Durchführung und Ergebnisse der Untersuchung


Im Jahr 2010  habe ich eine geographische Untersuchung über die Gewerbeentwicklung in Ruppichteroth von 1950 – 2010 durchgeführt.  Die Daten für 1950 habe ich dem „Adressbuch 1950/51 des Siegkreises, Amt Ruppichteroth in Schönenberg“, einsehbar im Archiv der Kreisverwaltung in Siegburg, entnommen. Die Daten für 2010 habe ich dem Telefonbuch der Deutschen Telekom „Das Telefonbuch, Bonn-Rhein-Siegkreis, Ausgabe 2010, gültig bis Mai 2011“ entnommen.

Weiterhin bin ich alle Straßen des Untersuchungsgebietes mehrfach mit dem Fahrrad abgefahren und habe die Informationen auf die aktuelle Gültigkeit am Stichtag 1.6.2010 überprüft.

 Als „Gewerbe“ gelten in dieser Arbeit die Betriebe, die folgenden Kriterien entsprechen:

  • Für 1950: Betriebe, die im Adressbuch des Siegkreises,  (Ausgabe 1950/51) als Gewerbebetriebe verzeichnet sind.
  • Für 2010: Betriebe, die im Telefonbuch (s.o.) verzeichnet sind und durch Schaufensterflächen oder Informationstafeln als solche erkennbar sind UND regelmäßigen Kundenbetrieb haben. Ausnahme: die beiden landwirtschaftlichen Betriebe.


Eine solche Definition war notwendig, da es im Gemeindegebiet Ruppichteroth nach Aussagen der Gemeindeverwaltung mehr als 2000 Gewerbebetriebe gibt, die aber zum Teil als Nebenerwerbe geführt werden (z. B. Internetshops) und die in keiner für eine solche Untersuchung einsehbaren Liste erfaßt sind.  

Untersuchungsgebiet war der Ort Ruppichteroth innerhalb der durch die Ortsschilder gekennzeichneten Grenzen: d.h. 

  • nördlich: bis einschließlich Industriegebiet
  • östlich: bis einschließl. Straße „Sonnenhang“
  • südlich: bis einschließl. Straße „Obere Hirschbitze“
  • westlich: bis Ortseingang/-ausgang  „Brölstraße“

Strukturelle Veränderungen:

Wirtschaftssektoren:
Ich habe die Betriebe - wie bei geographischen Untersuchungen üblich - den 3 Wirtschaftssektoren zugeordnet:

  • primärer Sektor       : Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau
  • sekundärer Sektor   : Handwerk und Industrie
  • tertiärer Sektor        : Handel und Dienstleistungen



Der französische Wirtschaftwissenschaftler Jean Fourastie hat 1949 ein Modell aufgestellt, das besagt, dass die Zahl der Beschäftigten im tertiären Sektor in allen Gesellschaften im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung zunimmt und schließlich den größten Anteil an allen Beschäftigten ausmacht.

Umgekehrt herrscht in den wirtschaftlich am schwächsten entwickelten Staaten (oder Gebieten) der  Agrarsektor vor, in dem beispielsweise in manchen afrikanischen Staaten heute noch über die Hälfte des BIP erwirtschaftet wird.

Am Beispiel der folgenden Grafik kann man die Entwicklung der 3 Wirtschaftssektoren in Deutschland von 1800 – 2000 ablesen:

 

Diagramm einfügen???
Dabei war 1800 der primäre Sektor mit 40% der Beschäftigten der größte Sektor, er ging kontinuierlich zurück bis auf ca. 2% im Jahre 2000. Die Gründe hierfür liegen in der Erhöhung der Arbeitsproduktivität, d.h., dass in der Landwirtschaft aufgrund der Automatisierung und  Technisierung  immer weniger Beschäftigte benötigt werden, um immer mehr und bessere Nahrungsmittel zu erzeugen.

Der sekundäre Sektor hatte im Jahre 1800 einen Anteil von ca. 36%. Dieser Anteil wuchs in den Folgejahren stetig bis ca. 1970 (ca. 43%) und nahm dann aufgrund der in der Industrie zunehmenden Automatisierung  von Arbeitsabläufen ebenso kontinuierlich ab und liegt im Jahre 2000 bei ca. 33%.

Frei gewordene Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft wandern zuerst in die Industrie ab. Sobald aber dort die Arbeitsproduktivität steigt, suchen/finden die dort nicht mehr benötigten Menschen Beschäftigung im tertiären Sektor (Dienstleistungen), der von 1800 (24%) kontinuierlich und ab 1960 mit zunehmender Stärke bis auf 65% anstieg.

