommen keine Kugel hören pfeifen. Und wenn ich nun hinzufüge, daß sie solches Glück ohne etwas daran zu tun gehabt haben, dann werde ich, meiner Meinung     nach,, dieser Tatsache Glauben schenken können.
Nun schreibt mir bitte mal etwas Genaueres über Verhältnisse , wie sie sich in letzter Zeit bei Euch zu Hause geändert haben. Das Wetter ist hier, wie bei euch nicht der Jahreszeit entsprechend. Zwar hat es inden letzten Tagen gefroren, aber es scheint wieder umzuschlagen, weils noch keinen Schnee gibt.
Ich will nun meine Zeilen beenden u. sende Euch die besten Grüße,
Euer Heinrich

Im  Brief vom 28.12.44 will ich die Eltern beruhigen, wenn mal ein erwarteter Brief nicht pünktlich eintrudelt und schimpfe  wieder kräftig über den militärischen Humbug oder den (militärischen) Mist, der sich bis zum Unvorstellbaren steigert und bei mir  --ironisch gemeint - "Freude und Lust " erzeugt:        

        Meine Lieben!                    28.12.44

Obwohl ich gerade heute abend mich nicht in der richtigen Lage befinde, um Briefe zu schreiben, so will ich Euch doch einige Worte zur Beruhigung zukommen lassen. Ihr kennt doch die Postverhältnisse in der Heimat, darum macht Euch nicht gleich Sorge, wenn ein erwarteter Brief einige Tage später ankommt. An Neuigkeiten weiß ich von hier auch nichts von Belange zu sagen. Tag für Tag derselbe M . . . . Zur Abwechslung wird der “militärische Humbug”  ab und zu bis zum Unvorstellbaren gesteigert u. dann wird bei mir erst recht die “Freude und Lust erzeugt”. - Hurra, wir verblödeln. - Unter diesem Motto könnte man diesen Betrieb stellen.
Das Wetter hat sich noch immer nicht endgültig entschieden. Es ist bestimmt äußerst günstig, wenn es noch nicht so mit ganzer Macht wintert.
Ich will nun schließen, um Herbert auch noch einige Zeilen zu schreiben.
Seid herzlich gegrüßt Heinrich

In meinem  erster Brief in 1945 erinnere ich mich daran, dass ich ein Jahr zuvor als Flakhelfer in Geisweid - Siegen  ebenfalls in der Silvesternacht Wache stehen musste, diesmal aber das heimatliche Glockengeläut vermißte. Weiter erinnere ich mich an heimatliche Bräuche zum Jahreswechsel und wiederum erbitte ich den lang ersehnten Frieden herbei mit dem Wunsch, dass uns das neue Jahr nicht wieder so schwere Kriegsleiden aufbürdet. Welch ein weltfremder Optimismus meinerseits!
                            
                                Neujahr 1945    
Meine Lieben!

Mit der Mitternachtsstunde ist soeben das Jahr 1944 durch das Jahr 1945 abgelöst worden. Ich hatte genau wie voriges Jahr das Glück, von einem Jahr ins andere Posten zu stehen. Schlagartig begann überall zur gleichen Zeit das Schießen. Auch die Front, ob es nun von hüben oder drüben kam, weiß ich nicht, war zur Stunde ziemlich unruhig. Aber unter all dem Schießen vermißte ich das heimatlicheGlockengeläute.
...Zur Feier des gestrigen Tages waren wir nach Radom ins Kino. Der heutige Dienst ist ebenfalls gemütlich, aber er kann nicht als Freizeit gewertet werden. Und solange bei mir bei solchen Tagen nicht der Fall ist, . . . . ! Wir können noch froh sein, daß wir die vergangenen Festtage so ruhig verlebt haben.  Wie habe ich in den beiden letzten Tagen in alten Jahr an Euch gedacht u. an die schönen Festtage, die ich bisher mit Euch verleben durfte. War es nicht immer wunderschön zu Neujahr als wir noch alle beisammenwaren? Wenn wir des Morgens aufstanden u. Vater hatte mit etwas Glück ein paar Britzeln gewonnen (Kartenspiel) oder in den letzten Jahren mußtet Ihr sie selbst backen. Schmeckten sie nicht “bestens”? Im übrigen bin ich inzwischen zu der Erkenntnis gekommen , daß alles, was Ihr auch nur an Speisen zubereitet habt von bestem Geschmack war. Das, was ich damals unter Murren aß, würde ich heute als mein bestes Essn hinstellen. Wenn ich manchmal an die Vielseitigkei denke u. mir dies u. jenes in Erinnerung kommt, dann läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Ich will mit diesem Teil Schluß machen, denn es hilft doch alle nicht. hoffen wir, daß uns das Jahr 1945 nicht solche schweren Kriegsleiden aufbürdet u. möge uns Gott doch in diesem Jahr den ersehnten Frieden schenken. So denken wohl unzählige Menschen. Aber . . .(Zusatzzettelchen): Haben wir nicht schon 6 mal so gedacht u. gesprochen am Neujahr? - ...  In der vergangenen Nacht konnte ich durch den Trubel und Specktakel der “Fröhlichen” meinen Brief nicht fortsetzen...  trotzdem hoffen wir auch heute auf ein friedenbringendes Jahr. Diese Hoffnung darf niemals zunichte gehen, denn sonst . . . . ?! Auf Neujahr eventuell einen Brief von zu Hause zu erhalten, wurde nicht Wahrheit. Seit der ersten Post, habe ich noch keine wieder erhalten. Ich hoffe täglich wieder auf Nachricht von Euch.Ich will nun zum Schluß kommen. Ich wünsche Euch nochmals ein glückliches gesundes Neues Jahr u. möge das Jahr 45 uns tatsächlich den ersehnten Frieden bringen.
Viele Grüße, Euer Heinrich