Inwieweit ist dieser Prozess der Veränderung der Wirtschaftssektoren nun in Ruppichteroth zu beobachten?


Wie man aus der folgenden Grafik ablesen kann,  gab es in Ruppichteroth zum Zeitpunkt der frühesten Datenerhebung im Jahre 1830 1290 Beschäftigte, davon waren 1231 Personen (= 95%) im primären Bereich, d.h. in der Landwirtschaft beschäftigt,  47 Personen (=ca. 4%) im sekundären Bereich (Handwerk und Industrie) und 12 Personen (= ca. 1%) im tertiären Bereich (Handel und im Verkauf).


Datenquelle: Karl Schröder, in Ruppichteroth im Spiegel der Zeit, 1988 / Diagramm: Wolfgang Eilmes

Wie sehen die entsprechenden Zahlen nun für die Untersuchungsjahre 1950 und 2010 aus?


Aus den unter dem Menüpunkt  „Diagramme Entwicklung 1950 – 2010“ erstellten Diagrammen ergeben sich für Ruppichteroth folgende Zahlen:

            

Betriebe in Ruppichteroth

1950

2010

Anzahl

in %

Anzahl

in %

Primärer Sektor

16

17%

2

2%

Sekundärer Sektor

18

20%

19

17%

Tertiärer Sektor

58

63%

91

81%

Gesamt:

92

112

 

Entwicklung von 1950 – 2010:

Grundsätzlich kann man feststellen, dass der in allen industrialisierten Gesellschaften stattfindende Prozess der Tertiärisierung, d.h. die starke Abnahme im primären und sekundären Bereich und die starke Zunahme im tertiären Bereich – natürlich -  auch in Ruppichteroth stattgefunden hat (die hier erhobenen Zahlen für Ruppichteroth sind allerdings nicht 1:1 mit den oben angegebenen Zahlen für Deutschland zu vergleichen, da die Zahlen für Deutschland sich auf die Beschäftigtenzahlen beziehen und die für Ruppichteroth auf die Zahl der Betriebe) .

Besonders stark ist natürlich der Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe von 16 auf 2 Betriebe, wobei man erwähnen muss, dass beide Betriebe heute nicht mehr als Haupterwerbsbetriebe geführt werden.

Die fast gleich gebliebenen Zahlen im sekundären Sektor (1950: 20%, 2010: 19%) verschleiern natürlich die Tatsache, dass der früher größte Betrieb des Ortes (HUWIL) mit zeitweise etwa 1100 Mitarbeitern seit Mitte 2010 nicht mehr besteht und die in diesem Sektor angesiedelten Betriebe bis auf die Firmen Gebrüder Willach und vielleicht Schmiho nicht zur Industrie, sondern zu dem natürlich für einen Standort enorm wichtigen  Bereich des Handwerks zählen.

Die starke Zunahme im tertiären Bereich ist – wie oben schon dargestellt – eine für industrialisierte Gesellschaften ganz normale Entwicklung. Interessant - wenn auch sicherlich nicht überraschend  - hierbei ist sicherlich die Tatsache, dass sich bei den tertiären Betrieben im Jahre 2010 viele Betriebe befinden, deren Geschäftsbereich es 1950 noch gar nicht gab oder für einen Ort wie Ruppichteroth undenkbar gewesen wären: z. B. Cetel-Satellitenservices, Hawle-Treppenlifte, Pizzeria Picasso, Kosmetik- und Nagelstudio Harder,  Söntjens-Praxis für Physiotherapie, die Schülerhilfe  oder die Praxis für Podologie , um nur einige zu nennen.   

Interessant und gleichzeitig erfreulich und wichtig ist hier auch die Tatsache, dass die medizinische Versorgung der Bevölkerung mit Ausnahme der Schließung des Krankenhauses bezogen auf die Zahl der Ärzte gleich geblieben ist bzw. die Zahl sich sogar leicht verbessert hat: hatte der Ort Ruppichteroth 1950 mit Dr. Boquoi, Dr. Ohlemüller und Dr. Koeberle 3 praktische Ärzte , 1 Zahnarzt (den fast schon legendären Dr. Ritter, an den sicherlich jeder seiner Patienten seine eigenen lebenslangen Erinnerungen hat)  sowie den Tierarzt Prof. Dr. Dahmen und seinen Nachfolger Dr. Thomä, so praktizieren 2010 mit Dr. Herlach, Dr. Pach, Frau Tydecks-Ahr 3 „Fachärzte für Allgemeinmedizin“, 2 Zahnärzte (Frau Jung und Herr Wolf) sowie eine Tierärztin in der Kleintierpraxis Landvet. Natürlich muss man hier berücksichtigen, dass die Bevölkerungszahl gestiegen ist, so dass das Verhältnis der Zahl Einwohner zur Zahl der Ärzte verschlechtert hat.