Leider wurden meine Hoffnungen nicht erfüllt. Meinen Frust habe ich unbewußt mit Briefeschreiben entsorgt. Diese Briefe widerspegeln die seinerzeitigen Lebensverhältnisse, Gedanken und Sorgen, Probleme und deren Lösung. Im folgenden Brief vom 4.1.45  will ich u.a.die  Eltern wegen meiner politischen Geschwätzigkeit beruhigen:

Meine Lieben !                            4.1.45
Nachdem ich soeben meine Körperpflege für heute abend u. damit für diese Woche beendet habe, möchte ich die Gelegenheit ausnutzen, um Euch schnell einen Brief zukommen zu lassen; denn morgen früh fährt unser ROB Uffz. zurück nach Deutschland. Ich will auch gleich die Zulassungsmarke beilegen, die ich von ihm bekommen habe. Verbraucht sie nicht gleich, vielleicht hat Herbert wieder Pech u. Ihr könnt sie dann für ihn benutzen. (Vor Gebrauch einfetten!) ...
Ihr macht Euch anscheinend sehr viel Sorge über meine “freie Meinungsäußerung”. Glaubt mir, ich habe den Entschluß gefaßt zukünftig vorsichtiger zu sein. ...

Im folgenden Brief vom 8.1.45 schreibe ich mal wieder Näheres über die Päckchen -  Zulassungsmarken, die auf ein Päckchen für die Soldaten geklebt werden, weil dieser Paketdienst einerseits , wie alle Feldpost, unfrankiert von der Reichspost befördert wurde, andererseits konnten nur sehr begrenzt viele Päckchen ins Feld geschickt werden. Der gesamte Feldpostverkehr, ob nur Brief oder Päckchen, war für die Daheimgebliebenen wie auch für die Soldaten gleichermaßen wichtig. Es war der einzige Weg, gegenseitig Neuigkeiten und Nachrichten sowie  Kummer und Sorgen auszutauschen. Wenn mal für mich nichts bei der Postverteilung dabei war, konnte ich mich damit trösten, dass  die Vorfreude, bekanntlich die schönste Freude, länger dauerte und ich sie auch dementsprechend  besonders genossen habe. Vielleicht war ich insofern ein Lebenskünstler, der das Beste aus der traurigen Situation zu machen versuchte und zugleich verstand, sich mit kleinen Dingen das Leben  etwas erträglicher zu gestalten.
        

Meine Lieben!                    8.1.45.