Alle Untersuchungen zu Wirtschaftstandorten gehen davon aus, dass die oben beschriebene Tertiärisierung in Zukunft noch weiter und noch schneller fortschreiten wird.

„Das derzeit am höchstens zu erreichende Entwicklungsniveau markiert eine Dienstleistungsgesellschaft, wie sie in den meisten Ländern Europas herrscht. In Frankreich oder Großbritannien liegen die Anteile der Dienstleistungen am BIP bei über 70%“ (Cornelsen, Mensch und Raum , 2007, S. 100).

 So beängstigend dies klingen mag, ergeben sich hier jedoch auch neue Möglichkeiten (auch für Orte wie Ruppichteroth):

Verschiedene Untersuchungen zu den zu erwartenden Veränderungen in diesem Bereich gehen davon aus, dass die Zahl der zu Hause – und nicht im Büro am fernen Arbeitsplatz – aufgrund der modernen Kommunikationsmöglichkeiten (Internet) möglichen Tätigkeiten stark zunehmen wird. Die von manchen Betrieben als zu peripher angesehene Lage von Ruppichteroth wäre dann kein entscheidender Nachteil mehr und könnte von zahlreichen Vorteilen der Lage im Bereich der sog. „weichen Standortfaktoren“ aufgewogen werden.

Weiterhin werden in Zukunft – insbesondere durch den Alterungsprozess, aber auch durch den vorhandenen Wohlstand  der Bevölkerung -  viele Dienstleistungen angeboten werden, die heute noch von den Personen selbst ausgeführt werden, die aber sie aber im höheren Alter nicht mehr selbst ausführen wollen oder können und dann an Dienstleister vergeben. Die USA sind sicherlich hier schon viel weiter als wir. Dort gibt es kaum eine Tätigkeit, die man nicht von einem Dienstleister erledigen lassen kann. Beispiele könnte ich Ihnen verschiedene nennen, sie sind jedoch teilweise so seltsam - aber offensichtlich finanziell einträglich – dass sie die Ernsthaftigkeit des Restes dieses Textes in Frage stellen würden.

Nach meiner Kenntnis gibt es in der Gemeinde Ruppichteroth schon mindestens einen Dienstleister, der vor allem - aber nicht nur - älteren  Personen  Beratungen, Erledigungen von Schreibarbeiten, Erledigung von Behördenkontakten  und ähnliche Dienstleistungen insbesondere im Gesundheitsbereich und Angelegenheiten des häuslichen Alltags anbietet.                                                         

Branchenspezifische Veränderungen:

Besonders auffällig und schwerwiegend ist natürlich der Wegfall des früher größten Arbeitgebers HUWIL. Weiterhin sind im Ort – neben den landwirtschaftlichen Betrieben -  seit 1950 ersatzlos weggefallen: 3 Schumacherbetriebe, 1 Sattlerei-/Polstereibetrieb, 1 Landmaschinenbetrieb, 1 Uhrmacherbetrieb/Schmuckgeschäft, 2 Schneiderbetriebe, 1 Schmiede, 2 Kaufhäuser, 2 Schullandheime, 1 Krankenhaus,1 Märchenwald, 6 Lebensmittelgeschäfte (Konsum,Büdchen, Adam, Junghanns, Schwerm, Tillmann) , 1 Elektrogeschäft, 1 Malerbetrieb , 1 Bekleidungsgeschäft, 1 Autohandel mit Tankstelle, 1 Cafe,  1 Hutgeschäft, 2 Metzgereien: Schmitz/Halang, Berghaus/Kaltenbach,  2 Gärtnereien: Viethen, Gräf, 1 Farbengroßhändler, 1 Weingroßhändler, 2 Bäckereien, 1 Textilgroßhändler, 1 Schreibwarengeschäft.

Die Namen dieser Betriebe können Sie den Karten entnehmen.

Einige Betriebe sind von anderen Inhabern übernommen worden, zahlreiche andere sind neugegründet worden. Details entnehmen Sie bitte den Karten.

Eine letzte Veränderung in der  Gewerbestruktur von Ruppichteroth ist natürlich jedem Leser bekannt, sollte aber der Vollständigkeit halber und wegen ihrer großen Bedeutung für den Ort erwähnt werden: die Existenz von 4 großen Supermärkten: Aldi, Lidl, Netto, Penny.