Wenn der gewöhnliche Nachtverlauf nicht gestört wird, dann hätte ich eine ruhevolle Nacht vor mir, denn ich hatte das Glück meine Wache bereits 5.00 – 6.00 Uhr zu stehen. Aber beim “Barras” ist eben alles möglich u. so kann ich nicht voraussehen, wie die Nacht tatsächlich verläuft. Jedoch hat sich seit den Feiertagen der Dienst  etwas gelindert. Der Hauptgrund, daß ich Euch heute abend schreibe, liegt darin, daß wir  wieder Päckchenmarken ( 1zu 2kg u. 2 zu 100gr.) bekommen haben. Anscheinend gibt es jetzt nur monatlich eine Markenzuteilung. Eine 2 kg Marke habe ich bereits schon wieder gegen Zigaretten umgetauscht. Immer wieder machen sich Vorteile als Nichtraucher bemerkbar. Hoffentlich sind die bisherigen 2 Marken glücklich angekommen. In diesem Brief lagen 2 (Marken) eine 2kg u. eine 100gr. Marke ein. Die beiden anderen werde ich bei nächster Gelegenheit schicken. Von Herbert wird doch inzwischen auch eine Marke eingetroffen sein. Wenn ich nun auch einige Zulassungsmarken mehr nach Hause schicke, bedeuted das nicht, daß ich auch mehr Pakete haben will. Nun,  legt einmal einige zurück oder Ihr könnt auch Herbert mal ein Paket dafür schicken oder wenn Siegfried einmal als Adresse eine Feldpost Nr. hat, was hoffentlich noch nicht in Kürze der Fall sein wird.:Kurz und gut gesagt, Ihr wißt sehr gut, wie ich`s meine u. wie Ihr die Pakete anfertigt wißt Ihr genau so gut. (Fettigkeiten braucht Ihr keine zu schicken) Im Heimlichen hatte ich heute gehofft, daß auch für mich etwas im Postsack sei, aber auch gut; dafür ist meine Hoffnung auf morgen desto größer u.ich habe die Freude noch vor mir.
Für heute die herzlichen Grüße, Euer Heinrich

 Mein letzter Feldpostbrief datiert vom 10.1.45. Darin schildere ich von Alltäglichem und ausführlicher von meiner damaligen Stimmung und der meiner Eltern zu Weihnachten.
    
Meine Lieben!                         10.1.45.
Soeben habe ich mich noch einmal gründlich gewaschen; ich tue es wöchentlich 2 mal u. will es so lange es noch möglich ist einhalten, denn man fühlt sich wirklich viel wohler als sonst. Ich will Euch ganz kurz und bündig noch schnell, bevor ich zu Bett gehe, einige Zeilen schreiben. Als Erstes meinen herzlichen Dank für Eure lb. Briefe vom 14. u. 24. 12., die ich heute erhielt. Ich wartete schon seit einigen Tagen auf Post; die Päckchen vom 14.12.  habe ich noch nicht erhalten. Ja, Ihr schreibt mir, daß Herbert auch nur 3 100 gr. Päckchen zu Weihnachten bekommen hat. Hoffentlich sind meine Marken alle angekommen. In diesen Brief will ich auch eine einlegen. - In dem Brief vom Heiligabend schildert Ihr mir Eure Weihnachtsatmosphäre; vom schönen Mondschein; überhaupt vom herrlichen Weihnachtswetter. Ja, meine Lieben, ich erinnere mich auch noch gut, als ich in der Abendstunde meine Wache stand. Der Schnee lag hauchdünn u. der Mond sandte seine Strahlen zu uns hernieder. Ich habe auch da gestanden u. den Mond betrachtet u. meine Gedanken schweiften zu Euch. ...

Danach hatte ich keine Gelegenheit mehr, nach Hause zuschreiben, was meine Eltern veranlasste, bei meiner Einheit  sich nach mir zu erkundigen. Darauf  teilte  meine      Dienststelle Feldpostnummer 28 241 meinem Vater am 30.März 1945     folgendes mit:
Die Kompanie teilt Ihnen mit, daß Ihr Sohn, der Panzer-Grnadier Heinrich S c h ö pe,  seit dem 15.Januar 1945 in den Kämpfen bei Opoczno vermißt ist.
Die Kompanie bedauert, Ihnen keine andere Auskunft geben zu können. Sollte Ihnen von einer anderen Stelle Mitteilung über den Verbleib Ihres Sohnes zugehen, bittet die Kompanie um Benachritigung.
Heil Hitler!
Unleserliche Unterschrift
Oberleutnant u. Kp.-Chef

Mit dieser Vermißtenmeldung mussten meine Eltern fast ein Jahr lang leben. Sicherlich eine quälende Ungewißheit mit sorgenvollen Gedanken um mich. Meine
erste Karte  aus Gefangenschaft, datierte vom 28.10.45  kam am 2.1.1946 zu Hause an. Darauf hatte ich geschrieben:
Meine Lieben! Die herzlichsten Grüße aus Gefangenenschaft sendet Euch Euer Sohn Heinrich. Ich bin gesund und Wohlauf.Hoffe von Euch dasselbe.Verbleibe mit den besten Grüßen und auf ein baldiges Wiedersehen in der Heimat         Heinrich
Diese Freudennachricht soll sich wie ein Lauffeur durch die ganze Gemeinde verbreitet haben.Welch eine Erleichterung für meine Eltern, die so sehr um mich gesorgt hatten.