Zahl der Betriebe in Ruppichteroth:

Wenn man sich die Gesamtzahl der Betriebe anschaut, scheinen die Veränderungen eher gering zu sein: 1950: 92, 2010: 112.  Wenn man sich jedoch die Zahlen näher anschaut, erkennt man, dass von den 92 Betrieben 1950 im Jahre 2010 nur noch 18 Betriebe existieren. Dies ist sicherlich bemerkenswert und in vielen Fällen für die von der Aufgabe betroffenenen Betriebe eine wirtschaftlich und menschlich schwer zu verkraftende Angelegenheit, insbesondere da die Betriebsinhaber – im Gegensatz zum Beispiel zu den großen Supermärkten – meist ortsansässige Gewerbetreibende waren, am örtlichen Leben teilnahmen und den Betrieb nach oft mehreren Generationen schließen mussten.

Andererseits ist dies eine in allen Städten und Dörfern zu beobachtende Entwicklung, die in Zukunft – u.a. auch wegen der zunehmenden Bedeutung des Internet als Einkaufsort - wohl eher noch  zu- als abnehmen wird.

Räumliche Veränderungen der Gewerbestruktur in Ruppichteroth:

Die aus den im Menü abrufbaren Karten der Untersuchung zeigen insgesamt eine Verlagerung der Gewerbebetriebe vom Ortszentrum im Oberdorf an die Brölstraße. Waren 1950 die Marktstraße, die Wilhelmstraße und die heutige Burgstraße (damals Hauptstraße) das geschäftliche Zentrum Ruppichteroths, so hat sich dieses inzwischen eindeutig an die Brölstraße verlagert. Insbesondere die Betriebe mit höherer Kundenfrequenz befinden sich hier, während das früher belebte Zentrum im Oberdorf (insbesondere Marktstraße) bis auf 2 Tage im Jahr (Weihnachtsmarkt)  ein eher beschauliches Dasein absolviert. Ein Vorteil für die Kunden der wenigen sich hier noch befindlichen Gewerbebetriebe ist sicherlich die Tatsache, dass es fast immer leicht fällt, einen Parkplatz nahe beim Geschäft zu bekommen.

Ein weiterer Gewerbeschwerpunkt  befindet sich 2010 im Industriegebiet am Bacher Busch.

Hier haben sich sowohl Handwerksbetriebe als auch Dienstleistungsbetriebe niedergelassen. Details s. Karten.

Eine Überraschung war für mich die Gewerbeentwicklung im „Gewerbepark Malcoc“ auf dem Gelände des früheren HUWIL-Werk 2. Benannt  nach dem Besitzer des Grundstückes Herrn Tuncay Malcoc, befinden sich auf dem Grundstück 2010 mehr als 30 unterschiedliche Gewerbe des sekundären und tertiären Sektors. Die Eintragungen in den Karten habe ich auf der Grundlage der Tafel am Eingang zum Gewerbepark an der Eitorfer Straße vorgenommen. In einem Gespräch von Anfang November 2010 teilte mir Herr Malcoc mit, dass diese Tafel  - und auch das Telefonbuch - nicht alle  Betriebe enthalte. Die tatsächliche Zahl liege bei deutlich über 40 und er sei noch mit mehreren Interessenten in Verhandlung bzw. stehe bei einigen kurz vor dem Abschluss.

Unabhängig von der konkreten Zahl der Betriebe muss man feststellen, dass sich hier in den letzten Jahren das größte Gewerbezentrum (bezogen auf die Anzahl der Betriebe pro Fläche)  des Ortes entwickelt hat. 30 oder 40 Betriebe mit Standort Gewerbepark Malcoc bedeutet, dass sich hier 25% bzw. 35% aller Betriebe des Ortes befinden.

Um die Entwicklung im  Ort Ruppichteroth mit der in anderen Orten, Gemeinden oder Städten vergleichen zu können, wäre die Erhebung von Daten zur  „Anzahl der Beschäftigten“ notwendig, da dies die allgemein angewandte wissenschaftliche Bezugsgröße ist. Diese Daten standen für diese Untersuchung jedoch aus datenrechtlichen Gründen nicht zur Verfügung, weshalb die hier gewählte Bezugsgröße die Anzahl der Betriebe ist, die in den allgemein zugänglichen Quellen von jedermann erfaßt werden kann.


Ich hoffe, dass Sie dennoch einen gewissen Überblick über die gewerbliche Entwicklung in Ruppichteroth in den letzten 180 Jahren und insbesondere im Zeitraum von 1950 – 2010 erhalten haben.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre, neue Erkenntnisse und vielleicht so manche schöne Erinnerung beim Studium der beigefügten Karten und der Bilder.

 
Wolfgang Eilmes

im Februar 2011

© Eil